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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: #In #großer #Sorge

Eine Kolumne von

Moderator Jauch und Anne Wizorek, Initiatorin von #Aufschrei: Heilige Ernsthaftigkeit Zur Großansicht
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Moderator Jauch und Anne Wizorek, Initiatorin von #Aufschrei: Heilige Ernsthaftigkeit

Die #Aufschrei-Aktivistinnen haben ein neues Thema gefunden: die Äußerungen des Bundespräsidenten zum Geschlechterverhältnis. Mit ihrem Empörungsgestus beweisen sie exakt den von Gauck beklagten "Tugendfuror".

Jetzt wird es bestimmt ganz eng für Joachim Gauck. Zwei Tage, nachdem der SPIEGEL ein Gespräch mit dem Staatsoberhaupt veröffentlicht hat, ist man im Internet aufgewacht und sammelt sich wegen seiner Nachbetrachtungen zur Brüderle-Affäre zum Protest. Oder soll man lieber sagen: zum #Protestschrei? Mit Bestürzung hat man im feministisch bewegten Teil der Netzgemeinde jedenfalls zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Bundespräsident den alltäglichen Sexismus in Deutschland für kein vordringliches Problem hält.

"Wir sind verblüfft und erschüttert", heißt es in dem Appell an Gauck, der seit Mittwoch zirkuliert. "Wir vermissen in Ihren Äußerungen vor allem Feingefühl und Respekt gegenüber all den Frauen, die sexistische Erfahrungen gemacht haben." Man sieht richtig vor sich, wie den Beamten im Bundespräsidialamt jetzt die Hosen schlottern. Man weiß ja inzwischen, wie das endet: Ein Hashtag samt Aufruf von ein paar "Nerdetten" auf Internet-Streife, und schon findet man sich als Thema bei Will und Jauch wieder.

Schwer zu sagen, was man bei dem neuerlichen Aufschrei mehr bewundern soll: den Empörungsgestus, der genau jenen "Tugendfuror" unter Beweis stellt, den Gauck im SPIEGEL beklagt hat. Oder den hochgespannten Zentralratston, den man normalerweise von Institutionen wie der Synode der Evangelischen Kirche, dem Bundesvorstand der Grünen oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband kennt.

Hier sprechen die Vertreter der neuen Weltordnung

Aber das ist die neue Zeit: Wo es früher noch Welthunger oder Atomtod brauchte, um in "große Sorge" zu verfallen, reichen heute schon ein paar als unsensibel empfundene Äußerungen zum Geschlechterverhältnis, damit einen die Empörungswelle erfasst. Dass Humor- oder Ironiezeichen hier nichts verloren haben, versteht sich von selbst. Die heilige Ernsthaftigkeit ist das Eintrittsbillet in diese Welt.

Man mag das alles für überzogen halten. Wer den Auftritt der sieben Erstunterzeichner nur anmaßend oder lächerlich findet, hat allerdings von der Netzwirklichkeit nichts verstanden. Hier sprechen nicht ein paar prekär beschäftigte OnlinerInnen, sondern die Vertreter der neuen Weltordnung. Es ist das Avantgardebewusstein, das den Texten ihre Schärfe verleiht - und in den Augen der Bekehrten auch die Relevanz.

Wie jede Jugendbewegung profitiert der Netzprotest von der Vermutung, dass ihm die Zukunft gehöre. Niemand lässt sich gern nachsagen, er habe den Anschluss verpasst. Das gilt erst recht für Leute, die selbst nicht mehr die Jüngsten sind. Der Schwung des Neuen ist immer noch ein schlagendes Argument, sich hinter eine Sache zu klemmen, selbst wenn man sie nur zur Hälfte verstanden hat.

Der Tweet als Ausdruck eines Lebensgefühls

Nichts ist umgekehrt tödlicher, als sich als Uneingeweihter zu verraten. Als Günther Jauch die Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek bei einer Fernsehrunde mit dem Satz vorstellte, dass sie "den Zuschauern weniger bekannt sein dürfte" als seine anderen Gäste, stand in der "Südeutschen Zeitung" anschließend "Da prustet es im Internet."

In dieser Parallelwelt ist Bekanntheit eine relative Größe. Hier zählen 7000 Follower auf Twitter allemal mehr als 4,5 Millionen Zuschauer an einem Sonntagabend in der ARD. So funktioniert der Hinweis auf das Netz auch in jeder Redaktionskonferenz als Bedeutungsnachweis ersten Ranges. Mit dem Satz, dass dies aber in den sozialen Medien gerade heftig diskutiert werde, lässt sich noch dem abseitigsten Thema Dringlichkeit verleihen.

Weil jeder Tweet als Ausdruck und Repräsentation eines Lebensgefühls gelesen werden kann, das Tausende verbindet, weist jede Äußerung tendentiell über sich hinaus, wie belanglos sie auch scheinen mag. Oder wie es in dem offenen Brief an Gauck heißt, der ihn nun von der Bedeutung der Geschlechtergerechtigkeit als präsidialem Großthema überzeugen soll: "Die Heftigkeit entsteht aus der Masse an Erfahrungen, die hier sichtbar geworden ist. Genau deswegen müssen sie ernst genommen werden."

Sturm oder Stürmchen?

In Wahrheit ist mancher Sturm nur ein Stürmchen, was bei aller Selbstreferentialität des Mediums in der Regel doch lieber ungesagt bleibt. Wer sich die Mühe macht, einmal nachzusehen, wie viele Leute sich tatsächlich an den in Rede stehenden Debatten beteiligen, stellt schnell fest, dass die Zahl oft nicht einmal ausreicht, um den bei herkömmlichen Protesten beliebten Platz vor dem Brandenburger Tor zu füllen.

Im SPIEGEL gab es kürzlich eine interessante Grafik zu dem ersten Twittersturm, der die Sexismusdebatte in Gang setzte und vielen nun als Beweis für die Bedeutung dieser neuen sozialen Bewegung gilt. Von den 80.000 Tweets, die in den ersten fünf Tagen abgesetzt wurden, waren 30.000 Retweets, also Weiterleitungen bereits gesendeter Mitteilungen. Zu den am meisten weiterverschickten Nachrichten gehörte der Spruch: "Meine Frau wollte auch etwas zu #aufschrei twittern. Das W-Lan reicht aber nicht bis in die Küche."

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DER SPIEGEL

Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen am Ende tatsächlich über sexuelle Belästigungen berichteten, aber die Zahl der Beiträge, die man wirklich als Aufschrei verstehen kann, dürfte weit unter den angegebenen 80.000 gelegen haben. Auch im Internet ist nicht jeder Zuschauer gleich ein Aktivist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 443 Beiträge
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1. Muss hier
Luke1973 07.03.2013
Herrn Fleischhauer ausnahmsweise mal uneingeschränkt zustimmen.
2. Fleischhauer und Brüderle...
MarkWürdig 07.03.2013
... sind die Richtigen für die Hotelbar. Und die Welt da draußen - nun ja, die dreht sich weiter, aber an der Hotelbar bekommt man davon leider so wenig mit. "Niemand lässt sich gern nachsagen, er habe den Anschluss verpasst. Das gilt erst recht für Leute, die selber nicht mehr die Jüngsten sind." Aber warum arbeiteten schnell alternde Politiker und Journalisten dann so hart an der eigenen Bedeutungslosigkeit?
3. Schwanzwedeln
lscpilot 07.03.2013
Es gehört zum Markenzeichen jeder Empörungswelle, dass stets der Schwanz versucht mit dem Hund zu wackeln.
4. Endlich
desitka 07.03.2013
Gratuliere Herr Fleischhauer ! Endlich einmal wieder ein Artikel im SPON, der nicht dem angeblichen, weil so verbreiteten Trend hinterherläuft, sondern die Dinge wieder gerade rückt. Ich bin auch gegen jede Form von sexueller Belästigung, aber diese "Debatte" dient der Sache in keiner Weise. Heuchlerisches Aufgerschrei, dessen wahrer Hintergrund im angestrebten persönlichen Vorteil der eigenen "political correctness" des Aufschreiers liegt. Schäbig, und zudem ein Tritt auf diejenigen die tatsächlich belästigt werden. Gaucks Aussage zu dem Thema ist insofern in keiner Weise zu kritisieren.
5. Wie ging das eigentlich aus ?
old_spice 07.03.2013
Zitat von sysopDPADie #Aufschrei-Aktivistinnen haben ein neues Thema gefunden: die Äußerungen des Bundespräsidenten zum Geschlechterverhältnis. Mit ihrem Empörungsgestus beweisen sie exakt den von Gauck beklagten "Tugendfuror". Gauck und Sexismusdebatte: Der Aufschrei-Empörungsgestus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-und-sexismusdebatte-der-aufschrei-empoerungsgestus-a-887367.html)
Leider habe ich das Ende der ursprünglichen Geschichte verpasst. Es begann doch damit, dass eine hübsche Journalistin sich zu einem angetrunkenen älteren Herrn an die Bar gesellte, in der Hoffnung, dass er zu plappern anfängt. Zunächst hatte sie sein im Suff abgegebenes Gesabber über "Dirndl ausfüllen" und "Tanzkarte reservieren" für wertlos gehalten, aber nach einem Jahr wurde doch noch eine verkaufbare Story daraus. Und bei Günter Jauch wurde dann festgestellt, dass ältere Herren öfter mal im Ton daneben liegen, wenn ihnen junge Damen ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Oft gehen diese Geschichten aber auch den geplanten Gang, reiche Herren finden erstaunlich oft hübsche junge Mädchen, die sich verlieben und einer Heirat nicht abgeneigt sind. War das jetzt sexistisch genug, um im Internet geächtet zu werden ?
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