Staatsbesuch in Tschechien Gauck erinnert an Verbrechen der Nazis

Joachim Gauck betreibt in Prag Vergangenheitsbewältigung: In Theresienstadt erinnert er an die Nazi-Verbrechen. In der Karls-Universität spricht er das Schicksal der Sudetendeutschen an - ohne dabei Position zu beziehen.

Joachim Gauck (3.v.r.) mit Tschechiens Präsidenten Zeman (M.) in Theresienstadt: "Geschichte des Leids"
DPA

Joachim Gauck (3.v.r.) mit Tschechiens Präsidenten Zeman (M.) in Theresienstadt: "Geschichte des Leids"


Prag - Bundespräsident Joachim Gauck hat bei seinem Staatsbesuch in Tschechien am Dienstag an die deutsche Besatzung und die Nazi-Verbrechen erinnert, aber auch die Vertreibung der Sudetendeutschen angesprochen.

Mit dem tschechischen Präsidenten Milos Zeman besuchte Gauck das frühere Konzentrationslager und Ghetto in Theresienstadt, in dem während der Nazi-Besatzung Zehntausende Menschen ums Leben kamen. Gauck betonte, er wolle mit dem Besuch zeigen, dass Deutsche sich an Schuld und Verbrechen der Nazi-Zeit erinnerten. "Aber das sind heute andere Deutsche", sagte er.

In einer Rede an der Karls-Universität in Prag hatte Gauck zuvor gesagt: "Es ist gar keine Frage, dass die Geschichte der tschechisch-deutschen Beziehungen auch eine Geschichte des Leids ist." Deshalb erscheine es manchmal wie ein Wunder, dass beide Länder den Mut zu Verständigung und Versöhnung gefunden hätten.

"Schuldige und Unschuldige zugleich"

Als "Schuldige und Unschuldige zugleich" bezeichnete Gauck in seiner Rede die Sudetendeutschen, die nach den nationalsozialistischen Verbrechen und der Befreiung 1945 ihre Heimat in der Tschechoslowakei hatten verlassen müssen. Die Bewertung überließ Gauck anderen mit den Worten: "Flucht, Vertreibung, Zwangsaussiedlung, ethnische Säuberung - wie immer Sie es nennen mögen."

Gauck, der in der ältesten Universität Mitteleuropas mit einer Gedenkmedaille ausgezeichnet wurde, erinnerte an die vielen Tschechen, die ihren deutschen Mitbürgern 1945 Schutz geboten hätten und würdigte den Widerstand der Tschechen gegen die deutsche Besatzung ebenso wie gegen das kommunistische Regime.

Bei einem Mittagessen mit Ministerpräsident Bohuslav Sobotka würdigte Gauck die stärkere Hinwendung der tschechischen Regierung zu Europa. Die Übernahme der Grundrechtecharta und die Zustimmung zum Fiskalpakt seien wichtige Schritte. Wer Europa voranbringen wolle, müsse verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Vor allem die Jugend in Europa brauche eine Zukunftsperspektive, sagte Gauck und rief zur Beteiligung an der Europawahl am 25. Mai auf.

Am Mittwoch besucht Gauck ein Werk des zum Volkswagen-Konzerns gehörenden Autobauers Skoda und kehrt nach einer Diskussion mit Schülern und Intellektuellen am Abend nach Berlin zurück.

sun/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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hdwinkel 06.05.2014
1. Vergangenheit
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck betreibt in Prag Vergangenheitsbewältigung: In Theresienstadt erinnert er an die Nazi-Verbrechen. In der Karls-Universität spricht er das Schicksal der Sudetendeutschen an - ohne dabei Position zu beziehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gaucks-in-tschechien-erinnerung-an-nazi-verbrechen-in-theresienstadt-a-967888.html
Ich bin eigentlich kein Freund von Herrn Gauck, aber hier hat er recht. Deutschland hat unermessliche Schuld auf sich geladen, durch den Krieg und vor allem durch die fabrikmäßige Ermordung der Juden Europas, einschließlich der tschechichen. Deutschland hat allerdings auch das Recht um die deutschen Opfer des Krieges und der Vertreibungen zu trauern, ohne dabei die eigene Schuld zu leugnen.
nyarlat 07.05.2014
2. Das sind keine NAZI-Verbrechen
Es sind deutsche Verbrechen! Die Nazis kamen nicht von der Rückseite des Mondes. Bei einem gewonnen Match der 'Deutschen Nationalmannschaft' jubeln alle: "Deutschland hat gewonnen!" Man muß die Verbrechen die man kollektiv begangen hat eben auch annehmen. Leider ist, wenn es um Nationalstaatlichkeit geht, Rosinenpickerei an der Tagesordnung. Fast keiner den ich kenne, will mit deutschen Schandtaten als seinem Erbe belastet werden. Es ist viel schöner alles auf "die Nazis" zu schieben.
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