Zusammenstöße zwischen Polizei und G20-Gegnern Das ist der Gipfel

In der Nacht ist eine Demo gegen den G20-Gipfel in Chaos und Gewalt geendet. Polizei und Teilnehmer beschuldigen sich gegenseitig der Eskalation. Am Ende werden es wohl diese Bilder sein, die von Hamburg bleiben.

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Es ist eine Eskalation mit Ansage. Keine Vermummung, keine Böller, man werde Verstöße gegen die Regeln nicht dulden, so hat es die Hamburger Polizei als Ukas für G20-Demonstranten in den vergangenen Wochen ausgegeben. Als der Zug der "Welcome to Hell"-Kundgebung am Donnerstagabend am Fischmarkt startet, muss er bereits nach etwa hundert Metern stoppen.

Im Tross der etwa 12.000 G20-Gegner marschiert ein schwarzer Block von Autonomen mit, Reporter vor Ort zählen etwa 600, die Polizei tausend Menschen. Einige Linksextreme haben schwarze Tücher vor ihr Gesicht gezogen. Die Polizei ruft die Teilnehmer mehrfach dazu auf, die Vermummung abzulegen. Eine knappe Stunde steht der Zug in der gleißenden Sonne.

Immer mehr Polizisten marschieren auf, einige Autonome behalten ihre Vermummung, andere legen sie ab. Die Beamten kesseln den Schwarzen Block ein, um ihn von den friedlichen Demonstranten zu trennen und einzugreifen. Es ist 19.48 Uhr, als sich am Hafen wüste Szenen abspielen: Böller fliegen, Flaschen, Steine. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein und Pfefferspray - und löst schlussendlich die Demo auf.

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G20-Gipfel: Polizei stoppt Demonstration

Rasch entbrennt die Schuldfrage. Die Polizei twittert, sie sei "entsetzt über die offensichtliche Gewaltbereitschaft". Insgesamt seien 60 Polizisten verletzt worden. Auch Polizeisprecher Timo Zill sei von aggressiven Autonomen angegriffen worden und habe sich in ein Auto flüchten müssen. Wie viele Demonstranten verletzt wurden, ist unklar.

Friedliche "Welcome to Hell"-Teilnehmer zeigen sich schockiert. Der Einsatz der Polizei sei "extrem brutal" gewesen, sagt Jura-Studentin Lisa Neumann, die in der Mitte des Zuges mitlief. Sie vermute, die Polizei habe von vornherein geplant, die Demo aufzulösen.

Ein Anwohner auf St. Pauli sagte: "Die Menschen hatten Panik. Sie zitterten und liefen schreiend weg." Matthias Wisbar vom anwaltlichen Notdienst für Demonstranten nannte das Verhalten der Polizei "bestimmt nicht rechtmäßig". Von Demonstranten sei "nach übereinstimmenden Berichten" keine Gewalt ausgegangen.

Teilnehmer Benny Berthold war erst kurz vor den gewaltsamen Zusammenstößen in den hinteren Reihen angekommen. Der Student für Landwirtschaft aus dem hessischen Witzenhausen unterstellte der Polizei, sie habe die Gewalt mit Absicht eskalieren lassen.

Video mit Einschätzungen von SPIEGEL-Reporter Nicolai Kwasniewski

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Dabei sah alles lange friedlich aus. Mehrere Stunden saßen am Nachmittag Tausende Teilnehmer auf dem Fischmarkt, malten Plakate, präsentierten das "Kommunistische Manifest", lauschten der Punkbund "Goldene Zitronen". Und auch die Veranstalter aus dem Umfeld des Autonomenzentrums "Rote Flora", die vorher den größten Schwarzen Block in der Hamburger Geschichte angekündigt hatten, gaben sich moderat.

"Wir werden keine Straßenschlacht beginnen", sagten sie zu Beginn der Demo. "Und wenn die Polizei nicht jede Vermummung oder einzelne Böller zum Anlass für eine Eskalation nutzt, dann wird die Demonstration friedlich zu Ende gehen." Die Polizei werde sagen können, es habe keine ernsthaften Störungen gegeben.

Zu Beginn der Nacht bleibt von dieser Prognose nichts übrig. Zwar versammeln sich etwa 8000 Teilnehmer zu einer rasch neu angemeldeten Demonstration gegen Polizeigewalt. Die Lage in der Stadt aber ist explosiv.

Vermummte ziehen in der Umgebung des Fischmarkts eine Schneise der Verwüstung. In Altona und auf der Reeperbahn brannten Autos, klirrten Scheiben. Anwohner flüchteten sich verstört in Hauseingänge.

In einer Seitenstraße trat eine Gruppe junger Männer gegen Schilder, zündete Böller. Eine Frau rief aus dem Fenster: "Hört auf damit, hier wohnen Menschen." Die Antwort: "Halt die Fresse."

Der G20-Gipfel in Hamburg, er hat schon vor seinem Beginn die ersten hässlichen Bilder.



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