Probleme bei G36-Gewehr Verteidigungsministerium wurde bereits 2012 gewarnt

In der Affäre um das G36-Gewehr belegen interne Unterlagen: Das Wehrressort bis zu Minister de Maizière war schon im März 2012 genau über die Präzisionsprobleme unterrichtet. Trotzdem wurden weitere Waffen bestellt.

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Soldat der Bundeswehr in Afghanistan: Weitere Waffen geordert
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Soldat der Bundeswehr in Afghanistan: Weitere Waffen geordert


Immer neue Details weiten die Affäre um das problembehaftete G36-Sturmgewehr der Bundeswehr aus. Nun stellt sich heraus: Weitaus früher und wesentlich genauer als bisher behauptet, war das Verteidigungsressort über die Schwierigkeiten mit der Waffe unterrichtet - auch der damalige Minister Thomas de Maizière (CDU).

Dieser wurde bereits im März 2012 in einer Vorlage an ihn persönlich detailliert über erhebliche Präzisionsmängel des G36 informiert. Entsprechende interne Papiere über den Vorgang liegen SPIEGEL ONLINE vor.

Der Ton der Vorlage des verantwortlichen Rüstungs-Ministerialrats C. an den "Herrn Minister" vom 23. März 2012 ist fast alarmierend: Das Phänomen der Aufweitung des Streukreises bei einer heiß geschossenen G36-Waffe stelle "aus militärischer Sicht einen erheblichen Mangel" dar. Die Probleme seien von "erheblicher Einsatzrelevanz" für die Soldaten der Bundeswehr, da in einem Gefecht ein Gegner in einer Entfernung von 200 Metern "nicht mehr sicher bekämpft" werden könne.

Die mehrseitige Vorlage mit dem Titel "Warmverhalten des Sturmgewehrs G36" beschrieb damit vor mehr als drei Jahren ziemlich genau den Sachstand, den kürzlich eine von de Maizières Nachfolgerin Ursula von der Leyen in Auftrag gegebene Untersuchung bestätigt hatte.

Abgezeichnet - aber nicht reagiert

Sowohl de Maizière als auch seine Staatssekretäre haben das Papier mit ihren farbigen Paraphen abgezeichnet. Die Ministeriumsspitze war also vor mehr als drei Jahren über die Probleme mit dem G36 umfassend informiert und gewarnt.

Konsequenzen wurden jedoch bis zum Ende von de Maizières Amtszeit nicht gezogen. Zwar ordnete er im März weitere Untersuchungen an, verlangte nach einer Chronologie, wann die Probleme aufgetaucht seien. An der Ausrüstung seiner Soldaten, zum Beispiel bei den Einheiten im Kampfeinsatz in Afghanistan, änderte sich indes wenig. Auch der weitere Ankauf von G36-Gewehren wurde nicht gestoppt. Vielmehr wurden im April 2012, kurz nach der Warnung also, 3770 neue G36 bestellt.

Die warnende Meldung erreichte offenbar nicht den gewünschten Effekt. So ging das Papier an den Minister mit dem Auftrag zurück ins Haus, Experten für den Einsatz sollten sich die Sache noch einmal ansehen. In der neuen Vorlage von Mitte April ist der Ton dann weitaus weniger warnend als im März. Das G36 wird sogar plötzlich "als grundsätzlich tauglich" bezeichnet. Das damals bereits klar identifizierte Problem müsse noch einmal genau untersucht werden, so die neue Linie.

Auch von der Leyen unter Druck

Die Papiere illustrieren den Verlauf einer Affäre, die auch die aktuelle Ministerin erreicht hat. Am Mittwoch muss von der Leyen im Verteidigungsausschuss Rede und Antwort zum G36 stehen. Zwar belasten die Unterlagen vor allem ihren Vorgänger, der früh Bescheid wusste, aber nicht handelte. Von der Leyen indes wird sich fragen lassen müssen, wie es sein kann, dass die Probleme 2012 genau bekannt waren und sie erst heute ein belastbares Ergebnis vorlegen konnte (die komplette Geschichte im aktuellen SPIEGEL lesen Sie hier).

Die Akten zum G36 erwecken den Eindruck, dass die Probleme der heiß geschossenen Waffe, immerhin schon 2011 erstmals aufgefallen, durch immer neue Untersuchungen eher kleingeredet als behoben werden sollten. Immer wieder prüften neue Institute die Waffen. Dabei stand längst fest: Durch die Erhitzung der Waffe nach Dauerfeuer oder hohe Außentemperatur wird das Plastik um den Metalllauf weich, das Gewehr ungenau.

Doch das Ministerium unter de Maizière wollte das Problem nicht eingestehen. Nach Afghanistan schickte man schon vier Tage nach Weihnachten 2011 zwar die skurrile Warnung, im Gefecht müsse das G36 "auf Handwärme abkühlen, bevor weitergeschossen werden darf". Im März 2012 hieß es dann, bei heißen Gewehren müsse von "einer erheblich größeren Streuung ausgegangen werden", das "zuverlässige Bekämpfen" von Gegnern sei "erschwert", die Trefferquote sinke auf ein Drittel.

"Relevante Präzisionsverluste nach 60 Schuss"

Im Juli dann bestätigte ein 32-seitiger Bericht der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen erneut die Schwächen der Waffe. In ihrem bis heute streng geheim gehaltenen Bericht ("Verschlusssache - amtlich geheim gehalten") kommen die Prüfer der Bundeswehr zu dem klaren Ergebnis, dass das G36 an Präzision verliert, wenn es heiß wird.

Demnach wurden "erste relevante Präzisionsverluste nach 60 Schuss festgestellt", Ursache dafür sei die "vorliegende Materialpaarung Stahl/Kunststoff" im G36.

Dem Bundestag aber verschwieg man die Probleme mit der Waffe weiter. Noch im November 2012, acht Monate nach dem Warnschreiben an den Minister, schrieb der damalige Verteidigungsstaatssekretär an den zuständigen Ausschuss: Am G36 sei "kein Mangel" festgestellt worden.

Auch auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE behauptete das Ministerium von de Maizière damals schriftlich, die Voraussetzungen für die Nutzung seien "nach wie vor gegeben".

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thermo_pyle 22.04.2015
1.
...und genehmigte die Bestellung weiterer fast 4000 G36 ?! Sorry, das klingt für mich nach Vorsatz ! Unvereinbar mit dem Amtseid, Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden; oder sind Soldaten kein Volk ? Ich denke, weiterführende unabhängige Untersuchungen in anderen Rüstungsprojekten würden ähnliches zu Tage fördern. Nur, da dies eh keine Konsequenzen hat kann man die Kosten für den Steuerzahler auch einsparen...
jogola 22.04.2015
2. Verantwortung übernehmen !
Da habe doch wieder etliche Staatstragende massenhaft Möglichkeiten liegen lassen, Verantwortung zu übernehmen. Warum denn in die Ferne schweifen, die Gelegenheiten liegen so nah!
seneca55 22.04.2015
3. G36: Schön, aber schnell kaputt!
Seit 20 Jahren bei der BW im Einsatz, aber weil die nicht Schießen durften, wurde der Mangel erst im Gefecht mit Taliban in 2012 in Afghanistan entdeckt. BW-Skandal Nr. XXX!
thunderstorm305 22.04.2015
4. Bekommen was man bestellt hat.
Die Bundeswehr hat eine Waffe bestellt und anscheinend diese auch erhalten. Als Sturmgewehr wurde aber die Waffe in einer anderen Umgebung und als Maschinengewehr verwendet. Eigentlich hätte man den Soldaten eine zweite Waffe in die Hand geben müssen. Zumindest für diejenigen, die in verschiedenen Kampfeinsätzen sind. Dem Hersteller kann man keine Vorwürfe machen.
tpro, 22.04.2015
5. Optional
Wenn SPON schon so gut über interne Unterlagen des Wehrressorts unterichtet ist, wie wäre es einmal damit: 1.) was ist unter Präzisionsproblemen zu verstehen (2cm, 5cm, 50cm auf 100m)? 2.) was stand bei der Entwicklung des G36 im Anforderungskatalog? 3.) hat der Hersteller die Grenzen aus dem Anforderungskatalog eingehalten? 4.) Was sagen Soldaten im Einsatz über das Gewehr aus (nicht irgendwelche selbsternannten "Experten", die ihre Erfahrung an Schreibtischen sammeln)? Solange diese Fragen nicht beantwortet werden, sieht das nach übler Stimmungsmache gegen den Hersteller aus.
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