Gastronomie "Mach meinen Döner nicht an!"

Der schlechte Ruf nach dem Gammelfleischskandal macht vielen türkischstämmigen Dönerverkäufern zu schaffen. Nun hofft die Branche auf eine Trendwende - auch Dönerlieder sollen dabei helfen.

Von Ferda Ataman


Düsseldorf - Es war einmal ein deutsches Produkt namens Döner. Das schmeckte allen Deutschen und Türken im Lande so gut, dass sie es sogar im Urlaub verzehren wollten. Deshalb exportierten es geschäftstüchtige Dönerverkäufer von Kreuzberg in die Heimat. Was wie eine unglaubliche Geschichte klingt, ist wahr: Die Döner-Tasche ist kein türkisches Nationalgericht, sondern in Deutschland kreiert und an Imbissbuden entlang der türkischen Urlaubsküsten reimportiert.

In Deutschland erfunden: Döner, reimportiert in die Türkei.
DDP

In Deutschland erfunden: Döner, reimportiert in die Türkei.

Der Drehspieß-Mythos in Deutschland begann mit dem Gyros als einem Nischengeschäft und wurde - abgelöst von der türkischen Variante - zu einem Dauerbrenner. Ein Überbleibsel aus der griechischen Pionierzeit ist die Bezeichnung "Zatziki" für Knoblauchsoße, die in Döner-Betrieben noch heute verwendet wird.

In der neuen Studie "Döner, ein etabliertes Produkt auf dem deutschen Markt" beschreibt die Stiftung Zentrum für Türkeistudien die "Evolutionsgeschichte" des Döner und seine marktwirtschaftliche Rolle. Seit den 70er Jahren habe der Döner Kebap von Berlin aus - einem "türkischen Wirtschaftswunder" gleich - die Republik erobert. Demnach werden in Deutschland täglich 408 Tonnen Döner verkauft und erbringen einen jährlichen Gesamtumsatz von über zwei Milliarden Euro.

"Nach dem Fleischskandal war es unsere Intention aufzuzeigen, wie wichtig die Dönerbranche für Türken in Deutschland ist", sagt Professor Faruk Sen, Direktor der Stiftung. Jeder fünfte türkische Selbstständige verdiene seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Döner. Seit den 80er Jahren retten sich überproportional viele Zuwanderer wegen des Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt in die Selbstständigkeit.

Mit Döner-Streik für Deutschland gedroht

Seit dem Gammelfleischskandal und den Vorwürfen in türkischen Medien, der Döner sei Opfer einer deutschen Rufmord-Kampagne geworden , beschäftigt das Thema die Zeitungen weiter. "Am Ende der Kampagne gegen den Döner hat die Branche geblutet", schreibt die Boulevard-Zeitung "Sabah" und startet einen Aufruf gegen die mutmaßlichen Dönerschänder. "Mach meinen Döner nicht an" lautet die Parole, die nach wenigen Tagen von Hunderten unterzeichnet wurde.

Keine Woche verging seither, an dem die Sorgen der Dönerbranche nicht zum Thema gemacht wurden. "Gipfeltreffen" von Fleischspieß-Herstellern fanden statt. Sogar ein "dreitägiger Dönerstreik für Deutschland" wurde erwogen.

Von Verschwörungstheorien hält der Direktor des Zentrums für Türkeistudien wenig. Doch laut Faruk Sen haben die 48.000 Mitarbeiter der Dönerbetriebe berechtigte Existenzängste. "Weder die Rinderkrankheit BSE, noch die Vogelgrippe haben den Verkäufern so zugesetzt wie dieser Skandal", sagt Sen.

Zweifelsohne hat keine Fastfood-Branche so stark unter dem Gammelfleischskandal gelitten, wie der Drehspieß-Sektor. Laut Döner-Studie zeigt die Beschäftigungsstruktur, dass die meisten Imbissbuden als Familienbetriebe lediglich zur Existenzsicherung reichen. Die große Konkurrenz führt zu Preiskampf-Zonen in Dönerballungszentren. Spießvergnügen im Brot für 99 Cent sind in Berlin keine Rarität.

Die Umsatzeinbussen nach dem Fleischskandal von bis zu 40 Prozent setzten den selbstständigen Dönerfamilien daher hart zu. Inzwischen aber sei der Umsatzrückgang auf 15 Prozent gesunken, so Sen. "Und wenn kein weiterer Skandal kommt, dann essen die Menschen in zwei Monaten wieder genauso viel Dönerprodukte wie vorher", schätzt der Institutsleiter.

Qualitätssicherung durch Eigenlob und EU-Standards

Neben den sichtbaren Dönergeschäften hat sich eine bisweilen unsichtbare Zulieferindustrie entwickelt. Wie Faruk Sen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt, sind in Deutschland 64 industrielle Dönerspieß-Hersteller bekannt. Sie beliefern tausende von Imbissbuden mit eingeschweißten Fleischbergen. Nur knapp die Hälfte davon besitze Zertifikate, die die Kriterien für sogenannte "EG-Zerlegebetriebe" bescheinigen.

Um zukünftige Qualitätsstandards zu gewährleisten, trafen sich vor wenigen Wochen in Frankfurt am Main 30 Dönerhersteller, die besagtes Zertifikat nach EG-Norm besitzen. Sie beschlossen einen bundesweiten Verband zu gründen, in dem nur Betriebe mit EU-Zertifikaten zugelassen werden.

Auch die größte türkische Zeitung "Hürriyet" bemüht sich, den Döner-Relaunch positiv voranzutreiben. Sie macht zurzeit eine Serie, in der sie jeden Tag einen vertrauensvollen Industriespieß-Hersteller vorstellt - und was sonst noch so hilft, den Dönerruf zu retten. Zuletzt war dies ein Döner-Song der Nürnberger Band Quantensprung.

Laut "Hürriyet" versetze die Band ihre deutschen und türkischen Zuhörer mit dem Song in eine regelrechte "Extase". "Döner ist eine Einladung", wolle das Lied sagen. Die Band lässt die Fleischtasche in ihrem Lied selbst zu Wort kommen und erklärt damit, warum sie für ihre Schöpfer so wichtig ist: "Heute bin ich in aller Munde, 'Döner mit allem' macht die Runde, schaffe Arbeitsplätze ran, bin Genuss für jedermann".



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