Krawalle bei G20-Protesten 159 Polizisten verletzt, 45 Festnahmen

Straßenblockaden, brennende Autos und Wasserwerfereinsätze: Bei den Protesten gegen den Hamburger G20-Gipfel kam es auch am Freitag zu heftigen Zusammenstößen von Demonstranten mit der Polizei.

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Gegen 7 Uhr morgens stürmten die Demonstranten an der S-Bahn-Station Berliner Tor los. Ihr Ziel: eine Hauptstraße direkt an der Außenalster, unweit der Unterkunft von Donald Trump. Im Laufschritt bewegten sich die Aktivisten durch Seitenstraßen und kleine Parkanlagen, teils aber auch über größere Kreuzungen. Mannschaftsbusse der Polizei waren ihnen stets dicht auf den Fersen.

An einer Kreuzung sprangen die Beamten aus ihren Autos und versuchten den Aktivisten den Weg abzuschneiden. Einen Teil konnten die Polizisten stoppen, etwa hundert Aktivisten aber waren schneller, liefen an der sich gerade noch formierenden Polizeikette vorbei und sprinteten zu ihrem Treffpunkt an der Außenalster. Dort blockierten sie sitzend die Straße, um den Staatslenkern einen Zufahrtsweg zum G20-Gipfel zu versperren. "No border, no nation, stop deportation", skandierten die Aktivisten.

Der Beginn des Gipfels in Hamburg wurde am Freitag erneut von Gewalt überschattet. Rund um die Innenstadt wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Polizisten seien mit Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen worden, teilte die Polizei mit. Zudem hätten Demonstrantengruppen Müll und Baumaterial auf Straßen gezogen.

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Proteste gegen G20-Gipfel: Hamburg, 7. Juli

Der Polizei zufolge wurden bis Freitagmittag insgesamt 159 Beamte verletzt, außerdem hatte sie Erkenntnisse über einen verletzten Unbeteiligten. Es gab 45 Festnahmen sowie zwölf Ingewahrsamnahmen. Die Bundespolizei berichtete ihrerseits von 30 verletzten Beamten. (Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen in unserem G20-Newsblog)Wie viele Demonstranten verletzt sind, ist noch unklar. Es gebe derzeit keine belastbaren Zahlen, aber Berichte "von vielen, teils erheblich verletzten Personen", teilte das Alternative Medienzentrum FCMC mit.

Am Freitagmorgen warfen rund 60 Vermummte im Stadtteil Altona laut Bundespolizei mit Böllern und Steinen und beschädigten einen Streifenwagen. Auf ein leeres Polizeiauto wurde demnach ein Molotowcocktail geworfen, der aber nicht zündete.

Rund um die Sicherheitszone am Tagungsort in den Messehallen versammelten sich Demonstranten zu mehreren Sitzblockaden, um Anfahrten der Delegationen zu verhindern. Die Polizei setzte nach eigenen Angaben am Schwanenwik an der Alster und an der Schröderstiftstraße nahe den Messehallen auch Wasserwerfer ein, um Blockaden aufzulösen. Sie rief dazu auf, die Straßen freizuhalten und die Delegiertenkonvois nicht zu behindern.

Der Polizei zufolge bewegten sich Gruppen von teils mehreren Hundert Menschen durch die Stadt. An der Ludwig-Erhard-Straße in unmittelbarer Nähe der Hamburger City verhinderten Beamte demnach, dass bis zu tausend Menschen die Fahrbahn betraten.

An den Landungsbrücken hatten sich um 7 Uhr etwa 350 bis 400 Gipfelgegner versammelt, um als Teil des Sternmarsches den Zugang zum Tagungsort zu blockieren. Die Polizei ließ die Ansammlung - deren Teilnehmer zum großen Teil in lila Maleranzügen aufmarschiert waren und aufblasbare Krokodile bei sich trugen - zunächst loslaufen.

Keine 50 Meter weiter blockierte die Polizei dann den Zug unter der Kerstan-Miles-Brücke. Offenbar sollte die Demonstration genau an dieser Stelle enden. Binnen Sekunden eskalierte die Situation: Die Polizei rückte gegen die Demonstranten vor, setzte auch Schlagstöcke und Reizgas ein, aus dem Demonstrationszug flogen vereinzelt Bengalos und Böller auf die Beamten, die diese mit den Füßen zurück in die Menge traten.

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Es folgte ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel durch den Park zwischen Bismarck-Denkmal und Landungsbrücken, bei der es der Polizei gelang, die Demo aufzulösen und kleinere Gruppen in den Seitenstraßen einzukesseln.

Melania Trump an Teilnahme am Partnerprogramm gehindert

Nach Berichten aus Delegationskreisen wurden einige Kolonnen von Gipfelteilnehmern durch die Blockaden aufgehalten. Es gab außerdem massive Verkehrsbehinderungen. Der Busverkehr in der inneren Stadt war aufgrund der Demonstrationen nach Angaben der Hamburger Hochbahn stark beeinträchtigt. Einige U-Bahnhöfe wurden zwischenzeitlich nicht bedient, die Züge fuhren durch.

Seit Donnerstagabend gibt es in der Hansestadt Ausschreitungen von militanten Gipfelgegnern. Die Krawalle begannen bei einer Demonstration mit 12.000 Menschen unter dem Motto "Welcome to Hell".

Danach zogen Gewalttäter in kleineren Gruppen durch die Stadt. Die ganze Nacht über gab es Angriffe auf Beamte und Sachbeschädigungen. In den Stadtteilen Altona, St. Pauli und Sternschanze zündeten Radikale laut Polizei parkende Autos an und errichteten immer wieder Straßenbarrikaden. Zudem schlugen sie Fensterscheiben von Geschäften, Banken und einem Gericht ein.

US-Präsidentengattin Melania Trump wird von Demonstranten zunächst an der Teilnahme am Partnerprogramm gehindert und muss in ihrer Unterkunft, dem Gästehaus des Senats an der Außenalster, ausharren: Die Polizei gibt ihr angesichts teils blockierter Fahrstrecken keine Sicherheitsfreigabe.

Dann wird wegen der schwierigen Sicherheitslage das Partnerprogramm geändert, zu dem der Ehemann von Kanzlerin Angela Merkel, Joachim Sauer, eingeladen hat. Statt dass die Partner der Staats- und Regierungschefs ins Klimarechenzentrum fahren, kommen die Experten ins Hotel Atlantic, um ihre Vorträge über die Gefahren des Klimawandels dort zu halten.

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Die Hamburger Polizeiführung forderte inzwischen zusätzliche Unterstützung aus anderen Bundesländern an. Es seien "einige Hundertschaften" unterwegs, sagte Innensenator Andy Grote. Ein Polizeisprecher betonte, es gehe darum, in der momentanen Einsatzsituation für Entlastung zu sorgen. Nach den bisherigen Angaben sollten mindestens 19.000 Polizisten den Hamburger Gipfel schützen.

cte/ssu/ayy/AFP/dpa



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