Gauck zum Gedenktag in Rostock: "Es gibt keine Entschuldigung"

Von , Rostock-Lichtenhagen

Er schonte keinen, weder den Staat noch seine Heimatstadt. Joachim Gauck ist beim Gedenken an das Pogrom vor 20 Jahren im Stadtteil Lichtenhagen hart mit den Rostockern und der Politik ins Gericht gegangen. Für ihn war es ein emotionaler Auftritt. Das offenbarte auch die Reaktion auf Störer.

dapd

Von einer Eiche kann keine Rede sein. Allerhöchstens ein Eichlein wächst da seit Sonntagmorgen hinter dem Sonnenblumenhaus im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Es hat einigen Ärger in den vergangenen Tagen wegen des Bäumchens gegeben, das hier in Zukunft an das Pogrom im August 1992 erinnern soll. Linke Gruppen finden es befremdlich, dass ausgerechnet eine Eiche das Ereignis symbolisieren soll, bei dem Dutzende Ausländer nur knapp dem Tode entrannen - weil Deutsche es auf sie abgesehen hatten. Die Befürworter sagen: "Was kümmert es die deutsche Eiche, wenn sich ein Nazi daran schabt."

Der Herr im ersten Stockwerk des Sonnenblumenhauses, einem Plattenbau aus DDR-Zeiten, hat ganz andere Sorgen: Er bangt um seine Aussicht. "Hauptsache, sie wird nicht zu groß", ruft der Lichtenhagener aus dem Fenster und schaut skeptisch auf das neue Mahnmal.

Lichtenhagen steht seit Wochen im Fokus der Öffentlichkeit, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Damals randalierte ein Mob tagelang vor dem Sonnenblumenhaus - zunächst richtete sich der Hass auf Asylbewerber, die nebenan untergebracht waren. Dann wandte er sich gegen vietnamesische Vertragsarbeiter, die im Sonnenblumenhaus wohnten. Am Ende zündeten sie das Gebäude an, wie durch ein Wunder kam niemand ernsthaft zu Schaden.

Symbol des Ausländerhasses

Der Trabantenvorort der Hansestadt hat sich eingebrannt als das Symbol des Ausländerhasses in Deutschland. Anderswo mussten Ausländer sterben, in Mölln oder Solingen - aber die Art und Weise, wie enthemmte Deutsche in Rostock-Lichtenhagen tagelang wüteten, während die Staatsmacht zuschaute, bleibt einzigartig.

Deshalb steht an diesem Sonntag Joachim Gauck vor dem Sonnenblumenhaus am Rednerpult. Auf der einen Seite des Plattenbaus wiegt sich die kleine Eiche, auf der anderen haben sie eine große Bühne aufgebaut. "Rostock für Vielfalt und Toleranz" ist rechts und links in Riesenbuchstaben zu lesen. 20 Jahre später soll nochmals an den Schrecken von damals erinnert werden - aber man will auch zeigen, dass die Gegenwart eine ganz andere ist. Dutzende Organisationen gibt es inzwischen, die sich in Rostock um die Integration von Migranten kümmern.

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Gedenktag zu Rostock-Krawallen: Gauck beschwört den wehrhaften Staat
Für Gauck, in Rostock geboren, jahrelang Pastor im angrenzenden Evershagen und seit kurzem Ehrenbürger der Hansestadt, ist der Auftritt von großer Bedeutung. Seit Tagen hat er an der Rede gefeilt. Aber wer jetzt geglaubt hat, das Staatsoberhaupt würde besonders milde mit seiner Heimatstadt umgehen, der hat sich getäuscht.

"Es ist Vergangenheit" - so beginnt er. Aber diese Vergangenheit ist eben lange nicht vorbei aus seiner Sicht. Zu furchtbar ist, was damals geschehen ist. "Wie konnte es dazu kommen?", fragt Gauck. Vielleicht kannte er sogar manche, die dabei waren.

Protest von Links

Der Bundespräsident kommt manchmal als Romantiker daher. Aber er hat als Kind im Nationalsozialismus und später in der DDR erlebt, wozu Menschen fähig sind. Dass die Lichtenhagener - unterstützt von Rechtsradikalen aus ganz Deutschland - Ausländer in dieser Weise bedrohten, das macht ihm wirklich zu schaffen.

Vielleicht sind es diese Emotionen, die dazu führen, dass er die kleine Gruppe von Demonstranten falsch einordnet, die plötzlich seine Rede stören: Sie skandieren "Heuchler, Heuchler" und entfalten ein Banner mit der Aufschrift "Rassismus tötet". Es sind Linke - aber der Präsident hält sie für Neonazis. Weil Gauck wahrscheinlich gar nicht für möglich hält, dass man ihm sein Anliegen nicht abnehmen kann. "Wir fürchten euch nicht", sagt er deshalb zu ihnen.

Was Gauck sagen will, ist: Man muss Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz die Stirn bieten. "Unsere Aufgabe besteht darin, die Demokratie beständig zu verbessern und beständig zu verteidigen."

Kritik an der Polizei

Aber er ist noch nicht fertig mit Rostock-Lichtenhagen im August 1992. "Wo war denn damals die Staatsmacht?", will Gauck wissen. Dass sie nicht da war, weiß er. Und deshalb folgt jetzt eine weitere gepfefferte Mahnung des ersten Mannes im Staate: "Es gibt keine Entschuldigung für mangelnde Verantwortung und Professionalität." Was diese Gesellschaft brauche, sei beides - "mutige Bürger und einen Staat, der fähig ist, die Menschen zu schützen, die hier leben".

Deshalb ist Gauck so froh über den großen Kinderchor, der vor ihm auf der Bühne stand. Die vielen Kinder aus Lichtenhagen und Umgebung in ihren bunten T-Shirts sollen für die Vielfalt der Gesellschaft stehen - für Gauck tragen sie auch deren Hoffnungen. "Ihr müsst das Land liebenswert, lebenswert und deshalb bewahrenswert machen", sagt er.

Einige der Vietnamesen, die damals beinahe im Sonnenblumenhaus verbrannten, sitzen an diesem Tag unter den Zuhörern. Auch die Botschafterin ihres Landes ist angereist, sie hält eine sehr blumige Rede. Fast könnte man meinen, Gauck und Nguyen Thi Hoang Anh hätten sich abgesprochen: Er gibt den Strengen, sie die Gütige. Die Dame im bunten Kleid lobt die zivilgesellschaftlichen Bemühungen seit dem Pogrom über die Maßen, am Ende nennt sie das Sonnenblumenhaus ein "Symbol der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses".

Bestimmt hält sie auch die Idee mit der Eiche für eine prima Sache.

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insgesamt 82 Beiträge
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1. ...was war das denn
uksubs 26.08.2012
...ein viel zu klein geratener artikel für dieses ereignis....!
2. optional
f.ludwig 26.08.2012
Warum muss SPON das auf Krampf so hinbügeln, dass er Neonazis gemeint hätte? Könnte er nicht ebenso sehr vor möglicherweise linksextremem Verfassungsfeinden gewarnt haben?
3. Nervtötende Selbstgerechtigkeit
Grafsteiner 26.08.2012
Wikipedia: "hielt Gauck am 19. Oktober (1989) in Rostock eine Predigt zum Propheten Amos, in der er „tötende Selbstgerechtigkeit“ der „rettenden Gerechtigkeit“ gegenüberstellte." Gauck war damals selbst Pfarrer in Rostock, in Rostock-Evershagen. Es gibt keinen Hinweis, dass er sich damals vor die gröhlende Mengen in Lichtenhagen gestellt hätte und eine rettende, flammende Rede über Freiheit und Asylgerechtigkeit gehalten hätte. Wo warst Du, Adam Gauck?
4. Gauckelei
bambus07 26.08.2012
auch hier einmal wieder. Wo war Herr Gauck 1992, als die Krawalle in Lichtenhagen begannen. Am Anfag dieser Krawalle hätte vielleicht die Macht des Wortes ausreicht, selbige einzudämmen. 20 Jahre später als Bundespräsident sind blumige Reden wohlfeil.
5. Das Problem sind nicht die Neonazis....
HansDieWurscht 26.08.2012
Das Problem ist das kleine rechte Gedankengut unterm Volk. Sarrazin hat die häßliche Fratze des Deutschen ganz gut gezeigt.
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Der deutsche Bundespräsident
Das Amt
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.
Die Aufgaben
Das Staatsoberhaupt vertritt den Bund völkerrechtlich und schließt im Namen des Bundes Verträge mit anderen Staaten. Zu den normalen Geschäften zählen Staatsbesuche und Empfänge von Diplomaten. Er kann durch Reden und Reisen politische Akzente setzen.

Zu den Aufgaben und Rechten gehört die Mitwirkung bei der Regierungsbildung. Der Präsident schlägt dem Bundestag einen Bundeskanzler zur Wahl vor und ernennt ihn. Falls der Kandidat keine Mehrheit findet, kann der Präsident das Parlament auflösen. Er ernennt und entlässt auch die Minister, allerdings auf Vorschlag des Kanzlers. Gesetze können erst wirksam werden, wenn der Präsident sie unterschrieben hat. Seine Unterschrift kann er nur aus verfassungsrechtlichen Gründen verweigern.
Das Wahlverfahren
Anders als in Frankreich, Österreich oder Polen wird das deutsche Staatsoberhaupt nicht direkt vom Volk, sondern von einem Wahlgremium (Bundesversammlung) gewählt. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre, eine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Der Präsident kann nur durch das Bundesverfassungsgericht und nur bei vorsätzlichen Verstößen gegen das Grundgesetz oder andere Bundesgesetze seines Amtes enthoben werden.