Gastkommentatorin Necla Kelek: "Freiheit werden muslimische Frauen sich selbst erstreiten müssen"

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu wirft "Islamkritikerinnen" wie ihr vor, gläubige Musliminnen zu diffamieren. Feminismus und rechte Gesinnung schlössen sich nicht aus, so Zaimoglu. Auf SPIEGEL ONLINE kontert Necla Kelek die Anschuldigungen des türkischstämmigen Autors.

Feridun Zaimoglu möchte seinen Platz in der Islamkonferenz räumen, um einer - wie er sie nennt - "Schamtuchträgerin oder Neo-Muslima", Platz zu machen. Eine Neo-Muslima ist nach Zaimoglus Definition eine Frau, die aus freien Stücken Kopftuch trägt.

Er kritisiert meine Position, die die mangelnde Reformbereitschaft des Islam und die fehlende Säkularisierung konstatiert, als bevormundend, aber in einem "FAZ"-Kommentar von gestern wird aus Zaimoglus Roman "Leyla" eine Stelle zitiert, die allerdings meine These bestätigt – dass der Vater den Islam als Machtinstrument missbraucht. Zaimoglu sehe es als emanzipatorischen Fortschritt an, wenn Frauen sich Allah unterwerfen, um dem Vater zu entkommen. Nun brauchen wir aber in unserem Land zum Glück die Scharia nicht, um uns von den gewalttätigen Vätern und Brüdern zu befreien. Wir leben in einem Rechtsstaat, der die Rechte auch der Frauen schützt.

Zaimoglu zu verstehen, ist einfach, auch wenn er meint, seine Positionen mit Beleidigungen und Unterstellungen medienfähig machen zu müssen. Er diffamiert seit langem meine Bücher als "Denunziantenfibeln" oder wirft mir abwechselnd Hysterie oder Rechtspopulismus vor, weil ich die Situation der muslimischen Frauen beschreibe, wie sie ist und weil ich für die Menschenrechte eintrete. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" stellt er die rhetorische Frage "Wen vertreten eigentlich Frauen wie Necla Kelek und Seyran Ates in der Islam-Konferenz?"

Dass ein unabhängiger, von der Freiheit des Geistes unserer Gesellschaft profitierender türkischstämmiger Schriftsteller eine solche Frage stellt, ist mehr als erstaunlich. Um sie ihm zu beantworten: Wir sind Teil der muslimischen Bevölkerung und wir sprechen dort für uns und über das, was wir wissen und was wir verteidigen: unsere Freiheit, unsere Individualität und unsere Rechte als Demokratinnen.

Es scheint ihm entgangen zu sein, dass sich die Mitglieder der Islamkonferenz in einem konstruktiven kritischen Diskurs befinden. Die Islamkonferenz ist die erste Institution, in der tatsächlich ein Dialog zwischen Muslimen und mit den staatlichen Institutionen stattfindet. Es ist geradezu revolutionär, dass konservative und säkulare Muslime, Sunniten, Aleviten, Schiiten so intensiv und über lange Zeit miteinander diskutieren. Diese Streitkultur entspricht unserer demokratischen Gesellschaft und ist auch neu für die Vertreter der Islamvereine.

Aber selbst die sind - trotz aller Kontroversen und Widersprüche - bereit zu lernen. Es geht unter anderem auch darum, ob wir das Kopftuch in Schulen akzeptieren können und wo die Grenzen "religiösen Lebens" sind , wenn es um Erziehung der Kinder und das Zusammenleben mit den Nicht-Muslimen geht.

Dass Zaimoglu dies zu denunzieren versucht, ist beschämend und zeigt, dass dieser Schriftsteller an demokratischen Prozessen und Diskursen kein Interesse hat. Es ist deshalb konsequent, wenn er diese Konferenz verlässt. Fortschritt und Freiheit für die muslimischen Frauen werden die sich selbst erstreiten müssen. Ich bin dabei.

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