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Gastkommentar: "An dieser Untat ist ganz Deutschland beteiligt"

Der antisemitische Vorfall auf einem Schulhof in Sachsen-Anhalt ist das Ergebnis eines unglaublich nachsichtigen Umgangs mit der Gefahr von rechts. Verantwortlich dafür ist die Erwachsenenwelt, deren mangelnde Zivilcourage zum Dauerskandal wird, meint SPIEGEL-ONLINE-Autor Ralph Giordano.

Mit diesem Streich, der nicht abgetan werden kann als jugendliche Sünde, kriegt der deutsche Rechtsstaat seine späte Quittung für die unglaubliche Nachsicht und Schwäche gegenüber der Gefahr von rechts. 60 Jahre nach 1945 wird drastisch klar: Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar militärisch geschlagen, aber immer noch nicht geistig, oder besser ungeistig. Damit steht Deutschland ganz zu Recht am Pranger einer ungenügend aufgearbeiteten Vergangenheit. Als es galt, gegen die mörderische Linke, die RAF, vorzugehen, stand die Bundesrepublik, Polizei, Justiz, Politik, buchstäblich Gewehr bei Fuß, wurden riesige Sicherheitstrakte aus dem Boden gestampft, für eine kleine Schar von Politverbrechern.

Sichergestelltes Schild aus der Schule in Sachsen-Anhalt: "Quittung für die unglaubliche Nachsicht und Schwäche gegenüber der Gefahr von rechts"
DDP

Sichergestelltes Schild aus der Schule in Sachsen-Anhalt: "Quittung für die unglaubliche Nachsicht und Schwäche gegenüber der Gefahr von rechts"

Diese Energie gegen die Feinde der Demokratie von rechts hat die Republik nie gezeigt. Erst hat sie die NS-Täter nahezu kollektiv entstraft, dann nach der Wiedervereinigung rechtsfreie Zonen zugelassen, vornehmlich, aber nicht nur, auf dem Territorium der ehemaligen DDR. Wobei die Sicherheitsorgane beide Augen zumachen, wie auch eine in Angst oder rechter Zustimmung aufgespaltene Bevölkerung.

Hier wird ein eklatanter Unterschied sichtbar, der den vorliegenden Fall aus der staatlichen Sphäre in die gesellschaftliche hebt. Während die militante Linke zu keiner Zeit auch nur den geringsten Rückhalt in der Bevölkerung hatte, kann die heutige Rechte, weit über die Ziffern zu Kommunal- und Landtagswahlen hinaus, mit einem breiten Sympathisantentum rechnen.

Mit diesem Fall kriegt das Deutschland von heute eine weitere Ohrfeige für jenes höchstgerichtliche Urteil, das der NPD, diesem Musterbild der zeitgenössischen Variante des Nationalsozialismus, ihren legalen Status beließ.

Mich haben heute Mittag wieder Stimmen aus der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands erreicht, die in Angst und Schrecken fragten, ob sie ihre Koffer packen müssen, darunter Überlebende des Holocaust, die im Vertrauen in die deutsche Demokratie zurückgekehrt sind, nun aber zu fragen beginnen, ob dies die richtige Entscheidung war.

Für diese unglaubliche Schulhofszene ist in erster Linie die gesellschaftliche Atmosphäre der Erwachsenenwelt verantwortlich - niemand wird als Judenhasser geboren, der Hass muss ihm souffliert worden sein. Dass er sich frech entfalten kann, liegt an einem Merkmal deutscher Geschichte: Mangel an Zivilcourage. Immer ein Problem gewesen, ist er nun dabei, sich für die demokratische Republik und ihr internationales Ansehen zu einem Dauerskandal auszuweiten. Zumal wenig Hoffnung besteht, dass sich Vorfälle wie der gestrige nicht wiederholen werden.

Das Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist mit seiner NS-Vergangenheit also nicht im Reinen. Dabei höre ich schon die Abwiegler und Weichzeichner, die Kreidefresser und Relativisten vom Dienst: Es sei doch nur die Untat eines Jugendlichen...

Die Wahrheit: An dieser Untat ist das ganze Deutschland von 2006 beteiligt.

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