Problem-Gewehr der Bundeswehr Von der Leyen sieht "keine Zukunft" für das G36

Die Affäre um das Bundeswehr-Gewehr G36 hat weitreichende Konsequenzen: Ministerin von der Leyen kündigte im Bundestag das Aus für die Waffe an.

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Die Tage des Sturmgewehrs G36 als Standardwaffe der Bundeswehr sind gezählt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kündigte am Vormittag in der vertraulichen Sitzung des Fachausschusses im Bundestag die Ausmusterung der Waffe von Heckler & Koch an. "Dieses Gewehr, so wie es konstruiert ist, hat keine Zukunft in der Bundeswehr", sagte die Ministerin nach Angaben von Teilnehmern.

Über eine mögliche Alternative berichtete von der Leyen zunächst nichts. Doch ihre Aussage ließ bei den Abgeordneten kaum Zweifel übrig, dass sie das G36 mittelfristig ablösen will.

Es geht um rund 176.000 Gewehre für die Truppe. Mit der spektakulären Entscheidung beendet die Ministerin ein jahrelanges Hin und Her im Umgang mit den Problemen der Waffe. Bereits 2012 stand fest, dass das Sturmgewehr erhebliche Präzisionsprobleme hat, wenn es heiß geschossen wird oder bei hohen Außentemperaturen aufgeheizt wird. Trotzdem wartete die Bundeswehrführung bis ins Jahr 2014, anstatt zu handeln. Immer neue Gutachten wurden in Auftrag gegeben - doch eine Entscheidung über die Zukunft des Gewehrs immer wieder vertagt.

Seit einigen Tagen liegen nun die Ergebnisse einer neuen Untersuchung vor, die von der Leyen einige Monate nach Amtsantritt in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse sind drastisch: "Nach dem Verschuss von zwei Magazinen", so zum Beispiel das Urteil des Planungsamts der Bundeswehr, sei "ein gezieltes Treffen des Gegners nicht mehr zuverlässig gewährleistet". Heiß geschossen sinke die Treffwahrscheinlichkeit des G36 auf 53 Prozent. Nur jedes zweite Geschoss aus dem Gewehr des Herstellers Heckler & Koch erreichte das angepeilte Ziel, nach dem dritten Magazin war es nur noch jedes dritte.

Opposition erwägt Untersuchungsausschuss

Die Folgerungen lesen sich drastisch: "In fordernden Gefechten" sei das "präzise Bekämpfen des Gegners" nicht möglich, das G36 "für den Einsatz nur eingeschränkt tauglich" und "nicht in vollem Sinne einsatzreif". Im Bundeswehr-Sprech heißt es dann, "im Sinne der Überlebens- und Durchhaltefähigkeit" sei mit dem G36 im Einsatz eine "erhebliche Fähigkeitslücke" festzustellen. Das bedeutet nichts anderes, als dass Soldaten mit dem G36 mangelhaft ausgestattet waren und sind. Man könnte auch sagen: Das G36 gefährdet das Leben deutscher Soldaten im Gefecht.

Das Planungsamt forderte als Konsequenz eine rasche Beschaffung einer Alternativ-Waffe für die laufenden Auslandseinsätze der Bundeswehr zum Beispiel in Afghanistan oder Mali. Außerdem müsse sofort eine Prüfung in Auftrag gegeben werden, wie man das G36 mittelfristig ablösen könne. Der Austausch aber kann bei einer Großorganisation wie der Bundeswehr bis zu zehn Jahre dauern. Ministerin von der Leyen hingegen muss schnell handeln: Sie will unbedingt den schon bestehenden Eindruck verhindern, sie handele ähnlich zögerlich wie ihr Vorgänger Thomas de Maizière.

Der Hersteller bestreitet die Probleme, seit die ersten Berichte über das G36 erschienen. Aus Sicht von Heckler & Koch erfüllt das G36 die Lieferbedingungen, die man in den Neunzigerjahren mit der Bundeswehr vereinbart habe. Tatsächlich war damals von einem Einsatz in Gefechten mit schnellen Schussfolgen und einem hohen Munitionsverbrauch nicht die Rede, da die Bundeswehr noch keine entsprechenden Einsätze hatte. Deswegen hatte Heckler & Koch bereits nach den ersten negativen Äußerungen der Ministerin recht unverhohlen Schadensersatzansprüche angekündigt. Mit der Ausmusterungsentscheidung ist der Streit über das G36 also noch lange nicht zu Ende.

Nach der Sitzung des Verteidigungsausschusses wird auch eine Entscheidung der Opposition erwartet, ob ein Untersuchungsausschuss zum Gewehr ins Leben gerufen wird. Die Grünen hatten vor der Sitzung gesagt, man wolle die Erklärungen von der Leyens abwarten und dann beraten. Ein solcher Ausschuss wäre für von der Leyen und ihren Vorgänger de Maizière äußerst unangenehm. Vor allem de Maizière hatte die Probleme mit dem Gewehr bis zum Ende verharmlost und die Sache stets seinen Beamten überlassen. Nach der Affäre um die Pannen-Drohne Euro Hawk würde ein weiterer Ausschuss massiv an seinem Ruf kratzen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 406 Beiträge
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Seite 1
slmn 22.04.2015
1.
was für eine absurde Debatte.
maxehaxe 22.04.2015
2. Eilmeldung...
Fällt das noch auf in einer Liste voller unbrauchbarer Flugzeuge, Helikopter, Panzer und vor allem Personal?
maipiu 22.04.2015
3. Fragen über Fragen
"Aus Sicht von Heckler & Koch erfüllt das G36 die Lieferbedingungen, die man in den Neunzigerjahren mit der Bundeswehr vereinbart habe." Wie sind diese Lieferbedingungen? Gibt es nur eine Version dieses Gewehrs? Wieso haben andere Länder keine Probleme damit sondern nur die Bundeswehr? Sind wegen der Treffungenauigkeit Bundeswehrsoldaten umgekommen? Fragen über Fragen, die ein Untersuchungsausschuss klären könnte.
revirement 22.04.2015
4. Vorgaben
«Tatsächlich war damals von einem Einsatz in Gefechten mit schnellen Schussfolgen und einem hohen Munitionsverbrauch nicht die Rede, da die Bundeswehr noch keine entsprechenden Einsätze hatte.» Man fragt sich ja schon, welche Vorstellungen bezüglich möglicher Einsatzszenarien es damals gab, die schnelle Schussfolgen so unwahrscheinlich machten. Salutschießen? Hübsch aussehen?
quantenmechanik 22.04.2015
5. Wichtig
Die komplette Blamage ist vollkommen.
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