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05. Juni 2015, 05:09 Uhr

Elmau-Gipfel

Das G7-Missverständnis

Ein Kommentar von

Der G7-Gipfel in Bayern ist eine Megashow, die viel kostet und wenig zustande bringt. Die Verteufelung des Treffens ist trotzdem falsch.

Es ist groß in Mode, den G7-Gipfel doof zu finden. Sieben Politiker werden am Wochenende in den bayerischen Alpen hinter Maschendrahtzaun sitzen. Horst Seehofer wird sich durch geschicktes Foto-Bombing auf die Gipfel-Bilder drängeln. Das Volk muss leider draußen bleiben, Millionen werden verpulvert für Polizeischutz, Hubschrauberflüge und gekühlten Weißwein.

Viel Aufwand wird betrieben, und am Ende wird nur eine der üblichen wolkig-unkonkreten G7-Abschlusserklärungen herauskommen. Soweit, so ärgerlich. Aber ist der G7-Gipfel wirklich nutzlos?

Es gibt rund um diesen Gipfel ein großes Missverständnis. Die G7-Chefs übersehen, wie verstörend ihre Pomp-Show auf viele Menschen wirkt. Und die Gegner ignorieren den politischen Kern dieser Treffen. Wenn wichtige Anführer der westlichen Welt zusammenkommen, kann das den Planeten tendenziell nicht zu einem schlechteren, sondern nur zu einem besseren Ort machen. Es gibt eben bei aller Kritik auch gute Gründe, die für ein solches Gipfeltreffen sprechen.

Das mag jetzt etwas staatstragend klingen, aber es ist so: Die G7 sind ein Forum, in dem Staaten durch ihre obersten Repräsentanten gegenseitigen Respekt demonstrieren und miteinander ins Gespräch kommen, über gemeinsame Ziele und Probleme reden. In einer Welt voller schwelender Konflikte und echter Kriege ist das schon ein Wert an sich. Wenn die lockere Ferien-Atmosphäre eines Berghotels dabei hilft, sei's drum.

Ja, die G7 sind ein exklusiver Klub, weil darin nur starke Industrienationen sitzen. Aber es ist naiv anzunehmen, man könne globale Themen wie Umweltschutz allein dadurch voranbringen, dass immer alle Staaten gleichberechtigt an einen Tisch geholt werden. Es muss Antreiber geben, Gruppen, die wenigstens ansatzweise versuchen, in dieselbe Richtung zu marschieren. Das tun die G7.

Es gibt ganz andere Ganoven als die G7

Wie es ist, wenn jeder Staat bei globalen Themen mitredet (auch die schlimmsten Halunken-Diktaturen), sieht man bisweilen bei den Vereinten Nationen oder bei der Fifa. Es kommt nicht immer Gutes dabei heraus. Manchmal einigen sich die Gauner sogar gemeinsam auf das Gegenteil von dem, was wir in der westlichen Welt insgesamt für richtig und wichtig halten.

Natürlich könnten die Herrschaften im Schloss Elmau viel viel mehr gegen globale Probleme tun, als sie üblicherweise bei G7-Gipfeln verabreden. Und sicher führt westliches Versagen auch zu Problemen in der sogenannten Dritten Welt.

Aber wer, wenn nicht die G7-Staaten übernimmt überhaupt Verantwortung jenseits der eigenen Landesgrenzen? Die USA, Deutschland, Großbritannien geben Milliarden für die Entwicklung in anderen Staaten aus. Der vermeintliche Bösewicht USA hat Tausende Helfer nach Afrika geschickt, um dort Ebola zu bekämpfen. Es ist schlicht ungerecht, in den G7-Staaten die Hauptverursacher von Ausbeutung und Unterdrückung zu sehen. Da gibt es ganz andere Ganoven.

Deshalb: Macht ruhig Euren G7-Gipfel. Aber eine Nummer kleiner tut's beim nächsten Mal auch.

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