Gauck Stasi setzte radioaktive Stecknadeln ein

Die Stasi hat nach Erkenntnissen der Gauck-Behörde jahrelang gegen ihre Feinde und auch unbeteiligte DDR-Bürger radioaktives Material eingesetzt und dabei gesundheitliche Schäden in Kauf genommen.


Joachim Gauck
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Joachim Gauck

Berlin - Seit den Siebzigern habe die DDR-Staatssicherheit mit radioaktiven Markierungen Gegner und Unbeteiligte erheblichen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, am Freitag in Berlin. Menschen wurden demnach mit geruch- und farblosen radioaktiven Stoffen kenntlich gemacht, um sie verfolgen und kontrollieren zu können. Auch Papiere und Geldscheine seien manchmal derart markiert worden.

Die Methode ist nach einem Verdacht der Wissenschaftler auch zur Beobachtung des 1997 an Krebs verstorbenen Schriftsteller Rudolf Bahro angewandt worden. Der Fall liege derzeit bei der Staatsanwaltschaft. Auch in den Stasi-Unterlagen zu dem Schriftsteller Jürgen Fuchs, der im Mai 1999 starb, war ein allgemein formulierter und später zurückgezogener Markierungsauftrag gefunden worden.

Nach dem Tod von Fuchs waren Vermutungen laut geworden, die Stasi habe Röntgenstrahlungen gezielt zur Ausschaltung von Systemkritikern eingesetzt. Die Gauck-Behörde konnte nach umfangreichen Recherchen aber nicht feststellen, dass radioaktive Substanzen und Röntgenstrahlen gezielt zur Schädigung von Oppositionellen eingesetzt wurden. Die Art der in Stasi-Gefängnissen gefundenen Röntgengeräte und die Ergebnisse von Akten-Auswertungen sprechen gegen diese Annahme, erklärte Gauck.

Als Fallbeispiel für Markierungen nannten die Wissenschaftler Geldscheine, die in Briefen verschickt wurden und der Aufklärung von Postdiebstählen dienen sollten. Ein Schein habe eine Strahlung von 200 Rem (vier Sievert) verursacht. Zum Vergleich: Die mittlere jährliche Strahlenbelastung eines Bundesbürgers beträgt vier Milli- Sievert. Verdächtige Personen seien auch mit verseuchten Stecknadeln ausgestattet worden. Stasi-Mitarbeiter hätten sie dann mit am Körper getragenen Geiger-Zählern ausmachen können.

"Dies ist keine abschließende Bilanz", betonten die Wissenschaftler. Sie schlugen eine Strahlen-Untersuchung von früheren politischen Häftlingen vor, um mehrere Vergleichswerte zu erhalten. Die bisherigen Ergebnisse seien an die für DDR-Unrecht zuständige polizeiliche Ermittlungsstelle weitergeleitet worden. Weitere Aufklärung erhofft sich Gauck von den laufenden polizeilichen Ermittlungen, bei denen auch frühere Stasi-Offiziere befragt würden.

Leichtfertigem Umgang mit radioaktiven Stoffen waren den Angaben nach auch Häftlinge in Stasi-Untersuchungshaftanstalten ausgesetzt. Sie wurden mehrmals in ihrer Haftzeit durchleuchtet. Dabei setzte die Stasi teilweise alte, nicht richtig eingestellte und auch defekte Geräte ein. Die ohnehin schon hohe geistige und körperliche Belastung der Gefangenen könnte das Immunsystem erheblich geschwächt haben, erklärte die Behörde. Unter diesen Bedingungen könnten selbst bei gesetzlich zulässigen Strahlendosen gesundheitliche Gefährdungen nicht ausgeschlossen werden.



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