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Kampf gegen IS-Dschihadisten: Gabriel schließt Waffenlieferungen nicht mehr aus

Peschmerga-Einheiten im Irak: Kampf gegen IS mit deutschen Waffen? Zur Großansicht
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Peschmerga-Einheiten im Irak: Kampf gegen IS mit deutschen Waffen?

Keine Waffen für den Kampf gegen die Islamisten im Irak - das war bisher die Linie der Bundesregierung. Nun rückt Wirtschaftsminister Gabriel davon ab.

Berlin - Beteiligt sich Deutschland nun doch an Waffenlieferungen für den Kampf gegen die Miliz "Islamischer Staat" (IS), die im Irak große Gebiete erobert hat? Bisher stemmt sich die Bundesregierung gegen entsprechende Forderungen, die auch aus der CDU laut geworden sind. Am Dienstag wollte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dieses kategorische Nein allerdings nicht mehr gelten lassen.

Waffenlieferungen in den Irak zur Abwehr des Islamistenvormarsches sieht der SPD-Politiker zwar skeptisch, ganz ausschließen will er sie aber nicht. "Je nach Entwicklung wird Deutschland über alle Fragen reden müssen", so Gabriel. "Ich will nicht sagen, dass man nicht auch darüber nachdenken muss", sagte der Vizekanzler zur Frage, ob Deutschland sich an Waffenlieferungen beteiligen solle.

Rein rechtlich wäre Deutschland in der Lage, die irakische Armee mit Waffen zu versorgen, sagte der SPD-Vorsitzende am Dienstag nach einem Treffen mit Vertretern der Jesiden. Die Minderheit ist im Irak ins Visier der Miliz geraten, viele Menschen wurden in den vergangenen Tagen getötet oder verletzt. "Das ist die Vorbereitung eines Völkermords, eines Genozids. Um nichts anderes geht es dort", so Gabriel.

Der Minister schränkte seine Aussage zu möglichen Exporten jedoch ein: Waffen blieben nach einem Krieg stets in den Kampfgebieten zurück. Damit habe die internationale Gemeinschaft schlechte Erfahrungen gemacht. Für den Moment "sei das keine Option", so Gabriel. Er warnte vor voreiligen Entscheidungen. Der SPD-Politiker sagte aber auch mit Blick auf die Lage im Nordirak: "Man wird jeden Tag erneut schauen müssen."

Regierungssprecher Steffen Seibert hatte Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak am Montag abgelehnt und darauf verwiesen, dass die deutschen Rüstungsexport-Richtlinien die Ausfuhr von Waffen in Krisengebiete untersagten.

Keine Beteiligung an Schutzzonen

Gabriel sagte, dies sei grundsätzlich richtig. Aus besonderen Gründen könnten solche Ausfuhren jedoch genehmigt werden. Waffenlieferungen seien dann allerdings nur an legitime Regierungen und nicht etwa an Milizen möglich.

Tatsächlich sehen die "Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgüter" eine Ausnahmemöglichkeit vor, wenn ein Fall nach Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen vorliegt. Dieser Artikel spricht Staaten im Falle eines bewaffneten Angriffs "das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung" zu. Auf eben jenes Recht zur Selbstverteidigung des Irak gegen die Terrortruppen der IS könnte sich die Bundesregierung berufen, wenn sie Waffen in die Region liefert.

Zudem wird in den Grundsätzen zu Rüstungsexporten auch darauf verwiesen, dass "im Einzelfall besondere außen- oder sicherheitspolitische Interessen" Deutschlands für eine "ausnahmsweise zu erteilende Genehmigung" sprechen könnten.

Regierung will Ausrüstung in Irak liefern - aber keine Waffen

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bekräftigte am Dienstag, dass Waffenlieferungen für den Kampf gegen die IS-Terrormiliz Islamischer Staat zunächst nicht in Frage kommen. "Aber unterhalb dieser Schwelle möchten wir alle Möglichkeiten ausnutzen, die uns zur Verfügung stehen", sagte sie am Dienstag nach einem Treffen mit ihrem britischen Amtskollegen Michael Fallon.

Die Bundesregierung prüfe derzeit, wie Deutschland im Norden des Irak mit Hilfsgütern und nicht tödlicher militärischer Ausrüstung aus Bundeswehr-Beständen helfen könne. Die militärischen Ausrüstungsgüter könnten von gepanzerten Fahrzeugen bis hin zu Sprengfallendetektoren reichen, sagte von der Leyen. Zu Lieferungen könnten auch Helme, Schutzwesten und Sanitätsmaterial zählen. Zudem könnten Bundeswehr-Flugzeuge humanitäre Hilfe transportieren.

Der Norden des Irak wird derzeit von kurdischen Peschmerga-Kämpfern gegen die Islamisten verteidigt. Gabriel unterstützte eine Forderung der Jesiden, dass die internationale Gemeinschaft und die irakische Armee Schutzzonen für die Jesiden im Nordirak errichten sollten. Deutschland werde humanitär noch stärker helfen, sich aber nicht militärisch engagieren: "Die Frage einer Bundeswehrbeteiligung stellt sich nicht."

jok/flo/phw/heb/Reuters/dpa

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1.
Ruhri1972 12.08.2014
Bisher rüstet ja Deutschland lieber die IS freundlichen Staaten aus wie Katar, Saudi-Arabien, Türkei etc. aus. Diese Märkte scheinen ja wohl lukrativer. Menschenrechte - Ethik - damit beschäftigt man sich nicht und überlässt es dem Bundessicherheitsrat (der wohl verfassungswidrig ist) Im übrigen will man sich in Deutschland wohl nicht mit IS-Sympathisaten anlegen.
2. Der Herr Gabriel.....
misterknowitall 12.08.2014
Zitat von sysopDPAKeine Waffen für den Kampf gegen die Islamisten im Irak - das war bisher die Linie der Bundesregierung. Nun rückt Wirtschaftsminister Gabriel davon ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gabriel-schliesst-waffenlieferungen-gegen-islamischen-staat-nicht-aus-a-985673.html
Herr Gabriel weiss es also mal wieder besser als alle anderen. Keine Waffen in Krisengebiete. Das hat schon seinen Sinn. Wenn Deutschland da jetzt unbedingt mitmachen will, dann auf humanitärer Ebene oder man schickt Friedenstruppen. Aber auch noch Kohle machen durch den Konflikt und die Region mit noch mehr Waffen zurücklassen ist grundfalsch. Wieso gibt es überhaupt eine große Koalition, wenn es immer zwei Meinungen gibt?
3. Einwegwaffen!
caligus 12.08.2014
Was ich wirklich nicht verstehe: Weshalb wird in unserer heutigen, hochtechnisierten Zeit, nicht in die Entwicklung von "Einwegwaffen", also Waffen mit begrenzter Haltbarkeit, investiert? Das würde das Problem der dauerhaften Mißbräuchlichkeit reduzieren. Technisch sollte das möglich sein.
4. Merkbefreit?
unixv 12.08.2014
Waffen für alle? und wenn es nicht klappt? dann öffnen wir mal wieder Tür und Tor, die Bürger müssen es ausbaden, wie immer!
5. Endlich..
freigeist56 12.08.2014
Zitat von sysopDPAKeine Waffen für den Kampf gegen die Islamisten im Irak - das war bisher die Linie der Bundesregierung. Nun rückt Wirtschaftsminister Gabriel davon ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gabriel-schliesst-waffenlieferungen-gegen-islamischen-staat-nicht-aus-a-985673.html
Die brauchen doch alle viel mehr Waffen um Frieden zu schaffen...
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Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.



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