Große Politik und große Randale in Hamburg Was nach dem G20-Gipfel anders ist als vorher

In Hamburg wird aufgeräumt, die große Politik zieht weiter. Was hat der G20-Gipfel denn nun verändert? Für Kanzlerin Merkel, für Trump, Putin und Erdogan, für den Bürgermeister der Stadt und seinen Polizeichef und - für die Welt?

G20-Protest in Hamburg
Getty Images

G20-Protest in Hamburg



Was hat der G20-Gipfel gebracht für…

... den Klimaschutz?
Von Christoph Seidler

Greenpeace-Aktivisten fordern das Ende der klimaschädlichen Kohle
DPA/ Greenpeace Germany

Greenpeace-Aktivisten fordern das Ende der klimaschädlichen Kohle

Niemand kann im Ernst geglaubt haben, dass sich Donald Trump ausgerechnet an der Elbe umstimmen lässt. Dass der US-Präsident auf einmal doch den Klimavertrag von Paris unterstützt, das stand nie zur Debatte. Insofern ist das Ergebnis, das Kanzlerin Angela Merkel verkünden konnte, durchaus passabel: 19 Staaten sichern zu, das Klimaschutzabkommen umzusetzen.

Gleichzeitig nehmen die anderen wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt "zur Kenntnis", dass die USA diese Umsetzung einseitig aufgekündigt haben. Die G19, wenn man sie so nennen will, bezeichnet die Klimavereinbarung als "unumkehrbar" und verspricht, diese rasch umzusetzen.

Der Gipfel hat einen detaillierten Klima- und Energieaktionsplan auf den Weg gebracht. Er fordert langfristige Klimaschutzstrategien der Staaten ein, richtet etwa Entwicklungshilfe und Infrastrukturinvestitionen am Klimaschutz aus. Das ist neu für die G20. Und es ist alles andere als selbstverständlich - zumal in einem gemeinsamen Teil des Gipfeldokuments sogar betont wird, dass alle 20 Staaten die Reduzierung der Treibhausgase zum Ziel haben.

Nach dem US-Rückzug hätten durchaus auch andere Staaten ihren Kurs beim Klimaschutz ändern können. Allen voran Russland und Saudi-Arabien standen bei Umweltschützern unter strenger Beobachtung. Doch passiert ist das nicht. Lediglich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte nach Gipfelende, sein Land werde das Abkommen von Paris nicht umsetzen. Doch so dramatisch wie sie klingt, ist diese Ankündigung wohl nicht. Tatsächlich hat das türkische Parlament die Ratifizierung des Vertrags schon vor Wochen gestoppt.

Was ist für die Rettung des Weltklimas nun nach dem G20-Gipfel anders als vor dem Start des Treffens? So gut wie nichts. Die bisherigen Zusagen der Staaten zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen reichen nicht aus, um die dramatischsten Folgen des Klimawandels zu begrenzen. Stichwort Zwei-Grad-Ziel. Hamburg hat allerdings die Gewissheit gebracht, dass die Menschheit nicht noch weiter vom Kurs abkommt, als sie es bisher ist.


... den Handel?
Von David Böcking

Hafenarbeiter in Hamburg
Getty Images

Hafenarbeiter in Hamburg

Beim Handel ändert sich erst einmal nichts - und das ist aus Sicht der meisten Beteiligten schon ein Erfolg. Ähnlich wie beim Klimaschutz galt es auch in der Handelspolitik, den Status quo gegen die neue US-Regierung zu verteidigen.

Denn Donald Trump schlug gleich zu Beginn seiner Regierung einen protektionistischen Kurs ein. Bei einem Treffen der G20-Finanzminister verhinderten die Amerikaner noch im März die bislang übliche Absage an Protektionismus. In der Erklärung von Hamburg findet sie sich nun aber wieder.

Doch Trumps Kurs führt auch dazu, dass die oft sehr unverbindliche Abschlusserklärung in einem Punkt konkreter wird: Bis November 2017 fordert die G20 einen seit Langem erwarteten Bericht zur Frage an, wie Überkapazitäten im Stahlsektor reduziert werden können. Hintergrund ist Trumps Drohung, Stahlexporteure in Europa und China wegen angeblicher Dumpingpraktiken mit Strafzöllen zu belegen.

Geändert hat sich schließlich auch die Rhetorik der G20: "Wir erkennen, dass die Vorteile des internationalen Handels und internationaler Investitionen nicht breit genug geteilt worden sind", heißt es in der Erklärung von Hamburg.

Das ist auch eine Reaktion darauf, dass viele Globalisierungsverlierer für Trump oder den britischen EU-Austritt stimmten. Vor einem Jahr hatten die G20-Führer im chinesischen Hangzhou noch weniger selbstkritisch behauptet, dass die Vorteile von Handel und offenen Märkten lediglich "wirksamer kommuniziert" werden müssten.


... die Terrorbekämpfung?
Von Matthias Gebauer

Terrorübung eines spanischen Einsatzkommandos
AP

Terrorübung eines spanischen Einsatzkommandos

Der Kampf gegen den Terror war eins der wenigen absehbaren Konsensthemen des G20-Gipfels. Von Beginn an wusste Angela Merkel, dass es hier keine Konflikte geben würde - auf das Prinzip "Wir wollen mehr tun" können sich selbst die störrischen USA jederzeit einlassen.

Folglich verabschiedete der Gipfel die vereinbarten Passagen einhellig. So will die G20-Gemeinschaft mehr Informationen über bekannte Terroristen und Verdächtige austauschen. "Alle Quellen, Techniken und Kanäle der Terrorismusfinanzierung" sollen ausgetrocknet werden.

Keine Frage, die Ideen der G20 sind gut. Neu aber sind sie nicht. Seit 9/11 reden die Staatschefs über besseren Austausch. Praktisch aber scheitert der gute Wille am nationalen Egoismus, die wirklich guten Geheimdienstinformationen teilt niemand gern.

Ganz ähnlich sieht es bei den Finanzquellen aus. Noch immer sind die Golfnationen für die Finanzierer des Terrors ein sicherer Rückzugsraum. Bis heute betreuen die Banken dort auch zweifelhafte Persönlichkeiten aus der Terrorszene.

Das eigentliche Manko sprach Angela Merkel selbst zum Gipfel-Ende an: Besonders die Europäer wurden in den vergangenen Jahren immer häufiger Opfer von kleinen, nicht generalstabsmäßig geplanten Terrorattacken. Für diese, so Merkel, brauche man keine großen Finanztransfers.


... das Verhältnis zu Saudi-Arabien?
Von Dominik Peters

Merkel, Vertreter Saudi-Arabiens al-Assaf und Al-Jadaan (rechts)
TRUEBA/ EPA/ REX/ Shutterstock

Merkel, Vertreter Saudi-Arabiens al-Assaf und Al-Jadaan (rechts)

Die G20 ist keine Werte-, sondern eine Interessengemeinschaft. Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig, dass mit Saudi-Arabien nun das einzige arabische Mitgliedsland zum Ausrichter des Gipfels im Jahr 2020 benannt worden ist. Der mit saudischen Geldern finanzierte TV-Sender al-Arabija berichtete am Samstag prominent über die Entscheidung.

Die Wahl ist mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen in der Region bizarr. Mohammed bin Salman, Saudi-Arabiens junger Kronprinz und Spiritus Rector der aggressiven Katar-Politik sowie des Kriegs im Jemen, dürfte sich in seinem Handeln noch bestätigt fühlen.

Er dürfte es auch sein, der vor Ort für die nötige Sicherheit sorgen wird. Szenen wie im Schanzenviertel wird es in Saudi-Arabien nicht geben. Die repressive Wüsten-Monarchie dürfte außerdem viel zu weit entfernt sein für Krawallmacher.

Der junge Autokrat könnte den G20-Gipfel in drei Jahren nutzen, um eine Art "Zehn-Jahresplan" (welt-)öffentlichkeitswirksam anzuschieben, schließlich ist er auch die treibende Kraft hinter der "Vision 2030" - einem Billionenprojekt, das den märchenhaften Reichtum des Landes wahren soll, indem die Gesellschaft zwischen Riad und Jiddah modernisiert wird und die eigene Wirtschaft ihre Abhängigkeit vom Öl Schritt für Schritt reduziert.


... Afrika?
Von Christoph Titz

Kinder in Somalia
REUTERS

Kinder in Somalia

Im Südsudan, in Somalia und im Norden Nigerias leiden mehr als 20 Millionen Menschen Hunger, benötigt werden in der Krise drei Milliarden US-Dollar, hat das Welternährungsprogramm WFP errechnet. Gegen diese akute Not, die in allen drei Ländern durch Kriege verursacht ist, brachte der Gipfel das Versprechen der USA von guten 630 Millionen US-Dollar zusätzlicher Hilfe.

Ursächlich war es ein durchsichtiges Manöver von US-Präsident Trump, der vom eigenen Versagen in Klima- und Handelsfragen ablenken wollte. Aber ein "Leben rettendes Geschenk" ist es dennoch, sagte WFP-Chef David Beasley.

Und darüber hinaus? Afrika, das betonte Kanzlerin Merkel immer wieder, sei der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen. Um die Compacts With Africa, Investitionspartnerschaften mit zunächst sieben stabilen Ländern, auf den Weg zu bringen, war bereits in Baden-Baden und Berlin vorverhandelt worden.

Das Ergebnis ist dürftig. Vor dem Gipfel versprach Deutschland dreien der sieben Länder 300 Millionen Euro. Eine weitere Finanzzusage machten die 20 Mächtigsten ihren sieben Hoffnungsträgern auf dem Gipfel nicht.

Stattdessen dürfte eine Aussage Merkels in ihrer Abschlussrede die Gemeinschaft der Entwicklungshilfeorganisationen alarmieren. "Klassische Entwicklungshilfe" - also der Bau von Schulen, die Intensivierung der Landwirtschaft, medizinische Grundversorgung und Frauenförderung - hätte Afrika "nicht nach vorne gebracht".

Das ist ein fatales Signal für die Ärmsten der Armen. Mit der Überbetonung von Wachstum und Beschäftigung in ohnehin erfolgreichen und verantwortlich regierten Ländern werden Abermillionen vergessen, die von ihren Regierungen nichts zu erwarten haben. Sie sind auf die Hilfe der reichen Länder angewiesen, um sich irgendwann selbst helfen zu können, wenn sie ihre Despoten los und die Kriege beendet sind.

Julia Gillard, als australische Regierungschefin von 2010 bis 2013 selbst bei drei G20-Gipfeln dabei, sagte SPIEGEL ONLINE am Rand des Hamburger Treffens: Das Abschlusskommuniqué sei auch immer ein Signal an das Heer der Regierungsbürokraten, was die Lenker der Staaten für wichtig erachten. Ein G20-Gipfel mag nicht viel Konkretes bieten, aber er gibt auf lange Sicht die politische Grundrichtung vor. Wenn die heißt, nur mit einer Handvoll Musterländern zusammenzuarbeiten, ist das für viele Menschen in den ärmsten afrikanischen Ländern eine lebensbedrohliche Entwicklung.


... Angela Merkel?
Von Philipp Wittrock

Bundeskanzlerin Merkel
DPA

Bundeskanzlerin Merkel

Angela Merkel hat sich diesen Gipfel anders vorgestellt. Nicht politisch, da hatte die Kanzlerin selbst keine großen Erwartungen. Eine Klimaschutz-Überraschung wie vor zwei Jahren beim G7-Treffen in Elmau war nicht denkbar - dafür war der Kreis zu groß, die Gäste zu schwierig. Diesmal ging es nur darum, Schlimmeres zu verhindern, in der Handelspolitik etwa oder beim Klima.

Aber wenigstens eine schöne Inszenierung, die hatte sich Merkel gewünscht. Die mächtigsten Staatenlenker der Welt machen ihr die Aufwartung, ein festliches Konzert in der Elbphilharmonie, und nebenbei hält sie noch Trump, Putin und Erdogan in Schach. Das hätte sich gut gemacht im Wahlkampf.

Es kam anders. Randalierer zerlegten ganze Straßenzüge in Hamburg und sorgten für die Bilder, die vom Gipfel in Erinnerung bleiben. Jetzt hat die CDU-Chefin eine Diskussion am Hals: Wie konnte das passieren? War es das wert? Warum Hamburg? Gibt es Nachholbedarf beim Kampf gegen Linksextremismus?

Diese Fragen dürften Merkel - aber auch die Hamburger SPD-Regierung - noch eine Weile verfolgen. Wenige Wochen vor der Wahl gibt es angenehmere Themen. Immerhin: So schnell muss die Kanzlerin nicht wieder die Gipfelgastgeberin spielen.


... Donald Trump?
Von Marc Pitzke, New York

US-Präsident Donald Trump
AP

US-Präsident Donald Trump

Für Trump war der Gipfel eine Abfolge theatralischer, meist inhaltsfreier Szenen und Gesten, gezielt allein auf seine nationalkonservative Basis in den USA. Will heißen: ein voller Erfolg. "Deutschland kapituliert vor Trump", schlagzeilte die US-Website "Breitbart", das Hausorgan des rechten Lagers.

Egal, dass sich in Hamburg die wachsende Isolation der USA offenbarte, symbolisiert durch Trump, den trotzigen Außenseiter, ob im Gruppenbild oder beim "bilat". Der Klimakompromiss fand ohne ihn statt, der Stahlkrieg wurde vertagt, neue Handelsabkommen blendeten Amerika aus. "Die Zeiten, da sich andere Länder auf die Führungskraft der USA verließen, gehen zu Ende", klagte das außenpolitische Magazin "Foreign Policy" am Wochenende.

Doch Trumps Fans bejubeln seine nationalistische, isolationistische, protektionistische, antiglobalistische Show. Das begann schon in Warschau, Trumps erstem Stopp, der für diese Zwecke fast wichtiger war als der eigentliche G20-Gipfel. Auf Einladung der rechtsautoritären Regierung rief Trump dort einen neuen Kampf der Kulturen aus: "Die fundamentale Frage unserer Zeit ist es, ob der Westen den Willen hat zu überleben."

Verfasst von Stephen Miller, Zögling des Trump-Ideologen Steve Bannon, wimmelte die apokalyptische Ansprache vor Ausdrücken wie "Westen", "Werte" und "Zivilisation" - Codeworte für "weiß", "christlich" und "Rasse", wie Peter Beinart im "Atlantic" schrieb. "Trumps entscheidendste Rede" ("Wall Street Journal") war zugleich ein Wink an seine reaktionäre Basis.

Was beim Treffen mit Wladimir Putin genau besprochen wurde, wird man wohl nie genau wissen. Rex Tillerson betonte, Trump habe Putin wegen Moskaus Einmischung in die US-Wahlen zur Rede gestellt. So kann der Präsident seine US-Basis beruhigen, die die Russlandaffäre sowieso als Fake News ablehnt. "Hätte nicht besser laufen können", prahlte US-Finanzminister Steve Mnuchin auf dem Rückflug.


... Wladimir Putin?
Von Christina Hebel, Moskau

Russlands Präsident Wladimir Putin
REUTERS

Russlands Präsident Wladimir Putin

Wladimir Putin hat auf dem Gipfel in Hamburg das bekommen, was er wollte - das Treffen mit Donald Trump. Alles andere: die G20-Vereinbarung, das Gespräch mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan, allenfalls Randnotizen. Die Zusammenkunft mit Emmanuel Macron und Angela Merkel zum Ukrainekrieg, nur insoweit erwähnenswert, als dass der ukrainische Widersacher Petro Poroschenko nicht dabei war.

Putin drückte dem G20-Gipfel seinen Stempel auf: Statt geplant 35 Minuten sprach er zwei Stunden und 15 Minuten mit Trump, was auch das Konzert in der Elbphilharmonie verzögerte. Und was das für ein Treffen wurde: Der US-Präsident begegnete Putin mit Respekt, reichte ihm an dem Tag gleich dreimal die Hand. Vergessen, die eisigen Szenen zwischen Putin und Trumps Vorgänger Barack Obama, der dem Russen immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorhielt. Die kritisierte Trump anscheinend genauso wenig wie die Krim-Annexion oder die Lage in der Ostukraine.

Zu der russischen Einmischung in den US-Wahlkampf habe Trump "eine Menge Fragen gestellt", sagte Putin, "und ich habe ihm geantwortet. Mir schien es so, als habe er das anerkannt". Putin signalisierte damit, dass der US-Präsident ihn zur Rede gestellt habe, zog ihn gleichzeitig aber auf seine Seite: Seht her, wir sind da einer Meinung.

Dass Trump das Treffen später als "fantastisch" bezeichnete, wurde eifrig vom Staatsfernsehen und Kreml-nahen Medien aufgegriffen. "Das Treffen, auf das die Welt seit Monaten gewartet hat", meldete der staatliche TV-Kanal Rossija 24 und zeigte immer wieder die Szenen, wie Trump Putin die Hand hinstreckte. Das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" titelte: "Putin und Trump finden Weg zum Frieden in Syrien und in der Ukraine."

Das ist maßlos übertrieben - der nun in Kraft gesetzte Waffenstillstand im Südwesten Syriens war von Vertretern beider Länder in Amman ausgehandelt worden. Der verkündete Gesprächskanal zur Ukraine wurde lediglich wiederbelebt. Und auch die Arbeitsgruppe zur Cybersicherheit zeigt, dass das Thema erst einmal ausgelagert wurde. Wie heißt es so schön? Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis.


... Recep Tayyip Erdogan?
Von Maximilian Popp

Präsident Erdogan
REUTERS

Präsident Erdogan

Die türkische G20-Delegation dürfte sich bestätigt fühlen. Seht her, so lautete die Botschaft in türkischen Medien, Krawalle und Straßenschlachten, das gibt es auch in Deutschland. Türkische Regierungspolitiker nahmen die Ausschreitungen in Hamburg zum Anlass, scharfe Polizeikontrollen in der Türkei zu rechtfertigen.

Und auch sonst wird Recep Tayyip Erdogan mit dem Verlauf des Gipfels zufrieden sein. Es war zuletzt einsam geworden um den türkischen Präsidenten. Die Nachbarstaaten im Mittleren Osten haben sich, befremdet von Erdogans imperialer Außenpolitik, von der Türkei abgewandt. Mit den USA streitet Ankara über die Kurdenfrage. Und ein EU-Beitritt des Landes scheint nach Massenverhaftungen von Oppositionellen ohnehin kein Thema mehr.

Nun konnte sich Erdogan so präsentieren, wie er sich am liebsten sieht: als Politiker von Weltrang. Er posierte mit US-Präsident Trump, Englands Premierministerin May. In türkischen Medien hieß es, Erdogan habe diesen oder jenen Regierungschef "empfangen", selbst wenn es sich um einen Plausch am Rande einer Sitzung handelte.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei bleibt angespannt. Daran hat auch das Treffen zwischen Erdogan und Merkel nichts geändert. Merkel habe, so heißt es, kritische Themen angesprochen, wie etwa die Verhaftung des deutschen Journalisten Deniz Yücel. Wirklich nähergekommen ist man sich nicht.

Erdogan wäre nicht Erdogan, hätte er den Gipfel nicht auch für eine Provokation genutzt. Er stellte das Pariser Klimaabkommen infrage. Frankreichs Ex-Präsident Hollande habe ihm versprochen, dass die Türkei bei der Umsetzung des Abkommens nicht als Industriestaat eingestuft werde, was dem Land Kosten erspart. "Solange die Versprechen, die man uns gegeben hat, nicht gehalten werden, werden wir das in unserem Parlament auch nicht ratifizieren."

Es kann sein, dass Erdogan die Gelegenheit nutzen will, um Vorteile für sein Land herauszuholen. Genauso gut möglich aber ist, dass er einfach ein weiteres Mal sticheln wollte.


... Hamburgs Innensenator Grote, Polizeipräsident Meyer, Einsatzleiter Dudde?
Von Jörg Diehl

Hamburgs Innensenator Grote
DPA

Hamburgs Innensenator Grote

Drei Tage lang tobte der Mob in Hamburg - zerschlug, verbrannte, zerstörte. Die Polizei war nur eingeschränkt in der Lage, die Randalierer von ihrem Treiben abzuhalten. Die Bilder, entstanden am Freitagabend im alternativen Schanzenviertel, erinnerten an Zustände in Kriegsgebieten. Erst Spezialkräfte konnten die Lage einigermaßen befrieden.

Dabei hatten sich die politisch und polizeilich Verantwortlichen zuvor überschlagen in ihren Versprechungen, wie sicher Hamburg während des Gipfels sein würde - einzig der Verfassungsschutz warnte vor dem erheblichen Gewaltpotenzial der linksradikalen Szene, die stark im Ausland mobilisierte. Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde gefiel sich in der Rolle des harten Hundes, den kein Szenario schrecken konnte.

Voller Vertrauen in seine Polizei sprach also Bürgermeister Olaf Scholz (SPD): "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist." Und Innensenator Andy Grote sagte: "Der G20-Gipfel wird auch ein Schaufenster moderner Polizeiarbeit sein." Im Nachhinein könnte man sagen: Wenn dies das Schaufenster war, möchte man das Lager lieber nicht sehen.

Doch wer glaubt, dass aus den Chaostagen von Hamburg politische Konsequenzen gezogen werden müssten, dass sich Politiker an ihren Worten messen lassen würden, dürfte wohl enttäuscht werden. Bislang deutet sich nicht an, dass Innensenator Grote, Polizeipräsident Ralf Martin Meyer oder Einsatzleiter Dudde in die Nähe eines Rücktritts oder einer schnellen Versetzung gelangen könnten.

Bürgermeister Scholz, der wohl einen politischen Flächenbrand verhindern wollte, stellte sich in Interviews auf die Seite seiner Sicherheitskräfte: "Die Polizei hat alles getan, was man tun kann." Der Einsatz sei "heldenhaft" gewesen. Am Sonntagmittag trat Scholz gemeinsam mit Grote, Meyer und Dudde vor die Presse. Das tut niemand, der personelle Konsequenzen ziehen will.

Der Wille, mögliche taktische Fehler der Polizei öffentlich aufzuarbeiten, dürfte auch bei der Opposition in der Hamburger Bürgerschaft nicht besonders ausgeprägt sein: In der CDU gibt in Sachen Inneres Joachim Lenders den Ton an, er ist zugleich Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Lenders dürfte kaum Interesse haben, etwaige Versäumnisse seiner Kollegen in einem Untersuchungsausschuss anzuprangern.

Dennoch ist nach drei Tagen Ausnahmezustand das Image derer angekratzt, die zuvor besonders laut getönt hatten, wie sicher Hamburg während des Gipfels sein würde. Und das sind vor allem Innensenator Grote und Einsatzleiter Dudde. Ihren markigen Worten wird die Öffentlichkeit so schnell nicht wieder Glauben schenken.


... Chris Martin?
Von Francesco Giammarco

Coldplay-Sänger Chris Martin beim Global Citizen Festival in Hamburg
AP

Coldplay-Sänger Chris Martin beim Global Citizen Festival in Hamburg

Als Chris Martin beim Global Citizen Festival auf der Bühne stand, das Publikum für sein politisches Engagement lobte und allen eine friedliche Zeit wünschte, prügelten sich gleichzeitig Polizisten mit dem schwarzen Block.

Jetzt könnte man Martins Weltbürgerfestival leicht für die überlegene Form politischen Protests halten, immerhin geht es friedlich zu, harmonisch und ohne Wasserwerfer. Beide Veranstaltungen, das Konzert und die Gewaltorgie in der Schanze, bilden jedoch in Wahrheit zwei Pole des politischen Protests heute: Das eine ist Politik ohne Kampf, während das andere Kampf ohne Politik ist. Das Gefühl von Wirkungslosigkeit und Willkür bleibt am Ende bei beiden zurück.

Wer für das Global Citizen Festival Karten gewinnen wollte, musste Politiker antwittern und Onlinepetitionen unterschreiben. Die Idee dahinter: Die Aufmerksamkeit von Staatschefs gewinnen und demonstrieren, wie viele Menschen hinter den Zielen stehen, denen auch Global Citizen sich verschrieben hat. Auf dem Konzert wurde das Publikum von den Prominenten für sein großes Engagement gelobt, ja sogar zu den wahren "global leaders" erklärt. Das Publikum nimmt das alles gern an, warum auch nicht? Gelobt werden und seine Lieblingsband live sehen - das alles nur für ein paar Minuten digitalen Engagements? Da sagt man nicht nein.

Natürlich ist unpolitisch auf ein Konzert zu gehen weitaus weniger schlimm, als unpolitisch Geschäfte kaputt zu schlagen. Gemeinsam haben beide Protestformen aber, dass sie perfekt in die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie passen: Die eine punktet mit extremer Prominenz, die andere mit extremer Gewalt. Wer heute Wirkung erzielen will, muss ein Spektakel veranstalten. Gesehen zu werden, ist das allerwichtigste: Das weiß nicht nur Chris Martin, das wissen auch die Randalierer, die fleißig Selfies von sich und ihrer Zerstörungswut gemacht haben.

Irgendwo zwischen diesen beiden Polen muss es eine Form politischen Protests geben, der authentisch und wirksam ist. Leider haben die vergangenen Tage in Hamburg nicht gezeigt, wie der aussehen könnte. Der schwarze Block nicht und Chris Martin und seine Weltbürger ebenso wenig.



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
ich-geb-auf 09.07.2017
1. Vieles in Hamburg ist kaputt
und es sind viele Euros futsch, die dieses "G20 blabla Danke für nichts" Treffen gekostet hat. Mehr war das nicht und genau das ist das Problem,.. viel blabla und nichts passiert und deshalb sind so viele Menschen gegen G20, gegen die Politik. Alles nur scheinheiliges Getue, Lobbyarbeit, eigene Interessen und Ego Show.
chrimirk 09.07.2017
2. Hochachtung Frau Bundeskanzlerin!
Mit diesen "großen" 3 Machos so umzugehen,...Donnerwetter! Aber künftig sind Zusammentreffen mit den jetzigen US oder Türkei-Präsidenten, verlorene Zeit. Und Geld. Es gibt schönere und wichtigere Personen und Themen!
gesell7890 09.07.2017
3. Anders ist,
daß die Bürger jetzt wissen, daß sie gegenüber den schutzwürdigen Schwafelheimern und Lobbyisten Menschen zweiter Klasse sind. Lieber die Schanze abgefackelt, als ein Mißtönchen für die Hohen Herren in der Elbphilharmonie. Da es in einer SPD-regierten Stadt passiert, kann es sich hierbei nur um ein praktiziertes Schulz'sches Gerechtigkeitsgebot handeln.
Kurt2.1 09.07.2017
4. .
Ich hoffe, die gewalttätigen Randvorkommnisse in nie dagewesener Brutalität und Menschenverachtung werden eine Zäsur für Deutschland und seine grenzenlose Nachgiebigkeit sein. Ich hoffe, die wehrhafte Demokratie findet zukünftig VOR den schlimmen Ereignissen statt und nicht, wenn alles vorbei ist.
drent 09.07.2017
5. Den "Staatenlenker" möchte ich sehen,
der auch nur ansatzweise soviel Kenntnis über Physik und Mathematik hat, um das Problem Klima richtig verstehen zu können. Eines ist aber wohl ziemlich sicher: bei diesem Thema geht es um unvorstellbar hohe Summen - her damit.
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