G20 und die Globalisierungskritiker Angst vor den 45 Prozent

Fast die Hälfte der Europäer sieht Globalisierung als Bedrohung - das öffnet rechten Kräften das Tor. Um sie zurückzudrängen, muss die Weltwirtschaft sozialer werden. Beim G20-Gipfel kann sie damit anfangen.

Polizisten vor G20-Gefängnis in Hamburg
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Polizisten vor G20-Gefängnis in Hamburg

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Ob sich Narendra Modi für die Probleme deutscher Facharbeiter interessiert? Oder Xi Jinping? Vor dem G20-Gipfel ist das eine ganz wichtige Frage. Die mächtigen Männer aus Indien und China sollen verstehen, dass viele Menschen in den alten Industrieländern sich große Sorgen machen um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und einen möglichen sozialen Abstieg. Und sie sollen auch verstehen, dass das etwas mit ihnen zu tun hat.

In Indien und China, genau wie in Brasilien, Indonesien und anderen G20-Ländern hat die gewaltige Handelsdynamik der vergangenen Jahrzehnte eine Milliarde Bauern und Tagelöhner aus der Armut katapultiert. Es war eine berauschende Entwicklung. Zur selben Zeit sind im Westen viele auf der Strecke geblieben. Während sich auf der einen Seite eine neue Mittelschicht herausbildet und festigt, hat ein großer Teil der Mittelschicht in Europa und den USA die Hoffnung auf eine bessere persönliche Zukunft verloren.

Für diese westliche Gemütslage sollen Modi, Xi und Co. empfänglich sein, wenn sie jetzt zusammenkommen: zum Gipfeltreffen in einer dieser schönen, reichen Städte der Alten Welt, in Hamburg. Dort, wo man auf die Tradition als Handels- und Hafenstadt stolz ist und in den Klubs eine goldknopfige Kaufmannsehre pflegt. Dass aber ein großer Teil des Reichtums auf dem Rücken ungezählter Menschen irgendwo weit weg erwirtschaftet wurde, in Asien, Südamerika und Afrika, vergessen die Hamburger Kaufleute meistens.

"Die Vorteile des Wirtschaftswachstums müssen breiter verteilt werden"

Ausgerechnet in dieser Hochburg der Selbstzufriedenheit sollen Inder und andere, die in der Zukunft noch viel zu gewinnen haben, die Sorgen ihrer einstigen Ausbeuter ernst nehmen. Wie kann das gutgehen?

Es muss, irgendwie. Eine Formel, mit der die G20-Staaten arbeiten könnten, haben sie schon beim vorigen Gipfel im chinesischen Hangzhou gefunden: "Die Vorteile des Wirtschaftswachstums müssen breiter verteilt werden", hieß es dort im Abschluss-Kommuniqué. Ein richtiger Satz, aber eben auch ein typischer Kommuniqué-Satz, unter dem jeder etwas anderes verstehen kann: fairen internationalen Handel, bessere Chancen für Entwicklungs- und Schwellenländer oder eine gerechtere Verteilung des Reichtums innerhalb der einzelnen Staaten.

Die europäischen Politiker haben in erster Linie ihre eigene Lage im Kopf. Viele, zu viele ihrer Bürger sehen sich als Verlierer der großen Wirtschaftsverflechtung: Sie leben in einer Zeit des Reichtums, haben aber nichts davon. Sie wissen, dass auch der technologische Wandel eine wichtige Rolle spielt, machen jedoch vor allem die Entgrenzung der Welt verantwortlich.

Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, hat deshalb auf dem G7-Gipfel Ende Mai im italienischen Taormina gesagt: "Wir müssen auch an die 45 Prozent der Europäer denken, die glauben, dass die Globalisierung eine Bedrohung ist und keine Chance."

45 Prozent, eine enorm hohe Zahl. Sie ist nicht ganz aktuell, erhoben hat sie die Bertelsmann Stiftung im vergangenen Herbst. Aber es ist die Zahl, mit der die EU-Spitzenleute jetzt argumentieren, die Zahl, vor der sie Angst haben.

"Der Populismus lauert weiter auf seine Chance"

Denn mit einer schwachen Mittelschicht kann alles in Rutschen kommen. So ist Demokratie. Aus dem Reservoir von Junckers 45 Prozent speisen sich die populistischen Bewegungen und all jene, die noch weiter rechts stehen.

Dass Marine Le Pen die französische Präsidentschaftswahl verloren hat und dass die groteske Regierungsarbeit von Donald Trump auch für rechte Globalisierungskritiker ein abschreckendes Beispiel ist, hat für eine Atempause gesorgt. Mehr ist es nicht. Bei einem Auftritt in Berlin warnte der französische EU-Währungskommissar Pierre Moscovici vor einigen Tagen eindringlich davor, sich zurückzulehnen: "Der Populismus hat Schlachten verloren, aber nicht den Krieg, er lauert weiter auf seine Chance."

Anders als die traditionellen Globalisierungskritiker von links werden die Rechten in Hamburg nicht auf die Straße gehen, sie halten keine Plakate hoch und machen keinen Lärm. Aber sie können darauf setzen, dass die Probleme, die ihnen in die Hände spielen, nicht so schnell verschwinden. Und drinnen, in den abgeschirmten Verhandlungssälen, sitzt ja schon Trump, im Grunde einer von ihnen.

Neben den widerwärtigen Parolen, den fremdenfeindlichen, rückwärtsgewandten und nationalistischen Sprüchen zeigen diese Gruppen auch ein soziales Gesicht. Und damit kann es ihnen gelingen, tief in die eigentlich moderate Mittelschicht vorzudringen.

Selbst die Identitären, die Avantgarde des neuen Rechtsextremismus, haben vor 15 Jahren in Frankreich als "Europäische Sozialbewegung" begonnen. Ihre heutigen Manifeste sind ein übles Gebräu aus Kulturkritik, Elitenfeindschaft und Ausländerhass, angereichert mit einer Dosis Sozialismus. Bei den französischen Identitären liest sich das so: "Die Neue Welt ist eine der Start-ups, der kalifornischen Demagokraten, der immer gleichen Flughafen-Hubs in Dubai, Frankfurt oder Singapur. Die Privilegierten glauben zum Genuss ihrer ererbten Vermögen berechtigt zu sein, um sich zu amüsieren und unter ihresgleichen zu bleiben, in allen vier Ecken des Globus."

In abgemilderter Form sind das auch die Themen der deutschen AfD. In ihrer "Strategie für das Wahljahr 2017" spricht sie sich dafür aus, "Globalisierungskritik auf einer seriösen, d.h. unemotional-analytischen Basis" zu betreiben. Die rechtspopulistische Partei will "Wohlstand für alle" und die "Unterstützung von sozial Schwachen in der eigenen Gesellschaft". Es ist der Versuch, die verunsicherte Mittelschicht zu erobern. Der internationale Trend und die eigene Zerstrittenheit arbeiten zwar gerade gegen die AfD. Aber das muss nicht so bleiben.

Jetzt geht es darum, die Globalisierung neu zu erfinden

Das weiß auch die Gastgeberin von Hamburg, Angela Merkel. Sie steht vor der schwierigen Aufgabe, in einer Zeit brutaler politischer Fliehkräfte die Runde zusammenzuhalten. Natürlich ist die G20 nie eine Weltregierung gewesen. Doch nach dem Finanzcrash 2008 haben die Mächtigen in diesem Kreis verhindert, dass es zu einem noch längeren, noch tieferen Absturz kommt, zu einer Wiederholung des Desasters der Dreißigerjahre, das zum Aufstieg Adolf Hitlers führte.

Jetzt geht es darum, die Globalisierung neu zu erfinden. Also den Welthandel gerechter und sozialer zu machen, gemeinsam mit Ländern wie Indien und China. Und notfalls ohne Konsens mit den USA.

Was das konkret bedeuten könnte, darüber hat sich Amrita Narlikar eine Menge Gedanken gemacht. Die Leiterin des German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg berät die Bundesregierung und hat engen Kontakt zu Merkels Wirtschaftsberater und "Gipfel-Sherpa" Lars-Hendrik Röller. Narlikar stammt aus Indien und hat im englischen Cambridge das "Center for Rising Powers" gegründet, ehe sie 2014 nach Hamburg kam. So hat sie eine neue Weltsicht in die Hansestadt gebracht.

An den Tisch holen allein reicht einfach nicht

Zu lange, sagt sie, habe man im Westen geglaubt, "man müsse Länder wie Indien, China oder Brasilien nur an den Tisch der internationalen Organisationen holen, dann würden sie sich schon brav bedanken und tun, was man ihnen sagt". Weil Deutschland keine auftrumpfende Großmacht ist, sei es jetzt als G20-Gastgeber besonders gut geeignet, "für eine Globalisierung mit sozialem Gesicht zu werben".

In ihrem Szenario für einen Neustart ohne die USA setzt Narlikar voraus, "dass einzelne Länder bereit sind, Führungsverantwortung zu übernehmen" - dabei denkt sie etwa an den starken Auftritt Xi Jinpings Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Aber sie sieht natürlich auch die Hindernisse, die einer gemeinsamen Linie entgegenstehen. Zum Beispiel dadurch, dass Länder wie Russland und die Türkei zum Kreis der G20 gehören, die auf vielen Ebenen "die westliche freiheitliche Ordnung herausfordern".

Die Hoffnung der GIGA-Chefin ist, dass das Interesse an ökonomischen Win-win-Situationen größer ist als nationaler Eigensinn. Denn wenn es zur Deglobalisierung kommt, wenn Populismus und Protektionismus wieder zunehmen, weil es keine Perspektive für die westliche Mittelschicht gibt, dann werden alle zu Verlierern. Narlikar hat recht, wenn sie sagt: "Die Last für die Armen wäre weit höher als für die Reichen." Überall auf der Welt.

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