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Dokumentation: Gaucks Rede im Wortlaut

Joachim Gauck wurde mit einem Rekordergebnis zum Bundespräsidenten gewählt - und erinnerte in seiner Dankesrede an den Wert freier Wahlen und politischer Mitgestaltung. Gaucks Ansprache im Wortlaut.

Getty Images

"Was für ein schöner Sonntag. Es war der 18. März heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt. Wir, das waren Millionen Ostdeutsche, die nach 56-jähriger Herrschaft von Diktatoren endlich Bürger sein durften.

Zum ersten Mal in meinem Leben im Alter von 50 Jahren durfte ich in freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmen, wer künftig regieren soll. Die Menschen, die damals zur Wahl strömten, lebten noch im Nachhall der friedlichen Revolution, als wir 'das Volk' waren und dann die Mauern fielen.

Ich selber hatte als Sprecher des Neuen Forums in Rostock daran mitwirken dürfen. Wir waren schon frei von Unterdrückung. Jetzt schickten wir uns an, Freiheit zu etwas und für etwas zu erlernen. Nie werde ich diese Wahl vergessen, niemals. Weder die über 90 Prozent der Wahlbeteiligung noch meine eigene innere Bewegung. Ich wusste, diese meine Heimatstadt und dieses graue, gedemütigte Land - wir würden jetzt Europa sein. In jenem Moment war da in mir neben der Freude ein sicheres Wissen - ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen. Ich hatte einfach zu lange auf das Glück der Mitwirkung warten müssen, als dass ich die Ohnmacht der Untertanen je vergessen könnte.

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Entscheidung in Berlin: Glückwünsche für den neuen Bundespräsidenten
'Ich wünschte mir ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das' - so hat ein deutscher Demokratielehrer - es war Dolf Sternberger - seine politische Haltung einmal definiert. Ich habe am 18. März 1990 genau denselben Wunsch gespürt. Und ich habe damals gefühlsmäßig bejaht, was ich mir erst später theoretisch erarbeitet habe, dass aus dem Glück der Befreiung die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung erwachsen muss. Und dass wir Freiheit in der Tiefe erst verstehen, wenn wir eben dies bejaht und ins Leben umgesetzt haben.

Heute nun haben Sie, die Wahlfrauen und -männer, einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit und der sich sein Land nicht vorstellen mag und kann ohne die Praxis der Verantwortung. Ich nehme diesen Auftrag an mit der unendlichen Dankbarkeit einer Person, die nach den langen Irrwegen durch politische Wüsten des 20. Jahrhunderts endlich und unerwartet Heimat wiedergefunden hat und die in den letzten 20 Jahren das Glück der Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft erfahren durfte. Deshalb: Was für ein schöner Sonntag dieser 18. März auch für mich.

Ermutigend und beglückend ist es für mich auch zu sehen, wie viele im Land sich in der letzten Zeit eingebracht haben und auch mich ermutigt haben, diese Kandidatur anzunehmen. Es sind Menschen ganz unterschiedlicher Generationen und Professionen, Menschen, die schon lange, und Menschen, die erst seit kurzem in diesem Land leben. Das gibt mir Hoffnung auf eine Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung, an der ich nach meinen Möglichkeiten unbedingt mitwirken werde.

Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und meine Präsidentschaft gerichtet wurden, erfüllen können. Aber eins kann ich versprechen: Dass ich mit all meinen Kräften und meinem Herzen ja sage zu der Verantwortung, die Sie mir heute übertragen haben. Denn was ich als Bürger anderen Menschen als Pflicht und als Verheißung beschreibe, muss selbstverständlich auch Gültigkeit haben für mich als Bundespräsidenten. Das heißt auch, dass ich mich neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und in der Welt bewegen.

Ich danke Ihnen, den Mitgliedern der Bundesversammlung, für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Sie, die Sie hier gewählt haben, sind ja nicht nur Deputierte, sondern Sie sind auch - das ist mir voll bewusst - Vertreter einer lebendigen Bürgergesellschaft. Ob wir also als Wahlbevölkerung am Fundament der Demokratie mitbauen oder ob wir als Gewählte Weg und Ziel bestimmen - es ist unser Land, in dem wir Verantwortung übernehmen, wie es auch unser Land ist, wenn wir die Verantwortung scheuen. Bedenken sollten wir dabei: Derjenige, der gestaltet, wie derjenige, der abseits steht - beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unseren Kindern so anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land 'unser Land' sagen können."

mbe/dapd

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insgesamt 15 Beiträge
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1. ein sehr schöne Satz und ich Hofe....
wolf-wolf 18.03.2012
Zitat von sysopJoachim Gauck wurde mit einem Rekordergebnis zum Bundespräsidenten gewählt - und erinnerte in seiner Dankesrede an den Wert freier Wahlen und politischer Mitgestaltung. Gaucks Ansprache im Wortlaut. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822055,00.html
„Ich wünschte mir ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das" ein sehr schöne Satz und ich Hofe dass nach dem Prinzip wird Herr Bundespräsident Joachim Gauck auch handeln. Das für ihm das wichtigste wird eben Wohl diesen Bürger! Es gibt viele die sich so selbst nennen wen es passt und von nutzen ist und nur dank gesetzlicher Vorschriften sein dürfen aber schaden nur Deutschland durch Mistachtung des States und seinen Gesetzen!!
2. Fundamente vs Weg und Ziel
frei-gleich-brüderlich 18.03.2012
Zitat "Ob wir also als Wahlbevölkerung am Fundament der Demokratie mitbauen oder ob wir als Gewählte Weg und Ziel bestimmen" Wir dürfen mit inhaltsleeren Wahlen Demokratie spielen, während die Gewählten Weg und Ziel bestimmen. Leider bestätigt Gauck meine Befürchtungen.
3. Gockel
pepito_sbazzeguti 18.03.2012
Danke für Bild 2 der Fotostrecke, da haben Sie Gaucks süffisanten Gesichtsausdruck hervorragend eingefangen. Ich denke, wir werden mit diesem eitlen Gockel noch eine Menge Spaß bekommen.
4. Zitat Gauck:
schulti11 18.03.2012
Zitat von sysopJoachim Gauck wurde mit einem Rekordergebnis zum Bundespräsidenten gewählt - und erinnerte in seiner Dankesrede an den Wert freier Wahlen und politischer Mitgestaltung. Gaucks Ansprache im Wortlaut. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822055,00.html
Na, dann darf er ja den ESM-Vertrag nicht unterschreiben. Man stelle sich nur vor, die ganze Mühe der fleißigen Medien wäre dann umsonst gewesen.
5. Ich bin gegen Gauck
grünbeck,harald 18.03.2012
Mit seinen Monatsgehalt könnte ich auch von Freiheit sprechen,aber ich sehe die vielen Menschen um mich, die mit 800 Euro im Monat auskommen müssen oder in die Suppenküchen der "Demokratien und Freiheit" gehen müssen um über die Runden zukommen. Das brauchte Gauck in der DDR und danach nicht. Deswegen ist er für mich kein Kandidat des Herzen.
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.

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