Gammelfleisch: Türken wittern Döner-Verschwörung

Von Ferda Ataman

Türkische Medien ranken eine Verschwörungstheorie um den Gammelfleisch-Skandal: Westliche Fastfood-Unternehmer wollen demnach den Döner kaputtmachen - weil man dem Schnellimbiss vom Spieß den Erfolg nicht gönnt. Was in der Branche schiefläuft, ist weniger von Interesse.

Düsseldorf - Die Türken als größte Minderheit haben in Deutschland ihre eigenen Medien: Fernseh- und Radiosender, aber auch Zeitungen, die mindestens eine halbe Million Menschen erreichen. In diesen Tagen klafft zwischen den Berichten in der deutschen und der türkischsprachigen Presse eine besonders große Lücke. Anlass ist der Gammelfleisch-Skandal, über den in türkischen Medien mit einer interessanten These berichtet wird: Schnellimbiss-Betreiber wittern eine hinterhältige Attacke der westlichen Fastfood-Industrie auf ihr bestes Produkt - den Döner Kebap.

Grünen-Chefin Roth in der Döner-Produktion: Solidarität mit dem Imbiss am Spieß
Milliyet

Grünen-Chefin Roth in der Döner-Produktion: Solidarität mit dem Imbiss am Spieß

Der Grund sei der schwindelerregende Erfolg des Döner, den ihm die Burger- und Würstchenverkäufer missgönnen, steht da zu lesen. Die hässlichen Enthüllungen im Gammelfleisch-Skandal würden nur dazu dienen, den Döner "durch den Schmutz zu ziehen".

Die Zeitung "Milliyet" zitiert den Döner-Händler Arif Arslan aus Berlin: "Jedes Jahr versuchen sie uns mit neuen Anschuldigungen zu diffamieren." Es seien "die gleichen Leute, die letztes Jahr mit der Vogelgrippe ankamen", die jetzt in Sachen Gammelfleisch dem Döner Übles nachsagen.

Das Massenblatt "Sabah" wittert eine "Schmutzkampagne" gegen das erfolgreiche Schnellgericht vom Spieß und bezeichnet sie gar als "Schande der Menschheit". Der Vorsitzende des Vereins Türkischer Döner-Hersteller in Europa, Atasever Sir, beklagt in der Zeitung die "große Ungerechtigkeit", den Gammelfleisch-Skandal "unmittelbar mit dem Döner-Sektor in Verbindung zu bringen".

Die türkischen Zeitungen titeln zwischen Panik und Döner-Pathos. "Hürriyet" verkündet: "Den Döner wirft niemand von seinem Thron". Dazu wird Ömer Tütüncübasi zitiert, Vorstand der "Karmez"-Döner-Produktion in Frankfurt am Main: "Döner ist zu einem gemeinsamen Wort in der Europäischen Union geworden und hat es in die Wörterbücher der Mitgliedsländer geschafft." Der europäische Döner habe das gerade wegen seiner hohen Qualitätsstandards erreicht.

Wer den Kebap beleidigt, ist der Gegner

Die Döner-Debatte in den türkischen Zeitungen spart die Frage größtenteils aus, was in der Branche schiefgelaufen ist angesichts des Gammelfleisch-Skandals - es gilt das Motto: Wer den Kebap beleidigt, ist der Gegner.

Die Berichte in den türkischen Medien lassen auch offen, wer denn die Verschwörung gegen den Döner organisiert. Dafür sind sich die Döner-Veteranen einig: Es muss gegengesteuert werden. Am Wochenende lud der Verein Türkischer Döner-Hersteller in Europa zu einer Pressekonferenz, bei der sich die Produzenten einmal mehr beschwerten über negative Berichte zum Döner und seiner Qualität. Man war sich einig: Dem Imbiss widerfährt Ungerechtigkeit.

Deutsche Politiker sekundieren den Protestierenden. Über den Besuch von Grünen-Chefin Claudia Roth bei einem türkischen Fleischspieß-Produzenten am 6. September wurde gleich in mehreren Zeitungen so berichtet: "Unterstützung für den türkischen Döner". Und eine Erklärung des SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs, wonach Dönerhersteller kein Gammelfleisch verwenden, wurde von der türkischen Presse dankbar aufgenommen.

Auch Claudia Roth übte sich in freundlicher Annäherung. Für sie seien "Qualitätsmangel" und "Döner" zwei Worte, die sich ausschließen. Als sie allerdings vorschlug: "Versuchen Sie es doch mal mit Bio-Döner!", erntete sie ein herzhaftes Lachen.

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