G20-Polizeieinsatz in Hamburg Das große Katz-und-Maus-Spiel

Die G20-Regierungschefs müssen vom Hotel zum Tagungszentrum - doch Demonstranten wollen ihre Konvois blockieren. Schaffen es die 20.000 Polizisten, die Straßen zum Hamburger Messegelände frei zu halten?

Sicherheitszonen in Hamburg
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Sicherheitszonen in Hamburg

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Der Aufwand für das G20-Treffen ist gewaltig: Die Messehallen wurden zu einem Tagungszentrum umgebaut, wegen des drohenden Verkehrschaos geben Hamburger Unternehmen ihren Mitarbeitern am kommenden Freitag einen Tag frei. 20.000 Polizisten sollen das Treffen der Regierungschefs schützen - und sie werden viel zu tun haben.

Eine Vielzahl von Gegendemonstrationen ist angemeldet, Zehntausende werden gegen den G20-Gipfel protestieren. In der Regel friedlich und gewaltfrei - aber nicht zwingend.

Das macht den Gipfel zu einem großen logistischen Problem. Die Regierungschefs müssen am 7. Juli früh aus ihren Unterkünften zum Messegelände fahren. Die Hotels der Delegationen sind über das ganze Zentrum verteilt - eine Vielzahl von Routen ist möglich.

Zugleich werden vermutlich mehrere Tausend Demonstranten versuchen, die Straßen zum G20-Zentrum zu blockieren. Das Bündnis BlockG20 beispielsweise will ausdrücklich verhindern, dass Angela Merkel, Donald Trump und die übrigen Gipfelteilnehmer die Messehallen erreichen - oder zumindest dafür sorgen, dass sie mit einer Verspätung dort ankommen.

Zwar gilt im Zentrum von Hamburg während des Gipfels ein weiträumiges Demonstrationsverbot - auf der Karte unten grau umrandet. Doch die Gipfelgegner haben angekündigt, dass sie dessen ungeachtet versuchen werden, so nahe wie möglich an die Protokollstrecken heranzukommen. "Wir werden uns das Recht auf Versammlungsfreiheit nicht nehmen lassen", sagt Nico Berg von der linken Initiative BlockG20. "Wir wollen die Messehallen umzingeln und die Zugangsstraßen verstopfen."

Wie reagieren die Leibwächter?

Blockaden will die Polizei unbedingt verhindern - nicht zuletzt, weil das Sicherheitspersonal der Regierungschefs nervös reagieren könnte, wenn der Konvoi plötzlich feststeckt.

Um die Messehallen hat die Hamburger Polizei eine Sicherheitszone errichtet, die über mindestens vier Zufahrten für Autokolonnen verfügt (schwarze Quadrate in der Karte unten). Welche davon werden Merkel und Co. nehmen? Das Gate im Norden über den Messeplatz, das im Westen über die Lagerstraße oder das im Süden über den Karolinenplatz? Wie die Polizei die Konvois genau leiten wird, verrät sie aus verständlichen Gründen nicht.

Wie groß die Herausforderungen vor allem für die Polizei sind, zeigt das Beispiel des Hotels Atlantic Kempinski, in dem aller Voraussicht nach Angela Merkel untergebracht sein wird. Es liegt an der Außenalster.

Die kürzeste Strecke bis zum G20-Tagungszentrum ist 2,2 Kilometer lang und führt über die Lombardsbrücke mit Blick auf die Binnenalster und den Neuen Jungfernstieg zum Südost-Gate der Sicherheitszone in der St. Petersburger Straße. 200 Meter länger ist ein quasi parallel dazu verlaufender Weg über die Kennedybrücke und den Bahnhof Dammtor zum Nord-Gate. Beide Strecken sind in der Karte grün-blau gekennzeichnet.

G20-Zentrum (rot), Sicherheitszone (gelb), Gates (schwarz), mögliche Routen (blau), Hotels (violett), Demoverbotszone (grau)
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G20-Zentrum (rot), Sicherheitszone (gelb), Gates (schwarz), mögliche Routen (blau), Hotels (violett), Demoverbotszone (grau)

Sie sind zusammen schon 4,6 Kilometer lang. Will die Polizei sie sichern, sodass möglichst niemand die Straße betreten kann, wird sie womöglich Zäune aufstellen und Polizisten entlang der Zäune verteilen.

Wie viele Beamte wären dafür nötig? Platzieren sie sich in einem Abstand von nur zwei Metern auf beiden Straßenseiten, wären es 4600! Das entspricht fast einem Viertel aller in Hamburg zusammengezogenen Polizisten. Und es müssen noch viel mehr Kilometer Straße gesichert werden - es gibt ja noch viel mehr Hotels, in der Karte als violette Punkte gekennzeichnet.

Hinzu kommen mögliche Alternativrouten. Wenn die beiden kürzesten Strecken vom Hotel Atlantic zur Messe blockiert sind, könnte die Kolonne von Angela Merkel auch über die Deichtorhallen und die Willy-Brandt-Straße nach Süden ausweichen (Länge 5,1 Kilometer). Oder sie umfährt die Außenalster nördlich und kommt je nach Route auf 7,8 oder 9,2 Kilometer. Zwei weitere Strecken führen über den Gänsemarkt (2,8 Kilometer) und die Domstraße (4,5 Kilometer).

Diese sieben Routen sind auch in der Karte oben eingezeichnet. Die Gesamtlänge beträgt 34 Kilometer. Zieht man die Segmente ab, die Teil mehrerer Strecken sind, bleiben immer noch 24 Kilometer übrig.

Wollte man diese Straßen beidseitig mit Beamten im Abstand von zwei Metern sichern, bräuchte man 24.000 Polizisten - 4000 mehr, als zum G20-Gipfel abkommandiert sind. Der Personalbedarf sinkt natürlich, wenn man die Abstände vergrößert. Bei zehn Metern auf beiden Straßenseiten sind es 4800, bei 20 Metern nur noch 2400.

Steigen Regierungschefs auf Hubschrauber um?

Zu groß sollte der Abstand allerdings nicht sein, denn die Initiative BlockG20 hat angekündigt, in vielen kleineren Gruppen unterwegs zu sein. Wenn plötzlich 100 Demonstranten um die Ecke biegen und auf einen Zaun zurennen, an dem nur alle zehn Meter ein Polizist steht, könnte es der eine oder andere Protestierer bis auf die Straße schaffen. Es wird wohl ein Katz-und-Maus-Spiel werden, das sich am ersten G20-Tag auf den Straßen Hamburgs abspielt.

Angela Merkel und auch Donald Trump könnten einem drohenden Chaos auf Hamburgs Straßen auch entgehen, indem sie mit dem Helikopter zum Messegelände fliegen. Doch ihre vielen Mitarbeiter können das nicht.

Dass die Taktik der Blockierer funktionieren kann, hatten sie beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm gezeigt. Damals war der Tagungsort über Stunden für Autos nicht erreichbar.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
caty24 01.07.2017
1. Es eine Frechheit eine ganze Stadt lahmzulegen
Die Ergebnisse werden gegen NULL tendieren. Alles nur Wahlpropaganda für Frau Merkel.
Abel Frühstück 01.07.2017
2.
Was mich an solchen Artikeln stört, ist der Ton einer Sportberichterstattung. "Schafft der HSV es noch, den abstiegzu vermeiden? Klicken Sie hier!" Die Medien warten förmlich auf den ersten Krawall, den Sie ein Stück weit selbst herbeischreiben. Mich stößt das ab.
frederic_1618 01.07.2017
3. romantischer Vorschlag
die höheren Würdenträger werden via Großdrohne eingeflogen, die von der niederen Observanz reisen als facility-service an. Alles wird gut.
neuroserve 01.07.2017
4. U-Bahn?
Vom Atlantic kann man auch zum Hauptbahnhof gehen und dann zwei, drei Stationen bis Messehallen fahren. Fertig ist die Laube.
grommeck 01.07.2017
5. Regierungschefs müssen sich vor ihren Untergebenen in Sicherheit
bringen - lassen. Die Staatsmacht schützt Klimawandelleugner und Kriegstreiber, Bankenretter und Armutserzeuger. Welch wunderbares Ding ist doch solch eine marktkonforme Demokratie, denn trotzdem dürfen diese Störer in angemessener Entfernung natürlich demonstrieren, friedlich, ruhig und zurückhaltend. Der Mond wäre ein guter Ort, an dem jeder laut seine Meinung sagen könnte und es würde auch die Kosten für Polizei und andere "Sicherheitsdienste" senken, aber das ist erst beim nächsten Gipfel angedacht. Wenn bis dahin nicht endlich das Verbot der öffentlichen Kritik an Regierungen durch ist. Das wäre ein wahrer Fortschritt.
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