Smalltalk-Wissen zu G7 Was passiert mit dem zertrampelten Rasen in Elmau?

Ein Schloss, ein Bergpanorama - ein Riesenaufwand: Der G7-Gipfel ist ein Spektakel, logistisch wie politisch. Zehn Fakten zum Spitzentreffen, mit denen Sie beim Smalltalk punkten können.

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Deutschland erwartet das politische Großereignis des Jahres. An diesem Wochenende treffen sich sieben Staats- und Regierungschefs samt Entourage. Die führenden Industrienationen der Welt wollen über Kriege und Krisen, die globale Wirtschaft, Flüchtlinge und Klimaschutz sprechen.

Die Eckpunkte zum G7-Gipfel sind schnell aufgezählt: Gastgeberin ist Kanzlerin Angela Merkel, sie empfängt US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Staatspräsidenten François Hollande, Italiens Ministerpräsidenten Matteo Renzi, Großbritanniens Premier David Cameron, den kanadischen Premier Stephen Harper und Japans Premierminister Shinzo Abe. Eineinhalb Tage haben sie Zeit, am Ende soll ein Signal der Geschlossenheit stehen - auch an Russland, das wegen der Ukraine-Krise nicht mit am Tisch sitzt.

Sie glauben, Sie haben schon alles über das G7-Spektakel gelesen? Wir wollen Sie vom Gegenteil überzeugen - mit zehn Dingen, mit denen Sie beim Smalltalk punkten können.


1. Wird Griechenland jetzt gerettet?

Das ist leider nicht zu erwarten. Zwar gab es kurz vor dem Gipfel Bewegung, weil sowohl die Griechen als auch ihre Geldgeber neue Reformkonzepte erarbeiteten. Doch selbst nach einer Einigung würde zunächst nur die letzte Rate aus dem bisherigen Rettungspaket freigegeben - und Griechenland braucht weitere Finanzhilfen. Die Debatte darüber könnte auf Schloss Elmau immerhin vorankommen: Neben Deutschland, Frankreich und dem Internationalen Währungsfonds als Griechenlands wichtigsten Gläubigern sind auch die USA vertreten. Die sind zwar nicht Teil des Schuldendramas, fürchten aber die Folgen eines möglichen "Grexit" für die Weltwirtschaft. Deshalb dürfte US-Präsident Barack Obama seine Amtskollegen zu einem Kompromiss drängen.


2. Was wünschen sich die Wirtschaftsbosse?

Für TTIP, gegen Kohle-Aus: Die Chefs führender Wirtschaftsverbände in der G7
DPA

Für TTIP, gegen Kohle-Aus: Die Chefs führender Wirtschaftsverbände in der G7

Ihren Wunschzettel haben Wirtschaftslobbyisten der sieben Länder Bundeskanzlerin Merkel kurz vor dem Gipfel persönlich überreicht. Darauf stehen Dauerbrenner wie die Sicherung globaler Lieferketten. Auf die sei etwa Italien mangels eigener Rohstoffe dringend angewiesen, sagte der Chef des Verbandes Confindustria. Zur Erleichterung ihrer Geschäfte wünschen sich die Unternehmer auch Freihandelsabkommen wie TTIP, die sie als "hervorragende Mittel" preisen. Als "eminent wichtig" bezeichnete BDI-Chef Ulrich Grillo außerdem den Abschluss eines neuen Klimaschutzabkommens im Dezember in Paris. An Öl, Gas und Kohle will die Wirtschaft freilich trotzdem festhalten: Die G7 dürften Unternehmen nicht daran hindern, "fossile Brennstoffe verantwortungsvoll zu gewinnen und auf den Markt zu bringen".


3. Was bringt so ein G7-Treffen überhaupt?

Die G7 fassen keine Beschlüsse, sie erklären Absichten. Doch immerhin versammeln sich hier seit 40 Jahren führende demokratisch gewählte Staatenlenker. Auslöser war 1975 die Weltwirtschaftskrise, bald kamen Themen wie die Nutzung der Atomenergie, der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan, die Nato-Aufrüstung dazu, später auch Umwelt, Klimaschutz oder Aids, zuletzt der Bürgerkrieg in Syrien. Das Treffen der Industrienationen ist eine Art Gradmesser der Weltpolitik. Was von bisherigen Gipfeln umgesetzt wurde, lesen Sie hier. Was in diesem Jahr auf der Agenda steht, finden Sie hier.


4. Ist Schloss Elmau zur Pleite verdammt?

Der G8-Gipfel an der Ostsee 2007 sollte das Grand Hotel in Heiligendamm ganz groß rausbringen. Doch das Spektakel brachte Pech, der Edelbau schlitterte zwischenzeitlich in die Pleite, der erhoffte Boom kam nie. In Bayern hofft nun Hotelier Dietmar Müller-Elmau auf Publicity für sein Schloss. Sein Vorteil: Er betreibt das Wellness-Resort seit 18 Jahren, es ist auf dem Markt etabliert. Ob sich der Gipfel wirklich auszahlt, wird man aber erst im Nachhinein sehen. Denn einen Automatismus für blühende Geschäfte gibt es offensichtlich selbst nach Weltgipfeln nicht.


5. Was passiert mit dem zertrampelten Rasen?

Reiterstaffel im Wettersteingebirge: Das Gras plätten dürfen offiziell nur Kühe
DPA

Reiterstaffel im Wettersteingebirge: Das Gras plätten dürfen offiziell nur Kühe

Elmau liegt im Naturschutzgebiet, hier brüten Steinadler, hier lauschen normalerweise Wanderer dem Baumrauschen. Für Merkels Gipfelsause musste aufgerüstet werden, Wege wurden verbunden, Straßen geteert, Kabel verlegt, ein Hubschrauberlandeplatz planiert. Bayern und Bundesregierung versichern, dass Eingriffe in die Landschaft weitgehend rückgängig gemacht werden können. Die sensiblen Buckelwiesen darf man ohnehin nicht betreten. Ob sich im Fall von Krawallen jemand daran hält, ist allerdings fraglich. Immerhin sollen Rasenstücke, die Tretpfaden weichen mussten, nach dem Gipfel wieder eingepflanzt werden.


6. Welche rote Linie darf nicht überschritten werden?

Die des offiziellen Sperrbereichs rund um Schloss Elmau (siehe Karte), hier riegeln Zäune und Polizisten das Gelände großräumig ab. Dazu gibt es in einem Radius von 55 Kilometern ein Flugverbot. Natürlich gilt das nicht für die Gipfelgäste: Die werden per Hubschrauber von München ins Wettersteingebirge eingeflogen, bei schlechtem Wetter mit einer Autokolonne transportiert.

Der Sicherheitsbereich um Schloss Elmau

Quelle Sicherheitsbereich: Landratsamt Garmisch-Partenkirchen;
Informationen zu Demonstrationen: Bündnis "Stop G7 Elmau 2015"
  Sicherheitsbereich


7. Wo bringt die Polizei auffällige Demonstranten hin?

200 Demonstranten kann die Polizei gleichzeitig einsperren, sie kommen in eine zellenartige Containeranlage in Garmisch-Partenkirchen. Auch die Kinder festgenommener Demonstranten sollen betreut werden können. Auf dem Gelände waren früher US-amerikanische Streitkräfte stationiert, zuletzt waren dort Asylbewerber untergebracht. Bis zu 600 Beamte arbeiten während des Gipfels im Schichtbetrieb in dem Behelfsknast - und dazu mehr als hundert Richter, die im Ernstfall über Festnahmen und Untersuchungshaft entscheiden. Ganz in der Nähe steht übrigens ein Protestcamp, es wurde in letzter Minute erlaubt - die ersten Zelte stehen.


8. Putin ist ausgeladen. Was macht er mit der Zeit?

Putin beim Freikörper-Angeln in Sibirien (Archiv): Zeit hätte er am Wochenende dafür
AP/ RIA-Novosti

Putin beim Freikörper-Angeln in Sibirien (Archiv): Zeit hätte er am Wochenende dafür

Der Kreml hat bislang keine parallelen Termine mit Wladimir Putin bekannt gegeben. Moskaus politischer Kalender weist am Montag allerdings eine Veranstaltung aus, die ganz nach dem Geschmack des russischen Präsidenten wäre: In der Hauptstadt kommen zum ersten Mal Parlamentarier der BRICS-Länder zusammen, also Abgeordnete aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Russland strebt danach, die Zusammenarbeit der BRICS-Staaten zu intensivieren, auch als Gegengewicht zu den G7-Nationen. Putin hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das Gremium nicht sonderlich leiden kann. Er setzt lieber auf den G-20-Zusammenschluss. Dort weiß er mit anderen Schwellenländern mehr Verbündete an seiner Seite.


9. Was springt für Bayern heraus?

Ruhm und Ehre natürlich! Die CSU hat die Sache mit Schloss Elmau geschickt eingefädelt, Verkehrsminister Alexander Dobrindt unterhält gute Beziehungen zum Chef des Luxushotels. Nachdem vor acht Jahren die Ostsee im Mittelpunkt stand, soll nun jeder sehen, welch reizendes Panorama Süddeutschland zu bieten hat. Ministerpräsident Horst Seehofer wird Barack Obama und Co. am Münchner Flughafen persönlich begrüßen. Pünktlich zum Gipfel startete Seehofer noch die Image-Kampagne "Welcome dahoam", inklusive 300.000 Euro teurem Bildband. Die Botschaft ist klar: Wir sind stolz auf unsere Region - und bezahlen ein Protzbuch aus der Portokasse.


10. Wie lange geht der Gipfel tatsächlich?

Das Kernprogramm dauert keine 30 Stunden. Merkel nimmt ihre Gäste Sonntagmittag in Empfang, später stoßen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk dazu, am Abend gibt es ein Arbeitsessen. Am Montag tagen die G7 erst unter sich, dann mit afrikanischen Staats- und Regierungschefs. Doch die Vorbereitung des Gipfels läuft seit Anfang 2014, es gab diverse Vorgipfel, die Sicherheits- und Umbaumaßnahmen sind enorm, der Rückbau wird eine Weile dauern. Grob geschätzt sind für eineinhalb Tage Gipfel also eineinhalb Jahre Vor- und Nachbereitung notwendig.

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