Prüfung an Bundeswehr-Gewehr G36 Die Schönfärber aus dem Verteidigungsressort

Schwere Anschuldigung an das Haus von Ursula von der Leyen: Der Wehrbeauftragte Königshaus wirft dem Ministerium versuchte Manipulation bei einer Prüfung des Sturmgewehrs G36 vor. Negative Ergebnisse waren in Berlin nicht gewünscht.

Von

Soldat mit G36-Gewehr: Wirbel um Prüfberichte
DPA

Soldat mit G36-Gewehr: Wirbel um Prüfberichte


Berlin - Das Verteidigungsministerium von Ursula von der Leyen gerät wegen Ungereimtheiten bei der Untersuchung möglicher Mängel des Standard-Sturmgewehrs der Bundeswehr erheblich unter Druck. Im vertraulich tagenden Verteidigungsausschuss warf der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus von der Leyens Haus am Mittwoch sogar vor, durch Einflussnahme auf einen Prüfer der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD) gegen das Dienstrecht verstoßen zu haben. Damit erreicht der Vorgang eine neue Qualität.

Könighaus wurde konkret. Demnach habe er bei einem Besuch bei den Prüfern der WTD in Meppen im Juli "deutliche Hinweise" bekommen, dass das Ministerium einen Mitarbeiter der zentralen Prüfstelle der Bundeswehr bedrängte. Dieser solle einen negativen Bericht über das G36-Gewehr der Waffenschmiede Heckler und Koch ändern, negative Passagen streichen und relativierende Schlussfolgerungen einfügen. Am Ende stand in dem Bericht vom Juli 2014 dann auch, es seien keine Mängel an der Waffe zu erkennen.

Hintergrund der Prüfung der WTD waren immer neue Berichte über Probleme mit dem G36, mit dem alle Soldaten ausgestattet sind. So kommt es bei einer Überhitzung durch Dauerfeuer zu Aufweichungen der Ummantelung des Gewehrlaufs und deswegen zu Abweichungen bei der Treffgenauigkeit. Seit Jahren weist das Ministerium dies zurück, ordnete für die Soldaten in Afghanistan aber trotzdem an, Dauerfeuer zu vermeiden und bei Gefechten auf die Kühlung der Waffe zu achten. Im Sommer hatte die WTD erneut geprüft, da es eine Klage aus einer Panzer-Einheit gab.

Der Vorgang der Einflussnahme ist recht gut belegt. Etwa in E-Mails zwischen der Unterabteilung V im Ministerium und einem Beamten in der WTD. Deutlich forderte der Beamte aus Berlin in den Mails, den Bericht zu schönen. So wies er eine "kurzfristige Überarbeitung und Wiedervorlage" an und machte gleich Vorschläge für Einschübe. Einer davon findet sich dann auch im Abschlussbericht: "Das System Waffe und Munition zeigt hinsichtlich des Treffverhaltens keine besonderen Auffälligkeiten". Alles bestens also beim G36.

Für Ursula von der Leyen ist der Vorgang brisant, Vertuschung und Manipulation sind Reizworte im Politikbetrieb. Angetreten ist sie mit dem Ziel, die Fehlerkultur im Ministerium zu verbessern und die jahrelang eingeübte Schönfärberei bei Problemen auszumerzen. Nun, gut ein Jahr nach Amtsantritt, illustriert der Druck auf die Prüfer, dass der alte Geist keinesfalls ausgetrieben ist. Wohl auch deswegen dementierte ihr Sprecher den ersten Bericht der "Süddeutschen Zeitung" über die Causa zunächst scharf und nannte ihn "absurd".

Ministerium kündigt neuen Bericht an

Im Ausschuss gestand der Leiter der Rüstungssparte im Wehrressort, Generalmajor Benedikt Zimmer, vorsichtig Fehler ein. Vieles sei "gut gemeint, aber nicht gut gemacht" worden, sagte er laut Teilnehmern. Im Ausschuss war man sich einig, dass Zimmer damit zumindest eingestand, dass der Vorgang nicht glücklich gelaufen sei. Die grüne Abgeordnete Agniezska Brugger blieb skeptisch: "Bei mir hat sich der Eindruck verstärkt, dass versucht worden ist, den WTD-Bericht zu manipulieren", sagte die Wehrexpertin.

Wenig später versuchte das Ministerium per Mail, die Aufregung um die Einmischung aus Berlin zu besänftigen. So kündigte Staatssekretär Markus Grübel an, man wolle dem Ausschuss alsbald einen schriftlichen Bericht vorlegen, wie der Bericht über das G36 zustande gekommen ist. Ob darin auch die verräterischen E-Mails aus der Unterabteilung V enthalten sein werden, blieb offen. Eigentlich müsste man im Ministerium den Vorfall bereits gut recherchiert haben - der Wehrbeauftragte jedenfalls informierte die Hausspitze schon im Sommer von seinem Verdacht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chagall1985 03.12.2014
1. Unfassbar
Hier wird mit dem Leben von Soldaten gespielt die wir in Gefahrensituationen beordert haben. Das ist keine politische Taschenspielerei, dass ist in meinen Augen vorsätzliche Gefährdung und im schlimmsten Fall billigendes in kauf nehmen von toten Soldaten. Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Jedesmal wenn die im Einsatzfall benutzt wird dann geht es um Leben und Tot.
pacificwanderer 03.12.2014
2. Das ist doch nur der Kopf des stinkenden Fisches.
Vor dem Hubschrauber-deal wurden die gefaehrlichen Ausfaelle im AH90, verschmoren von Displays beim Ausloesen von Feuerloeschanlage, Selbstaendiges Schwenken des Hecks , usw ebenfalls heruntergespielt und per ordre de mufti als nicht vorhanden erklaert.
wauz 03.12.2014
3. Der springende Punkt ist, ...
man kann sehr wohl brauchbare Sturmgewehre kaufen. Nur eben nicht bei der Firma Heckler&Koch.
ekkehart-martin 03.12.2014
4. Was ist daran wirklich neu?
Zitat von chagall1985Hier wird mit dem Leben von Soldaten gespielt die wir in Gefahrensituationen beordert haben. Das ist keine politische Taschenspielerei, dass ist in meinen Augen vorsätzliche Gefährdung und im schlimmsten Fall billigendes in kauf nehmen von toten Soldaten. Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Jedesmal wenn die im Einsatzfall benutzt wird dann geht es um Leben und Tot.
Die Schönfärberei hat doch Tradition, ob es sich nun um NH-90, A-400, Tiger oder das Lego-Gewehr G-36 handelt. Es gibt nach meinem Kenntnisstand eigentlich keine Waffe im Kaliber 5,56mm die wirklich etwas taugt. Es stellt auch keine besondere Erkenntnis dar, wenn man feststellt, dass sich bei schnellem Verschießen mehrerer Magazine egal ob Dauerfeuer, da trifft man ohnehin nichts, oder zügigem Einzelfeuer/Feuerstößen das Rohr stark erwärmt und ausdehnt. Das hat natürlich Einfluss auf die Präzision und die Streuung der Waffe. Nicht ohne Grund soll beim wohl über alle Zweifel erhabenen und im Prinzip über 70 Jahre alten MG 3 nach etwa 150 Schuß das Rohr gewechselt werden. Ansonsten muss man wie im WK 1 auf Wasserkühlung umsteigen. Für mich liegt das Problem darin, dass man ohne wirkliche Not diese Kleinkaliberwaffe und dann noch als Gasdrucklader eingeführt hat. Schon im Vietnamkrieg war das M-16, ursprünglich sogar als "selbstreinigend" angepriesen vom ersten Tag an nicht gerade der Liebling der Bodentruppen wegen ständiger Hemmungen und mangelnder Durschlagskraft gegenüber der .308 Munition des M 14. Wer im Einsatz in Afghanistan die Wahl hat, wird im Regelfall zum bewährten G 3 greifen.
two-wheels 03.12.2014
5. Stellen wir mal gegenüber
Da hinterzieht ein Herr H aus M 23 Millionen an Steuern. Er wird erwischt, er muss die Steuern nachzahlen und noch mal die Summe obendrauf, obendrein bekommt er noch 3,5 Jahre Haft. Nicht das mir Herr H aus M sehr sympathisch wäre, ich möchte Ihn auch nicht verteidigen, er interessiert mich eigentlich gar nicht. Aber festzuhalten wäre: Niemand wurde geschädigt, keine Verletzten und obendrein ein fetter Gewinn für den Staat. Aber immerhin 3,5 Jahre Knast. Da kauft ein sehr hohes und wichtiges Ministerium ein Gewehr. Dieses ist wohl nicht so ganz ausgereift, es schiesst wohl öfter mal daneben. Die Sache wird gemeldet und man geht dem nach. Ein Bericht wird ganz von oben manipuliert und es wird so getan als wäre nichts gewesen. Folge: Soldaten mussten sich mit einer Waffe verteidigen auf die sie sich nicht verlassen konnten, es gab wahrscheinlich Verletzte, wen nicht sogar Tote. Grund für die Vertuschung: Finanzielle und Karriere Gründe. Einfach mal nachschauen in welchem Wahlkreis die Firma Heckler und Koch liegt. Was wird hier in diesem Fall passieren: NICHTS. Der verantwortliche Beamte wird evt. entlassen und kommt, na wohl wo, unter? Dieser von oben verordnete Zynismus hat mittlerweile System, Menschenleben zählen nichts, Geld, Macht, Karriere alles. Wenn unsere Herren Politiker glauben, dass man so zu einer fairen, gerechten, friedvollen Gesellschaft kommt, sind diese schwer auf dem Holzweg
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.