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G36-Affäre: Heckler & Koch verteidigt das Pannengewehr

Gewehre vom Typ G36 von Heckler & Koch: "Prüfsiegel-Vorwürfe sind grundfalsch" Zur Großansicht
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Gewehre vom Typ G36 von Heckler & Koch: "Prüfsiegel-Vorwürfe sind grundfalsch"

Der Haupteigentümer des Waffenherstellers Heckler & Koch widerspricht dem vernichtenden Experten-Urteil über das Sturmgewehr G36. In der "FAS" behauptet Andreas Heeschen: "Was wir herstellen, ist zu 100 Prozent einsatzfähig."

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Nur eingeschränkt tauglich, mangelhafte Treffgenauigkeit im Gefecht - und im Zweifel sogar lebensgefährlich: Das Urteil der Experten über das Standardgewehr G36 der Bundeswehr ist verheerend. "Das aktuelle Waffensystem erfüllt die Forderungen nicht", heißt es im jüngsten Gutachten, das die Bundeswehr in Auftrag gegeben hatte.

Jetzt meldet sich der Haupteigentümer des Herstellers Heckler & Koch zu Wort. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) sagt Mehrheitseigner Andreas Heeschen: "Es kann einfach nicht sein, dass nun nach zwanzig Jahren entdeckt wird: Das Gewehr taugt nichts." Er sei sicher, "die Wahrheit kommt ans Licht."

Es würden schwere Vorwürfe erhoben, "die uns im Kern unseres Selbstverständnisses treffen", sagt Heeschen. "Was wir herstellen, ist zu 100 Prozent einsatzfähig." Auf das Sturmgewehr G36 könnten sich die Soldaten jederzeit verlassen.

Die Experten kommen in dem 372 Seiten dicken Gutachten jedoch zu einem anderen Fazit: Demnach sinkt heiß geschossen die Treffwahrscheinlichkeit des G36 auf 53 Prozent. "In fordernden Gefechten" sei das "präzise Bekämpfen des Gegners" nicht möglich, "im Sinne der Überlebens- und Durchhaltefähigkeit" sei mit dem G36 im Einsatz eine "erhebliche Fähigkeitslücke" festzustellen.

Heeschen hält die Kritik offenbar für ungerecht. "Wer als Single ein Cabrio kauft und dann jahrelang damit fährt, kann sich doch nicht nach Hochzeit und vier Kindern plötzlich beim Hersteller beschweren und sagen: Das ist ein Mist-Auto - wir passen da nicht rein."

Auch dem Vorwurf, dass bei der Qualitätskontrolle des G36-Gewehrs offenbar gegen Vorschriften verstoßen wurde, und Heckler & Koch die amtliche Prüfung der Waffen selbst durchführte, widerspricht Heeschen. "Das ist nicht so, und das war auch vor 2007 nicht so. Es entspricht den Tatsachen, dass Heckler & Koch das Gütesiegel auf die Waffen lasert. Diese hoheitliche Maßnahme geschieht aber nur auf Weisung." (Lesen Sie hier die ganze Geschichte über die Qualitätskontrollen des G36 im neuen SPIEGEL.)

Nach Angaben des Waffenherstellers wird dem Leiter der Laserbeschriftungsanlage morgens von der Güteprüfstelle Oberndorf, die direkt am Firmengelände einen Sitz hat, der Datenträger mit dem originalen Prüfsiegel zur Verfügung gestellt. Den weiteren Vorgang beschreibt Heckler & Koch in der "FAS" so: "Die Daten werden unter Aufsicht der Güteprüfstelle in die Steuerung der Maschine eingelesen; hier wird insbesondere von dem Beamten darauf geachtet, dass keine Kopie der Daten auf der Maschine abgelegt werde. Abends werden die Daten unter Aufsicht dann wieder gelöscht und der Datenträger wird dem Beamten der Güteprüfstelle abschließend ausgehändigt. Dieser nimmt ihn an sich und verschließt ihn im Tresor der Güteprüfstelle."

"Weder ist oder war Heckler & Koch im Besitz des Hoheitszeichens, noch verfügen oder verfügten wir in der Vergangenheit über eine Kopie des Hoheitszeichens", so der Hersteller weiter. Auch vor Einführung der Lasertechnologie sei man so verfahren. Anstatt eines Datenträgers seien damals von der Güteprüfstelle die Schablone oder der Stempel übergeben worden. Jedes einzelne der insgesamt 178.000 von der Bundeswehr genutzten Gewehre G36 sei durch die Güteprüfstelle abgenommen worden.

Heeschen zeigte sich über den SPIEGEL-Bericht "verwundert". Das Thema sei vom Bundeswehrbeschaffungsamt untersucht worden, der Vorwurf habe sich als haltlos erwiesen.

Im Hinblick auf die mangelnde Funktionsfähigkeit des Sturmgewehrs sagte der Eigentümer von Heckler & Koch: "Über Veränderungen an unseren Produkten kann immer geredet werden." Zurzeit wisse man aber nicht einmal, warum das Gewehr angeblich Probleme machen soll. Das Unternehmen wolle prüfen, ob die Untersuchungen rechtmäßig durchgeführt wurden und gegebenenfalls rechtliche Schritte dagegen einleiten.

Zusammengefasst: Laut einem aktuellen Gutachten ist das Standardgewehr G36 der Bundeswehr nur eingeschränkt tauglich. Dem widerspricht jetzt der Eigentümer des Waffenherstellers Heckler & Koch. Andreas Heeschen streitet auch den Vorwurf ab, dass die Qualitätskontrolle gegen Vorschriften verstoßen habe.

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insgesamt 134 Beiträge
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1.
info121 18.04.2015
Was soll eigentlich diese tendenziöse Berichterstattung? Ist Spiegel Online jetzt die Außenstelle von Bild.de?
2. Herr Heeschen ...
rebel4life 18.04.2015
... hat recht. Insbesondere erfüllte und erfüllt das G36 die auf Grundlage der taktisch-technischen Forderungen von 1993 im Jahr 1996 hieran durch die BW gestellten Anforderungen. Darüber hinaus sollten sich die ganzen pazifistischen, von grünem, rotem und veganem Geist getragenen Linken doch mächtig freuen: Mit diesem Gewehr lässt sich offensichtlich niemand umbringen! Ganz im Sinne der Wehrexportgegner! Exportiert mehr!!!
3.
marthaimschnee 18.04.2015
Der Vergleich mit dem Cabrio legt aber nahe, daß das Gewehr tatsächlich Schrott ist ... allerdings wohl genau wie von der BW angefordert.
4. Unglaubwürdig
walter kuckertz 18.04.2015
Wahrhaftig, es ist schon kaum glaubwürdig, dass die angeblichen Mängel des Gewehrs G 36 erst nach 20 Jahren im Einsatz erkannt werden. Da fragt man sich: "Wem nützt das? Wer soll außer dem Hersteller in Mißkredit gebracht werden? Wer hat wen mit wieviel geschmiert?"
5. Mist beliebt Mist, auch wenn der Prozeß stimmt.
merlin 2 18.04.2015
Schießt das Ding in heiß geschossenem Zustand daneben, dann ist es völlig irrelevant ob was drauf gelasert worden ist. Ich kann den Herrn schon verstehen, es hängt sein Geld dran. Ich könnte möglicherweise auch den Hersteller verstehen, wenn die ursprüngliche Anforderung 10 Schuss Einzelfeuer gewesen sein sollte. Dumm nur, daß die Kollegen ganz aktuell auch Sperrfeuer damit schießen müssen, um dann nach 50 Schuss auch mal wieder gezielt zu schiessen. Wenn dann mit dem Ding das Ziel verfehlt wird, weil die Waffe krumm schießt, ist es Schrott und für den Einsatz nicht zu gebrauchen. Dabei ist es am Ende dann auch egal wie die ursprüngliche Spezifikation ausgesehen hat. Mit so einer Waffe geht doch keiner mehr in den Einsatz!
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