Gabriele Pauli Die Fünf-Prozent-Kandidatin

Stoiber-Stürzerin, Latex-Landrätin, Ehe-Befristerin: CSU-Vorsitz-Kandidatin Pauli war in letzter Zeit alles. Jetzt steht sie vor dem Nichts. Auf dem nahenden Parteitag wird das Polit-Pop-Sternchen durchfallen. SPIEGEL ONLINE begleitete die Landrätin und fragte nach dem Danach.

Von , Fürth und Zirndorf


Fürth/Zirndorf - Als Landrätin hat sie eigentlich Anspruch auf einen Chauffeur. "Ich fahr' aber lieber selbst", sagt Gabriele Pauli und drückt das Gaspedal ihres schweren Audi A8 Turbo durch. Die Beschleunigung drückt sie in die cremefarbenen Ledersitze.

Es geht durch den fränkischen Landkreis Fürth. Das Navigationssystem hat sie ins Holzfurnier des Armaturenbretts eingeklappt, denn in dieser Gegend kennt sie sich aus. Diesen einst roten Kreis regiert sie seit 17 Jahren. Bei der letzten Wahl hat sie 65 Prozent geholt.

Für den kommenden Samstag sind ihr maximal fünf Prozent vorhergesagt. Eigentlich möchte Gabriele Pauli am Samstag Vorsitzende der bayerischen Christenunion werden. Aber die rund tausend Delegierten auf dem CSU-Parteitag in der Münchner Messe werden ihr eine krachende Niederlage bereiten. Das zumindest scheint jetzt schon festzustehen.

Erst Stoiber gekippt, dann Latexhandschuhe übergestreift

Die Kandidatin weiß das. Doch sie zuckt nur die Schultern. Es gehe ihr nicht um Prozente, nicht um Ämter oder Mandate. Nein? Warum will sie dann Vorsitzende werden?

Diese Frau wirkt verstörend. Als sie im Winter Edmund Stoiber vom Bayern-Thron kippt, ist sie die Heldin der Basis. Als sie sich dann mit Latexhandschuhen fotografieren lässt, nicht noch einmal als Landrätin kandidieren will und sich für den Parteivorsitz bewirbt, ist sie die Hexe aus Franken mit null Chancen in der Partei.

Und doch beherrscht die Landrätin aus dem kleinsten bayerischen Kreis vor dem großen Finale die Schlagzeilen. Ihre Dissertation hatte sie einst über Polit-PR geschrieben.

Ihr Schlussspurt geht so: In der vergangenen Woche stellt sie ihr Wahlprogramm im Münchner Löwenbräu-Keller vor. Da ist viel von Gott und göttlicher Kraft die Rede. Das mag alles ein bisschen esoterisch klingen, doch die Journalisten schreiben brav mit. So ist sie eben, "die Pauli". Dann aber der Knaller. "Mein Vorschlag: Ehen laufen nach sieben Jahren aus", sagt sie trocken. Einige lachen. Andere schauen verdutzt. Aber alle müssen ernsthaft nachfragen. Denn die Dame da vorn unterm rustikalen Wandschmuck aus Dreschflegel und Heugabel möchte nun mal Vorsitzende der Regierungspartei werden. Mit ihrer Eheforderung schafft sie es bis in die internationale Presse.

"Wollen Sie 'nen Kaugummi?"

Kurz darauf donnert Paulis Turbo-Audi über fränkische Landstraßen. Ob sie denn nicht verstehe, dass die Menschen ihre Idee abstrus finden? "Auf den zweiten Blick hat sie etwas sehr Ernstes, das merken die Leute noch." Aber genauso hätte man doch fordern können, dass in Deutschland in Zukunft Linksverkehr herrscht. Gabriele Pauli schaut kritisch: "Naja, es muss schon ein sinnvoller Vorschlag sein."

Querdenken sei "kein Wert an sich", sagt sie und gestikuliert mit beiden Händen. "Aber wir haben so viele Regeln in unserer Gesellschaft, für die es keinen inhaltlichen Grund gibt." Da werde vorgegeben, "wie wir denken sollen, wie wir uns verhalten sollen - etwa ob man bestimmte Handschuhe trägt oder nicht."

Auf der Fahrbahn taucht jetzt eines dieser kleinen Gefährte mit einem "20km"-Schild am Heck auf. Pauli bremst spät und scharf. Kleidungsstücke und Kleinkram aus dem Fond fliegen nach vorn. Sie fängt noch während der Rettung des 20-km-Vehikels eine Kaugummidose auf: "Oh, wollen Sie 'nen Kaugummi? Kam gerade vorbeigeflogen."

Einerseits ist Gabriele Pauli ein praktischer, handfester Typ. Jahrelang hat sie erfolgreich Kommunalpolitik gemacht. Andererseits sagt sie Sätze wie: "Ich habe mich selbst befreit, ich habe die Erfahrung gemacht, zu meiner Meinung zu stehen, egal was andere über mich sagen." Mit dieser Hartnäckigkeit hat sie zwar Stoiber in die Pension getrieben. Aber mit derselben Energie hat sie sich selbst auch ins Abseits befördert.

Noch einmal Landrätin? "Ich möchte nicht zurückkehren"

Und die Pauli-Show geht immer weiter, ohne Rücksicht auf Verluste: Spotteten im Juli die Parteifreunde über ihre Vorsitzkandidatur, präsentiert Pauli ihnen im September ein esoterisch angehauchtes Wahlprogramm. Verdammten sie sie im März für ihre Latexbilder im Lifestyle-Magazin "Park Avenue", legt sie in dieser Woche in der "Bunten" nach. Offenbar nur mit einer weiß-blauen Bayernfahne umwickelt, lächelt sie schulterfrei vom Titelblatt. Darunter die Zeile: "Ist sie die heimliche Siegerin?"

Es ist nur konsequent, dass Gabriele Pauli im März nicht noch einmal fürs Landratsamt kandidiert. In diese Welt passt sie nicht mehr hinein: "Ich hätte weitermachen können, habe hier große Zustimmung - aber ich möchte nicht zurückkehren." Was aber wird aus ihr? Pauli bleibt vage: "Meine politischen Ideen werden auch ohne Amt und Mandat Kraft entfalten."

Doch funktioniert die Marke Pauli bisher allein über ihren Status als Stoiber-Stürzerin oder Chefkandidatin. Beides wird am Samstag Geschichte sein. Dann ist Gabriele Pauli eine fränkische Kommunalpolitikerin, der in Kürze das Amt abgeht. Das steht dann nicht in "El Pais" oder "Le Monde". Wovon wird Gabriele Pauli leben? Eigentlich stehen ihr monatlich 3900 Euro Pension zu. Doch wer als Landrat grundlos aus dem Amt scheidet - also keine Wahl verliert oder nicht aus gesundheitlichen Gründen aufhört - dem kann der zuständige Kreistag die Pension verwehren. So lange, bis Pauli das gesetzliche Rentenalter von 62 Jahren erreicht hat. Sie ist gerade 50 geworden.



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