Gaus-Interview mit Christian Klar Doku-Drama hinter Gittern

Die Bilder verstören. Christian Klar sitzt in einem unwirtlichen Raum, schweigt oft, benutzt die kalte Sprache der RAF: 2001 führte Günter Gaus ein Interview mit dem Ex-Terroristen in Haft. Heute ist es nochmals zu sehen - ein heikles Dokument in der Debatte über Gnade und Reue.

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Hamburg - Reue? Schuldgefühle? Christian Klar schweigt. Seine schmale Oberlippe hebt sich, senkt sich wieder, stumm. Seine großen Augen, tief liegen sie in dunklen Höhlen, sie suchen nach Halt im kalten, kahlen Raum. Schuldbewusstsein und Reue, das seien "im politischen Raum keine Begriffe", sagt Klar. Und die Opfer? Wieder eine Pause, noch länger. Dann ein fürchterlicher Satz: "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere ihre Gefühle, aber ich mache es mir nicht zu eigen."

Ex-RAF-Terrorist Christian Klar spricht im November 2001 mit Günter Gaus: "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle"
RBB

Ex-RAF-Terrorist Christian Klar spricht im November 2001 mit Günter Gaus: "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle"

Es ist der 22. November 2001. Christian Klar, einst Mitglied der offiziell aufgelösten "Rote Armee Fraktion" (RAF), sitzt in einem schmucklosen Zimmer der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, in dunkelgrauem T-Shirt und roter Trainingshose, breitbeinig, die Hände auf der Stuhlkante abgelegt. Uneinsichtig und verbohrt antwortet Klar auf Fragen des Journalisten und Diplomaten Günter Gaus.

Es ist das erste Mal, dass im deutschen Fernsehen ein verurteilter, im Gefängnis sitzender ehemaliger Terrorist interviewt wird. Die Sendung aus Gaus' Reihe "Zur Person" wird am 12. Dezember im damaligen ORB ausgestrahlt (heute Teil des RBB) und einen Tag vor Heiligabend in Sat.1 wiederholt.

19 Jahre sitzt Klar zu diesem Zeitpunkt hinter Gittern. Am 16. November 1982 hatten Polizisten ihn, einen der meistgesuchten Männer der Bundesrepublik, im Sachsenwald bei Hamburg gestellt - als er 11.000 Mark aus einem Geldversteck im Unterholz holen wollte. Im April 1985 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Stuttgart zu fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahre, vor allem wegen Beteiligung an den Morden an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer. 1992 kam ein weiteres Mal lebenslänglich dazu.

Die Richter hatten wegen der "besonderen Schwere" der Schuld zunächst eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen - später legten sie die Haft-Mindestdauer auf 26 Jahre fest. Durch Strafaussetzung auf Bewährung könnte Klar also frühestens 2009 freikommen. Es sei denn, der Bundespräsident begnadigt den heute 54-Jährigen. Klar hat das beantragt, Horst Köhler prüft das Gesuch - die Debatte darüber erregt die Republik.

Aus diesem Grund zeigt der RBB das Interview heute noch einmal. Ein Dokument der Zeitgeschichte, eine verstörende, aufregende Begegnung zwischen einem Interview-Veteranen, befangen, was "ich sonst nicht bin", und einem versteinerten Ex-Terroristen und zugleich gebrochenen Menschen.

Längst hätten Medien in diesen Tagen jene letzten öffentlichen Äußerungen Christian Klars gerne noch einmal dokumentiert. Doch Günter Gaus' Witwe Erika und Tochter Bettina, bei denen die Textrechte liegen, haben dies verhindert. "Wir haben uns dagegen entscheiden, weil wir denken, dass der Gesamteindruck wichtig ist", sagt Bettina Gaus, Journalistin bei der "taz". Zu einem Gespräch gehörten nun einmal ein verbaler und ein non-verbaler Teil. "Und in diesem Fall halten wir den non-verbalen Teil für sehr wichtig." Wichtig sei zum Beispiel: "Wo ringt Christian Klar um Worte? Wie artikulationsfähig ist er?" Abgetippt, rein auf die Worte reduziert, entstünde von dem Gespräch "nicht nur ein unzureichender, sondern ein falscher Eindruck".

In der Tat: Selbst eine kommentierte Abschrift könnte weder die spezielle Atmosphäre der unwirtlichen Begegnungsstätte noch die immer wiederkehrenden dramatischen Momente der Stille transportieren. Gedruckte Worte offenbaren nicht, wie viel Kraft es Klar gekostet hat, sie über die ausgetrockneten Lippen zu bekommen (die er immer wieder schmatzend zu befeuchten versucht). Sie zeigen nicht das ausgemergelte Gesicht des "bleichen Wiedergängers aus bleiernen Zeiten", wie die Zeitung "Die Woche" Klar seinerzeit beschrieb. Nicht die sparsamen Gefühlsregungen in seinen Gesichtszügen, als er, der verurteilte Mörder, über seine Familie spricht.

Sie zeigen nicht den Menschen Christian Klar, der sich hinter Begriffsgespenstern versteckt, die in seinem Kopf umherspuken - hinter "zielgerichteter Orientierung", "Konzepten" und der "Subjektivität der Linken". Klar verteidigt die abstrakte, harte Sprache der RAF mit dem Satz: "Konkretion habe ich oft als Anbiedern erlebt."

Gaus' politisches Vermächtnis

Im Interview präsentiert sich der Öffentlichkeit ein Gefangener - nicht nur im Knast von Bruchsal, vielmehr auch ein Gefangener seiner selbst. Die Mauern längst vergangener Tage endlich einzureißen, die er selbst um sich herum aufgebaut hat - das schafft Klar nicht. Auch dem Frage-Profi Gaus gelingt es nicht.

Wenn dessen Familie jetzt auf die Gesamtwirkung des Gespräches so viel Wert legt, dann auch weil es für sie um nichts weniger als das politische Vermächtnis des Journalisten geht. Gaus hat sich nach dem Gespräch für Christian Klar eingesetzt. Er hat Klar davon überzeugt, im Frühjahr 2003 ein Gnadengesuch beim Bundespräsidenten einzureichen.

Tief verstört sei ihr Vater gewesen nach der Begegnung mit dem Mann, der von den Jahren der Haft schwer gezeichnet war, schreibt Bettina Gaus in der "taz". Ihr Vater habe keinen Sinn mehr darin gesehen, dass Klar weiter in Haft bleiben musste - weder den Sinn "der Resozialisierung noch den der Vereitelung weiterer Straftaten".

Gaus' Tochter verwahrt sich gegen die Unterstellung, "klammheimliche" Sympathie mit der RAF könnte für das Engagement ihres Vaters eine Rolle gespielt haben. Er wäre "nie auf die Idee gekommen, das Leid der Familien von Terroropfern gering zu achten" - schon wegen seiner eigenen Gefährdung als Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Er habe allerdings auch nie geglaubt, dass sich das Leid von Opfern und Angehörigen aufrechnen lässt gegen die Folgen von langjähriger Haft oder gegen den Schmerz von Angehörigen ehemaliger Terroristen. "Das entsprach nicht seinem Verständnis von Humanität", schreibt Bettina Gaus in der "taz".

Ihr Vater habe in Klar einen Menschen gesehen, "dessen Taten er missbilligte und für dessen Recht auf eine eigene, wenigstens in Teilen noch selbstbestimmte Biografie er bis zuletzt eingetreten ist. Die Tatsache, dass den Opfern der RAF ein Teil ihrer Biografie geraubt worden ist, war ihm dabei durchaus bewusst".

Noch am Tage seines Todes, am 14. Mai 2004, erkundigte sich Günter Gaus besorgt nach dem Stand des Gnadengesuchs von Christian Klar. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau ließ sich nicht mehr überzeugen. Nun liegt die Akte auf Köhlers Schreibtisch. Er allerdings musste erst wieder auf das schwebende Verfahren aufmerksam gemacht werden - aus dem Kreise der Familie.

Noch im Februar will Köhler eine Entscheidung treffen. In der Öffentlichkeit wird für die Gewährung von Gnade vor allem eines gefordert, was Klar in dem Interview mit Gaus keineswegs erkennen ließ: Reue.

Indizien für einen Sinneswandel

Klar ärgere sich heute über seine unsensiblen Antworten von damals, berichtet der SPIEGEL. Die Mauern um ihn herum scheinen zu bröckeln, es gebe Indizien für einen Sinneswandel.

In einem Brief an Rau, dem Gnadengesuch im Spätsommer 2003 hinterhergeschickt, schrieb der Häftling: "Eine Rückkehr zu gewaltsamen Konzepten wie zu dem der RAF gibt es für mich nicht." Er müsse eine Schuld anerkennen, "selbstverständlich", formuliert er weiter. "Ich verstehe die Gefühle der Opfer und bedaure das Leid dieser Menschen."

Sind diese Worte Ausdruck von Reue? Von aufrichtiger Reue? Ein "inszenierter, öffentlicher Kniefall" sei von ihm nicht zu erwarten, soll Klar laut SPIEGEL zu Freunden gesagt haben.

Günter Gaus' Engagement für den Gefangenen war still. Der Publizist hatte Sorge vor einer ausufernden Debatte über Opfer und Täter, über Schuld und Sühne, über Reue und Vergebung.

Er hatte Sorge vor dem, was die Republik in diesen Tagen im Fall der Ex-Terroristen Klar und Mohnhaupt diskutiert.


Günter Gaus im Gespräch mit Christian Klar, RBB, 22.45 Uhr



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