G7-Protest um Schloss Elmau "Sieben Hanseln zerstören die Welt"

Sie wettern gegen Kapitalismus, Krieg und Windparks: Der G7-Protest rund um Schloss Elmau ist bunt, wütend, manchmal schräg. 15 Demonstranten erzählen, warum sie der Gipfel auf die Straße treibt.

HC Plambeck

Von und Hans-Christian Plambeck (Fotos), Garmisch-Partenkirchen


Barack Obamas Biergarten-Begegnung mit Bürgern - alles nur Show? Angela Merkels Mantra vom "guten Leben" für alle Menschen - verlogen? Das Versprechen für eine bessere Welt - Heuchelei?

Die Demonstranten rund um den G7-Gipfel in Schloss Elmau würden diese Fragen mit Ja beantworten. Sie sehen in der Globalisierung vor allem Ausbeutung, sie werfen den Industrienationen Kriegstreiberei, das Schüren von Umweltproblemen und Flüchtlingsströmen vor. Es sind Alte, Junge, Familien, Studenten, die an diesem Wochenende gegen den Gipfel protestieren. Was sie eint, ist tiefer Frust über das "Treffen der Eliten", wie ein Demonstrant das Polit-Spektakel nennt.

Zwar fielen die Proteste kleiner aus als erwartet, doch in Garmisch-Partenkirchen, Luftlinie etwa zehn Kilometer von Schloss Elmau entfernt, hält sich ein hartnäckiges Bündnis der Gipfelgegner - trotz riesigen Polizeiaufgebots und Unwetters. Am Sonntag wollen sie in die Nähe des Sperrzaunes marschieren, der den Tagungsort abriegelt.

Warum sind sie angereist, und was wollen sie? "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die G7 es gut mit den Menschen meinen", sagt ein Demonstrant. Viele regen sich über die Russlandpolitik des Westens auf, den Handelspakt TTIP, über Gentechnik. Und über Themen, die gar nicht auf der Gipfelagenda stehen, wie die Hebammen-Reform, steigende Mieten oder Legehennen. Aber für die Demonstranten sind all das Symptome einer Welt, die von den G7 geprägt wird.

Eine Windpark-Gegnerin aus Mexiko, ein Pazifist aus Berlin, ein Punker-Pärchen, das die Polizisten lobt: So bunt, so verärgert, so schräg ist der Protest um G7. Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke mit 15 Demonstranten im Kurzporträt.

Anti-G7-Protest: Putin-Versteher, Pazifisten, Politikverdrossene

Die USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Japan wollen mit ihrem Treffen auch ein Zeichen für Frieden und Demokratie setzen. Das hält Bernd Kartesas aus Berlin für pure Heuchelei. "Das haben diese Staaten selbst widerlegt. Der Afghanistan-Krieg und der Irak-Krieg endeten im Desaster. Und am 'Islamischen Staat' sehen wir, was daraus erwachsen kann", schimpft er. "Man kann nicht Feuer mit Öl löschen. Wann lernen sie es endlich?"

Sie habe Erfahrung mit Widerstand, sagt Anita aus Regensburg. Schließlich sei sie in der Nähe von Wackersdorf aufgewachsen, wo es in den Achtzigern heftige Anti-Atom-Proteste gab. Zur Gipfeldemo ist sie wegen der Flüchtlingsströme gekommen. "Die industriestarken Staaten sorgen mit ihrer Wirtschafts- und Außenpolitik mit dafür, dass arme Regionen arm bleiben. Wir brauchen nicht noch mehr dicke Autos auf diesem Planeten, wir brauchen Frieden, Harmonie und Nahrung. Tausende Menschen sterben im Mittelmeer, das ist für mich Mord." Die G7 wollen in Elmau auch mit Vertretern aus Afrika sprechen, Flüchtlinge und Hunger stehen auf der Gipfel-Agenda. Anita glaubt nicht an das Programm: "Wir brauchen Handeln, keine Worte." Mehr zum Thema Flüchtlinge finden Sie auf unserer Themenseite.

"Dieses Treffen der Eliten kostet über 300 Millionen Euro. Das ist doch ein Witz. Die G7 verbessern nicht die Lage der Lohnabhängigen. Sie vereinbaren Absprachen, wie man sie noch weiter ausbeuten kann. Der Gipfel ist auch ein Zeichen für eine gefährliche Blockbildung, vor allem gegen Russland und China", sagt Paul Rodermund, der mit einer Gruppe aus Tübingen angereist ist. Aber senden die G7-Treffen, gerade angesichts von Kriegen und Krisen, nicht ein Signal des Friedens? "Für mich ist dieses Gremium von niemandem legitimiert. Andere Staaten werden bewusst ausklammert, der westliche Kapitalismus wird gestärkt. Dagegen muss man auf die Straße gehen."

Studentin Juliane traut Politik und Parteien nicht. "Die Politik macht nicht, was die Menschen wollen. Sondern sie bedient Interessen von Lobbyisten und Wirtschaft, wichtig ist der eigene Machterhalt. Deshalb ist es auch egal, wen man wählt", sagt sie. Nach Garmisch-Partenkirchen ist sie gekommen, "um ein Zeichen zu setzen, dass friedlicher Protest funktioniert. Die Medien haben im Vorfeld Panik geschürt, dass gewaltbereite Demonstranten anreisen", kritisiert sie. Vom Klub der Industrienationen hält sie nichts. "Er ist teuer, tagt hinter verschlossenen Türen, und am Ende kommt nichts dabei herum. Das ganze Tamtam könnten sich die G7 sparen, sondern einfach miteinander telefonieren." Was von früheren Gipfeln umgesetzt wurde, erfahren Sie hier.

Mit Merkels Gipfel können sie überhaupt nichts anfangen - mit globalen Handelsabkommen noch weniger. "Es wird wieder einmal über Dinge geredet, von denen Konzerne profitieren, aber nicht die einzelnen Menschen", sagt Alice aus München. Nico aus Bad Tölz zweifelt am Versprechen der G7, gemeinsam die Gesundheit in Entwicklungsländern verbessern zu wollen. "Geht es ihnen wirklich darum, Seuchen und Krankheiten zu bekämpfen? Oder geht es in Wahrheit doch darum, Pharmakonzernen einen Gefallen zu tun? Es geht ums Geld, nicht um die Menschen", pflichtet er Alice bei. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur einer der G7-Staats- und Regierungschefs gut mit den Bürgern meint. Sonst müssten sie sich nicht verstecken." Lobende Worte finden beide für die Sicherheitskräfte. "Die Polizisten sind wenigstens nett."

Sein T-Shirt sorgt auf der Demo für kritische Bemerkungen, mehrfach wird er angesprochen. Die Aufregung kann Rainer Lipfert nicht nachvollziehen. "Putin-Versteher bedeutet nicht, dass ich seine Politik befürworte. Aber ich kann verstehen, wie es zu der Annexion der Krim kam", sagt der Demonstrant. Der 71-Jährige sieht die G7 in der Pflicht, auf Moskau zuzugehen - nicht umgekehrt. Die Erweiterung der Nato und die Revolution auf dem Maidan hätten Russlands Präsident "keine andere Wahl gelassen", so seine Meinung. Auf der Demo rund um Schloss Elmau wünschen sich viele Putin zurück an den Verhandlungstisch. Das Verhalten Russlands in der Ukraine-Krise wird aber überwiegend abgelehnt. Alles über den Ukraine-Konflikt finden Sie hier.

Die Umwelt-Aktivistin aus Ingolstadt protestiert gegen Massentierhaltung und Tierquälerei. Wäre das nicht eher eine nationale Aufgabe anstelle eines Themas für die G7? "Einer muss doch anfangen, die Lage merklich zu verbessern. Im Kleinen beginnen und Großes bewegen, so funktioniert es. Aber die Kasper in Elmau fahren wieder nach Hause, danach passiert nichts", sagt Lisa Munz.

"Ich sehe doch das Leid das Welt. Gäbe es ein echtes Interesse der Entscheider, daran etwas zu ändern, wäre das längst geschehen", sagt Protestteilnehmer Thomas aus Oberbayern. Woher die Wut komme? "Das Großkapital ist schuld, Riesenkonzerne braucht niemand!", sagt er aufgebracht. Der Gipfel samt Polizeipräsenz diene nur dazu, Macht zu demonstrieren. Politikern, fügt er hinzu, glaube er schon lange nichts mehr.

Auch wenn das transatlantische Handelsbündnis nicht offiziell auf der Gipfel-Agenda steht, ist TTIP auf vielen Plakaten Thema. Für die meisten Demonstranten ist der Handelspakt ein übles Instrument der Globalisierung, auch für Simon aus Stuttgart. "Ich halte TTIP für falsch", sagt er, "weil es die Armen ärmer und die Reichen reicher macht." Überhaupt sei das Geld der G7 falsch verteilt. "Es wird viel für einen Gipfel ausgegeben, aber verhältnismäßig wenig für Bildung. Das überzeugt mich nicht."

Ich halte nicht viel davon, dass sieben Köpfe über wichtige Fragen der Weltpolitik entscheiden. Themen wie Umweltschutz stehen zwar auf dem Programm, werden aber nicht ernsthaft angegangen. Der Gipfel ist reine Geldverschwendung, sagt Michael Murnau, der mit seiner Familie unterwegs ist. Er kommt aus der Region, an einen Tourismus-Boom nach der G7-Publicity glaubt er nicht.

"Ich bin hier, weil die Politik der G7 den Landraub an indigenen Völkern vorantreibt. Ich bin Aktivistin aus Mexiko, hier errichten europäische Konzerne immer mehr Windparkanlagen. Ganze Dörfer drohen vertrieben zu werden", sagt Bettina Cruz. Mehr über den Widerstand in Mexiko gegen Windparks lesen Sie hier. Einen Bericht von Amnesty International dazu gibt es hier.

Teil der Demo-Parade waren Elektro-Musik und Sonnenschein - zumindest vor dem Unwetter, das am Wochenende über die Proteste hereinbrach. In die entspannte Stimmung mischen sich düstere Prognosen: "Sieben Hanseln zerstören die Welt", sagt Demonstrantin Dodo Lazarowicz. "Die Industrienationen treffen sich seit vielen Jahren, die Welt ist nicht besser geworden. Armut und Krieg gehen ungebremst weiter."

"Ich bin die Fray, F-R-A-Y" aus Garmisch-Partenkirchen: "Sie wollen sich über das Klima unterhalten, haben aber China nicht dabei. Sie wollen sich über die Ukraine-Krise unterhalten, haben aber Russland nicht dabei. Der G7-Gipfel kostet viel und führt zu nichts. Für die Kanzlerin ist das sowieso nur eine Prestige-Veranstaltung, auf der sie mit schönem Alpen-Panorama angeben kann." Auch ärgert es Fray, dass es keinen Bürgerentscheid über den Gipfel in Schloss Elmau gab. "Olympia haben wir abgelehnt, bei G7 wurden wir nicht gefragt".

Die Anwohnerin ist das "erste Mal überhaupt" auf einer Demo. "Was maßen sich die G7 an, Politik zu machen, die sehr viele andere Länder mit beeinflusst?" fragt Demonstrantin Nicole Förster. Auch findet sie es völlig übertrieben, dass für ein 24-stündiges Treffen ein ganzes Tal abgesperrt werden muss. "Wenn man ernsthaft viele Themen bearbeiten will, braucht man doch mehr Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man tief in die Probleme eintaucht".

Eine grundsätzliche Politikverdrossenheit zieht sich - wenig überraschend - durch das Protestpublikum. Auf die Frage, was gegen sieben demokratisch gewählte Staats- und Regierungschefs einzuwenden sei, sagt Demonstrant Christian Zimmermann: "Die Nichtwähler vertreten sie garantiert nicht." Auch an das Versprechen, dass die Treffen Verbesserungen bringen sollen, glaubt das Paar nicht. "Es geht nur um Profit", sagt Sylvia Loreck. Für beide sind die Top-Aufreger der Handelspakt TTIP und die Gasfördermethode Fracking.

Den knapp 4000 Demonstranten standen am Wochenende mehr als 10.000 Polizisten gegenüber. Einen Überblick der Proteste zum G7-Auftakt finden Sie hier. Am Sonntag und Montag beginnt die Hauptphase des Gipfels, SPIEGEL ONLINE hält Sie rund um die Uhr auf dem Laufenden.






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