Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gauck-Auftritt in Neubrandenburg: Präsident der Reserve

Aus Neubrandenburg berichtet Christian Pfaffinger

Hier stehe ich, ich kann es besser: Als Bundespräsident der Herzen reist Joachim Gauck zum Dreikönigstag nach Neubrandenburg und spricht als Volksmotivator zu seinen Mitbürgern. Wie ein gütiger Vater ermuntert er die Menschen in Deutschland, sich Großes zuzutrauen. Meint der Mann sich selbst?

Gauck-Auftritt in Neubrandenburg: Bundespräsident der Herzen Fotos
DPA

Zum Dreikönigstag sind Christian Wulff und Joachim Gauck auf einer Seite. Zumindest in der Neubrandenburger Lokalzeitung. Weil Gauck das Dreikönigsfest in der mecklenburgischen Provinz besucht, druckt der "Nordkurier" ein großes Interview mit ihm. Darunter steht ein kleiner Artikel über den politischen Überlebenskampf des Bundespräsidenten. Unten der Bedrängte, oben der Souveräne, so sehen das die Leute hier.

"Das war ja eine kleine Sauerei", sagt Gauck beim Ortbesuch zu einem der Redakteure der Lokalzeitung. Er lacht dabei. Es sieht nicht so aus, als sei er genervt davon, dass ihn jetzt alle wieder in die Nähe des Bundespräsidenten rücken. Er wehrt sich auch nicht dagegen, dass er hier überall als "Präsident der Herzen" empfangen wird. Er ist als Ehrengast des örtlichen Hospizvereins in Neubrandenburg - aber auch als der Mann, den sich laut einer Forsa-Umfragen von Anfang Januar die meisten Deutschen als Bundespräsidenten wünschen.

Wo Gauck auftritt, wird er als Wertevermittler empfangen. Seine Gastgeber in Neubrandenburg sagen, er sein ein Mann mit Vorbildfunktion und stehe für demokratische Tugenden und Ehrlichkeit. Sie feiern ihn als Volkstribun, als Ersatzpräsidenten. Und in jedem Satz schwingt eine Anspielung auf Christian Wulff mit.

"Der Nation geht es unglaublich gut"

Trotzdem meidet Gauck das Thema bei seinem Besuch des Dreikönigvereins den ganzen Tag lang. Zu Mittag hält er im benachbarten Burg Stagard vor Wirtschaftsvertretern einen Vortrag über Werte, am Nachmittag spricht er in einem Einkaufszentrum mit Sternsingern. Am Abend sitzt er an einem Tisch in der Stadthalle Neubrandenburg zwischen der Landesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) und dem Weihbischof des Erzbistums Hamburg, Hans-Jochen Jaschke. Mit ihm im Saal sitzt das Bürgertum aus Ostmecklenburg und Vorpommern. Etwa 300 Unternehmer und regionale Größen.

Der Raum sieht mit seiner geschwungenen und nach oben hin spitz zulaufenden Decke aus wie eine Zirkusmanege, nur aus Beton. Ein Zelt mit der Leichtigkeit eines Plattenbaus. Es riecht nach Kohl, das Besteck klimpert auf den Vorspeisentellern, während der Bürgermeister sein Grußwort hält. Es geht um Ortsgeschichte. Danach lobt Ministerin Schwesig das ehrenamtliche Engagement des Hospizdienstes und seiner Spender. Es sind Lokalpolitik-Reden. Dann spricht Joachim Gauck.

"Der Nation geht es so unglaublich gut, dass sie es nicht für normal hält, dass es ihr so gut geht", sagt Gauck. Er mahnt die Regierung, die einen Übereifer bei der Abwehr von Gefahren an den Tag lege. Seine Zuhörer ermuntert er: "Wir müssen spüren: ich kann es, ich bin ein Bürger." Gauck gibt sich als Therapeut für das Volk, das sich ständig bedroht fühlt. Die ganz großen Worte hebt er sich für das Ende seiner Rede auf: "Zukunft erarbeiten", ruft er. Und: "An Veränderung glauben."

Er bedankt sich, die Zuhörer stehen auf und klatschen. Gauck geht schnell von der Bühne, flüchtet sich zu seinem Platz zwischen Schwesig und dem Weihbischof. Als einziger setzt er sich hin, er fummelt an der grünen Schleife seines Weinpräsents herum. Dann muss er doch wieder aufstehen, bis der Moderator des Abends in den Applaus hinein spricht und Gauck von den Ovationen erlöst. Er will sich nicht feiern lassen, auch, wenn die Menschen im Saal das gerne täten. Präsident von Neubrandenburg scheint Gauck bereits zu sein.

"Hier bin ich und hier gibt es was zu tun für mich"

Auch der Rückhalt in der gesamtdeutschen Bevölkerung ist weiterhin groß, und käme es zu einer Neuwahl, hätte Gauck wohl auch in der Bundesversammlung genug Unterstützer. Schon bei der Wahl im Juni 2010 gab es Abweichler in der Regierungsfraktion, der derzeit schwer angeschlagene Amtsinhaber Christian Wulff konnte sich erst im dritten Wahlgang durchsetzen.

Viele Bürger und auch der SPIEGEL waren sich damals einig: "Der bessere Präsident" wäre Joachim Gauck gewesen. Der stand als ehemaliger DDR-Bürgerrechtler für Demokratie und Freiheitsrechte, als erster Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde vertrat er Aufklärung und Transparenz.

Damit strahlte er genau jene Werte aus, an denen es dem Karrierepolitiker Wulff zu fehlen schien. Ein Verdacht, in dem sich viele in den vergangenen Wochen bestätigt sahen. Mit seiner Strategie der scheibchenweisen Wahrheit in der Kreditaffäre und Wulffs Drohanrufen bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und Springervorstandschef Mathias Döpfner mit dem Ziel, die Berichterstattung zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern, hat der Bundespräsident Vertrauen verspielt. Trotzdem will Wulff nicht zurücktreten, weshalb sich auch Gauck vornehm zurückhält. Im Moment sieht es nicht danach auch, als werde bald ein neuer Bundespräsident gewählt.

Gauck brauche auch kein Amt, sagten am Dreikönigstag in Neubrandenburg sowohl SPD-Ministerin Manuela Schwesig als auch der Landesinnenminister der CDU, Lorenz Caffier. Seine Botschaft erreiche die Menschen auch so.

Trotzdem bleibt Joachim Gauck ein Präsident der Reserve, der vorerst weiter als Wertevermittler durch Deutschland reist. Seine zentrale Botschaft: das Prinzip Verantwortung. Er wirbt auch bei seinem Auftritt am Dreikönigstag dafür, wenn er sagt: "Aus 'Wir sind das Volk' wird 'Ich bin ein Bürger. Es muss heißen: Hier bin ich und hier gibt es was zu tun für mich." Sätze, die man angesichts eines schwankenden Bundespräsidenten freilich auch so verstehen kann, als meinte Gauck sich selbst. In Neubrandenburg jedenfalls glauben die Menschen fest, dass es für Joachim Gauck noch was zu tun gibt. Im Schloss Bellevue.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 256 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Von wegen...
baudrillard 07.01.2012
Zitat von sysopHier stehe ich,*ich kann es besser:*Als Bundespräsident der Herzen reist Joachim Gauck zum Dreikönigstag nach Neubrandenburg und spricht als Volksmotivator zu seinen Mitbürgern. Wie ein gütiger Vater ermuntert er die Menschen in Deutschland, sich Großes zuzutrauen. Meint der Mann sich selbst? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807691,00.html
Präsident der Herzen? Anti-Banken-Bewegung: Gauck nennt Proteste*"unsäglich albern" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,792098,00.html) Ich sehe jemanden der sich zwar bescheiden gibt, aber kaum versteht, was vor sich geht. Er mag sich mal engagiert haben, aber irgendwie scheint es so, dass er denkt, er hätte seine gute Tat schon vollbracht. Nächster Kandidat bitte...
2. Wenn
forumgehts? 07.01.2012
Zitat von sysopHier stehe ich,*ich kann es besser:*Als Bundespräsident der Herzen reist Joachim Gauck zum Dreikönigstag nach Neubrandenburg und spricht als Volksmotivator zu seinen Mitbürgern. Wie ein gütiger Vater ermuntert er die Menschen in Deutschland, sich Großes zuzutrauen. Meint der Mann sich selbst? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807691,00.html
Gauck in dieser Hinsicht Hoffnungen hätte so könnte er das vergessen. Die Politiker werden niemals wie geprügelte Hund mit eingezogenem Schwanz um ihn herumstreichen und um eine Kandidatur winseln. Eher aktivieren sie nochmals W. Scheel, das täte doch gerade jetzt der FDP gut ;)
3.
sfb 07.01.2012
Zitat von sysopHier stehe ich,*ich kann es besser:*Als Bundespräsident der Herzen reist Joachim Gauck zum Dreikönigstag nach Neubrandenburg und spricht als Volksmotivator zu seinen Mitbürgern. Wie ein gütiger Vater ermuntert er die Menschen in Deutschland, sich Großes zuzutrauen. Meint der Mann sich selbst? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807691,00.html
Das wäre nun kein richtiges Kompliment. Besser: Er kann es, und zwar gut. Da bin ich ziemlich sicher.
4. Der Liebling der Medien. Von den Medien für die Medien.
franzdenker 07.01.2012
Zitat von sysopHier stehe ich,*ich kann es besser:*Als Bundespräsident der Herzen reist Joachim Gauck zum Dreikönigstag nach Neubrandenburg und spricht als Volksmotivator zu seinen Mitbürgern. Wie ein gütiger Vater ermuntert er die Menschen in Deutschland, sich Großes zuzutrauen. Meint der Mann sich selbst? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807691,00.html
Lachhaft. Der deutsche George W. Bush soll ein besserer Bundespräsident sein? Der "fromme" Herr Gauck, der den Irakkrieg verteidigt und Sarrazin als mutig verteidigt. Auf so eine Luftnummer können wir gut verzichten.
5. der nächste bp sollte sich gut vorbereiten...
wwwwebman 07.01.2012
- wie wurde das eigene haus finanziert? - was trägt die frau und hat sie alles selbst gekauft? - hat auf der letzten grillparty der örtliche metzger gecatert und eventuell die rechnung "vergessen"? - keine urlaube im gästezimmer eines "alten freundes" in florida? - ... ob es da kandidaten gibt ;-))
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Christian Wulff: Ende einer kurzen Amtszeit

Fotostrecke
Urlaubsliste des Bundespräsidenten: Wulffs spendable Freunde

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: