Aufräumen nach den Krawallen Hamburg macht klar Schiff

Tausende Hamburger kamen am Sonntag zum Aufräumen ins Schanzenviertel, fegten zu Musik, fügten Pflastersteine wieder ein. Die Linksautonomen der Roten Flora sahen zu - und hörten harte Kritik.

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Von Madeleine Janssen


Eine ältere Frau drängt mit einem Rollator durch die Menschenmenge vor dem Polizeipräsidium an der Stresemannstraße im Hamburger Schanzenviertel. "Was ist denn hier los?", fragt sie. Ein Mann antwortet: "Steinmeier ist da drin." - "Auch das noch", sagt sie und schiebt weiter.

Hamburg schüttelt den G20-Gipfel in diesen Stunden ab. Der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Zentrum der Verwüstung: nur noch eine Nachwehe. Sein Versprechen, den von Randale betroffenen Anwohnern zu helfen? Erst mal Nebensache, jetzt muss sauber gemacht werden.

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Putzen nach dem G20-Gipfel: Hamburg wieder besenrein

Die Bewohner der Schanze haben angefangen, ihr Viertel aufzuräumen. Sie kehren Glasscherben zusammen, werfen leere Dosen und Flaschen in Abfalltonnen. "Mülltrennung machen wir heute ausnahmsweise mal nicht", sagt einer. Bei Facebook hatten Engagierte unter dem Motto "Hamburg räumt auf" zu einer gemeinsamen Aktion aufgerufen.

"Unfassbar, was hier passiert ist"

Tausende schließen sich an, sie strömen am Sonntagmittag in das alternative Viertel, ausgerüstet mit Besen, Kehrblechen, Müllsäcken und Handschuhen. Auf dem Schulterblatt, eine der von den Verwüstungen am schlimmsten betroffenen Straßen, läuft eine junge Frau mit einem Tablett umher und verteilt Kaffee. An der S-Bahn-Station Sternschanze bieten Helfer Kekse und Franzbrötchen an. Ein Baumarkt spendiert rote Plastikeimer.

Es sind längst nicht nur die Schanzen-Bewohner, die hier aufräumen. Hamburg hält nach diesen Tagen des Chaos zusammen. "Ich finde es unfassbar, was die letzten Tage hier passiert ist", sagt Michael Vortriede. Der Veranstaltungstechniker wohnt im wohlhabenderen Grindelviertel, ist aber zum Putzen hergekommen. "Das ist meine Art, ein Zeichen zu setzen." Allerdings seien so viele Menschen unterwegs, dass es "schon fast nichts mehr zu tun gibt", sagt er.

In der Tat: An jeder Ecke kehren Menschen Müll zusammen, setzen Pflastersteine wieder ein und mühen sich, Wände von Graffitis zu säubern. Eltern schieben Kleinkinder mit Buggys, viele tragen Babys vor dem Bauch. Touristen machen spontan mit, viele Aufräumer schießen Selfies beim Putzen.

Die Gastronomen am Grünen Jäger und in der Wohlwillstraße stellen Getränke bereit und bedanken sich bei der bunten Putzkolonne. Irgendjemand hat Lautsprecher mitgebracht, aus den Boxen dröhnt Justin Bieber, die Menschen putzen im Takt. Die Stimmung könnte einem Volksfest gleichen, wären da nicht die zerschlagenen Glasscheiben.

"Scholz muss gehen"

Und so gibt es - bei aller guten Laune - nur ein Thema: die Krawalle und die Frage nach der Schuld. Jemand skandiert "Danke, Olaf", ein anderer meint, "die Politik" sei schuld.

"Das war grausam, gruselig. Das geht so nicht", sagt Jan Peter S., der seit 2001 in der Schanze wohnt. "Meine Nachbarn standen weinend neben ihren ausgebrannten Autos, und die sind wirklich keine Großverdiener." Er fordert: "Scholz muss gehen." Dass die Politiker nun erwägen, den Betroffenen Schadensersatz zu zahlen, beeindruckt S. nicht: "Das sind Steuergelder, und das hätte man vermeiden können."

Auch andere Protagonisten der Chaostage müssen sich harsche Kritik anhören. Vor der Roten Flora steht Andreas Blechschmidt, Sprecher des linksautonomen Zentrums. Passanten und Journalisten diskutieren mit ihm über die Rolle der Flora bei den Ausschreitungen. Das Gespräch verläuft weitgehend ruhig, aber die Menschen erheben schwere Vorwürfe gegen die "Rotfloristen".

Andreas Blechschmidt (M.)
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Andreas Blechschmidt (M.)

Wie deutlich muss man sich von Gewalt distanzieren? Blechschmidt sagt: "Wenn Gewalt gegen Demonstranten ausgeht, ist Gegengewalt legitim. Vorher nicht." Er erntet heftige Widerworte: "Feige! Ihr solltet euch schämen", schleudern ihm die Leute entgegen.

Ob die Ausschreitungen für die Linksautonomen in Hamburg Konsequenzen haben werden? Das lässt sich schwer sagen, solange die Ermittlungen noch laufen. Fest steht: Auch bei vielen in der Hansestadt, die bislang mit den Rotfloristen sympathisiert haben, gibt es einen Sinneswandel. "Das hat nichts mehr mit der Verteidigung der Proletarier zu tun", schimpft Schanzen-Anwohner Jan Peter S. "Das ist nur noch abgehobene Scheiße!"

Die Deutungshoheit über ihren Stadtteil wollen sich viele nicht nehmen lassen - auch deshalb packen sie jetzt tatkräftig mit an. "Es heißt immer, jaja, die Linken", sagt Peter Schröder. Er hockt auf den Pflastersteinen am Schulterblatt und klaubt Glasscherben aus den Rillen. "Warum ich hier mitmache? Ich will meinen Kiez wieder sauber machen!"

Anwohner Peter Schröder
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Anwohner Peter Schröder

Als die Situation am Fischmarkt am Donnerstagabend eskaliert sei, habe er spontan beschlossen, aufs Land zu fahren. "Ich hatte zwischendurch Wut im Bauch, als ich meine Nachbarn auf den Bildern in Todesangst auf dem Dach stehen sah", sagt Schröder.

Dass Hamburg sich von den Gewalttouristen und Steinewerfern nicht unterkriegen lässt, ist für ihn klar. "Und wenn das in Blankenese passiert wäre", sagt er und meint das Hamburger Nobelviertel, "dann würden wir jetzt eben alle nach Blankenese fahren und putzen".

Mitarbeit: Eva Horn, Fabian Piehler

insgesamt 24 Beiträge
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spiegelquax 09.07.2017
1. Sie wollten das "Proleteriat verteidigen" ...
... und haben stattdessen den Bürgersinn geweckt. Lasst uns einfach die Prolls abschaffen und alle freie Bürger sein (und das beinhaltet das Recht auf gewaltfreien Protest, bei dem man auch selbstverständlich sein Gesicht zeigen kann).
studios 09.07.2017
2. Weg damit
Eines haben die Autonomen erreicht: Dass man auf diejenigen, die -wie ich finde auch völlig zu Recht- gegen viele Missstände auf der Welt anlässlich des G20 demonstrieren wollten, nirgends mehr gehört hat. In der Presse kaum ein Wort, Greenpeace vielleicht, Menge der Demonstrierenden wurde auch publik, jaja, inhaltlich oder gar international aber absolut nichts, nothing, niente, nada. Das ist sehr schade. Das Zeichen, welches der durchschnittliche, normale Hamburger aber mit dieser Aktion gesetzt hat, freut mich und da muss ich als alter Bremer sagen: Chapeau!
Rabirius 09.07.2017
3. " . . . die Menschen putzen im Takt."
Und das mit Volksfestcharakter! Das klingt doch herrlich deutsch, wie ich schmunzelnd bemerke. Auf jeden Fall ist es schön, dass auch in einer Großstadt noch solch gemeinschaftlicher Geist existiert. Auch wenn das den Groll und die Enttäuschung der Anwohner auch nicht vollkommen lindern kann. Trotzdem einfach eine schöne Aktion.
darthmax 09.07.2017
4. Zeichen setzen
leider wird von Linken und Grünen immer wieder mit den Aussteigern poussiert. Die Autonomen sollten Ihr Zuhause irgendwo auf dem Land suchen, wo sie dann ihren Lebenstraum verwirklichen können. Dazu ist offensichtlich Hilfe nötig und die Rote flora muss so als Motivationshilfe darum abgerissen werden.
ex-optimist 09.07.2017
5. Cui bono?
Zitat von studiosEines haben die Autonomen erreicht: Dass man auf diejenigen, die -wie ich finde auch völlig zu Recht- gegen viele Missstände auf der Welt anlässlich des G20 demonstrieren wollten, nirgends mehr gehört hat. In der Presse kaum ein Wort, Greenpeace vielleicht, Menge der Demonstrierenden wurde auch publik, jaja, inhaltlich oder gar international aber absolut nichts, nothing, niente, nada. Das ist sehr schade. Das Zeichen, welches der durchschnittliche, normale Hamburger aber mit dieser Aktion gesetzt hat, freut mich und da muss ich als alter Bremer sagen: Chapeau!
Schwarz anziehen können sich auch V-Leute.
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