Italien: Gauck und Napolitano gedenken Opfer von SS-Massaker

Napolitano, Gauck in Sant'Anna: "Hier wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten" Zur Großansicht
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Napolitano, Gauck in Sant'Anna: "Hier wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten"

Binnen weniger Stunden ermordeten SS-Truppen 560 Menschen in dem italienischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema. Jetzt hat Joachim Gauck gemeinsam mit dem italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano der Opfer gedacht. Der Bundespräsident warb für Versöhnung.

Sant'Anna di Stazzema - Für die noch lebenden Angehörigen der Opfer war es eine bittere Enttäuschung, als das Verfahren wegen des NS-Kriegsverbrechens in Sant'Anna di Stazzema eingestellt wurde. Der Staatsanwaltschaft Stuttgart war es vergangenes Jahr nicht gelungen, den Beschuldigten die Tat nachzuweisen: Am 12. August 1944 tötete die SS mindestens 560 Bewohner des italienischen Bergdorfs in der Toskana, darunter mehr als 100 Kinder.

Jetzt, ein halbes Jahr später, hat Bundespräsident Joachim Gauck gemeinsam mit dem italienischen Staatschef Giorgio Napolitano an das SS-Massaker gedacht. "Das Verbrechen, das hier stattgefunden hat, darf niemand, der davon weiß, vergessen", sagte Gauck laut einer vom Bundespräsidialamt in Berlin vorab verbreiteten Mitteilung.

In seiner Rede rief Gauck dazu auf, Versöhnung als ein Geschenk zu betrachten. Versöhnung meine nie und auf keinen Fall Vergessen. "Die Opfer haben das Recht auf Erinnerung und Gedenken." Napolitano sagte, eine solche Erinnerung sei ein Fundament Europas. Deutschland und Italien ließen sich heute nicht vom gemeinsamen Aufbau Europas abhalten.

Bei dem Massaker in der Ortschaft hatten Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs innerhalb weniger Stunden alle Häuser des Dorfes in den Apuanischen Alpen zerstört und das Leben Hunderter Dorfbewohner ausgelöscht. "Hier in Sant'Anna wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten und Menschenrechte massiv verletzt", sagte Gauck, der den Ort in der Nordtoskana als erster Bundespräsident besuchte.

"Gesichter, die wir bewahren wollen"

Sant'Anna wurde nach dem Krieg zu einem wichtigen Ort der Erinnerung an die Gräueltaten deutscher Truppen in Italien während der Nazi-Zeit. Das Gedenken in Sant'Anna sei ein sichtbares Zeichen, dass man aus der Geschichte gelernt habe, sagte Gauck. "Sie sind nicht anonyme Opfer eines anonymen Geschehens, sondern sie haben Namen und Gesichter, die wir bewahren wollen", sagte der Bundespräsident, der allein für den Besuch der Gedenkstätte und die Kranzniederlegung nach Italien geflogen war. Gauck hatte sich Ende Februar spontan zu dem gemeinsamen Besuch entschlossen, nachdem Napolitano ihm den Brief eines Überlebenden überreicht hatte.

Der Bundespräsident sprach auch die äußerst schwierige und immer noch nicht abgeschlossene juristische Aufarbeitung des Verbrechens an: "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen", sagte Gauck.

Schrank der Schande

Schuld sei aber nicht nur eine Frage des Strafrechts. Die öffentliche Benennung von Schuld und Schuldigen sei erlaubt und notwendig, um "den folgenden Generationen klar und deutlich zu sagen, was Recht und was Unrecht war", so Gauck. "Wir, die Öffentlichkeit, nennen die Schuld Schuld", sagte der Bundespräsident unter Beifall.

Das Massaker wurde im Kalten Krieg lange verschwiegen und von Italiens Justiz nicht verfolgt. Die Akten lagerten bis zum Jahr 1994 in einem versiegelten Schrank, später "Schrank der Schande" genannt. Zehn ehemalige SS-Angehörige wurden später zwar zu lebenslänglicher Haft und Entschädigungszahlungen verurteilt, traten ihre Strafe aber nie an.

Nachdem die langen Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft erfolglos geblieben waren und sie das Verfahren gegen die Beschuldigten einstellen musste, hat ein Opferverband des Ortes gegen die Entscheidung Einspruch eingelegt.

cib/dpa/AFP

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