Israels Botschafter zum Antisemitismus "Es sind die alten Parolen"

Am Freitag demonstrieren in Berlin vor allem Araber am al-Kuds-Tag gegen Israel. Der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, spricht im Interview über Meinungsfreiheit, Antisemitismus und den Gaza-Krieg.

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Palästinenser und Sympathisanten demonstrieren in Berlin: Wütende Parolen
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Palästinenser und Sympathisanten demonstrieren in Berlin: Wütende Parolen


Berlin - Fast täglich demonstrieren in Deutschland Palästinenser und Sympathisanten gegen die israelischen Luftangriffe in Gaza. Auf einigen Kundgebungen wurden judenfeindliche Parolen gerufen. Bundespräsident, Kanzlerin und andere führende deutsche Politiker verurteilten die antisemitischen Vorfälle scharf.

Am Freitag wird auf Berlin geblickt: Am sogenannten al-Kuds-Tag wird traditionell von zumeist radikalen Arabern gegen Israel demonstriert, es werden diesmal so viele Menschen erwartet wie seit Jahren nicht mehr. Der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, äußert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Erwartung, dass die Polizei antisemitische Parolen diesmal unterbindet: "Die deutschen Behörden müssen wissen, ob die Plakate oder Parolen die Gesetze in Deutschland verletzen."

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Botschafter Hadas-Handelsman, seit 1996 gehen in Berlin zumeist Araber am al-Kuds-Tag gegen Israel auf die Straße. In den vergangenen Tagen hat es auf Demonstrationen in Deutschland mit vornehmlich arabischen Teilnehmern antijüdische Parolen gegeben, die Polizei schritt nicht ein. Was erwarten Sie von den deutschen Behörden?

Hadas-Handelsman: Ich bin nicht in der Lage, das zu beurteilen. Das ist Sache der deutschen Behörden. Jeder darf demonstrieren, auch wenn es gegen Israel ist - aber ohne Hass, ohne Hetze, ohne Gewalt, ohne Antisemitismus. Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Gut in Deutschland und in Israel.

SPIEGEL ONLINE: Der al-Kuds-Tag, von Iran einst als Feiertag eingeführt, ist eine Manifestation gegen das Existenzrecht Israels. Sollten deutsche Behörden eine solche Demonstration verbieten?

Hadas-Handelsman: Das ist nicht meine Entscheidung. Als Gast der Bundesrepublik sage ich nur: Die deutschen Behörden müssen wissen, ob die Plakate oder Parolen die Gesetze in Deutschland verletzen. Ich kann nur so viel sagen: Wenn man dort eine Flagge einer auch hierzulande verbotenen Terrororganisation zeigt, soll man von deutscher Seite die richtigen Konsequenzen ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die Polizei eingreifen?

Hadas-Handelsman: Noch einmal - ich kann das nicht beurteilen. Aber ich habe mir die Videos dieser Demonstrationen angesehen, auch die Hasspredigt eines Imam aus dem Berliner Bezirk Neukölln. Für mich ist das schrecklich, und es sollte auch für die Deutschen schrecklich sein. Diese Parolen, diese Predigten haben Auswirkungen auf junge Menschen muslimischer Herkunft hierzulande. Das darf man nicht unterschätzen. Vergangene Woche konnte sich ein israelisches Paar in Berlin nur mit Hilfe der Polizei vor dem Mob schützen. Sie waren zufällig in eine Demonstration auf der Straße Unter den Linden geraten. Der Mann trug eine Kippa, er war also als Jude erkennbar. Wenn ihn die Polizei nicht geschützt hätte, hätte man ihn womöglich gelyncht. Auch außerhalb Deutschlands gibt es Vorfälle. In Österreich haben am Mittwoch in Bischofshofen bei einem Testspiel des OSC Lille gegen den israelischen Verein Maccabi Haifa Männer türkischer Herkunft den Platz gestürmt und israelische Spieler attackiert. Davon gibt es Fotos und ein Video.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie verstärkt besorgte Anrufe von Israelis bekommen, die in Deutschland leben oder auf Besuch sind?

Hadas-Handelsman: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich Angst?

Hadas-Handelsman: Ich habe keine Angst, es geht nicht um mich. Sorgen sollte sich vor allem aber die deutsche Gesellschaft machen. Deutschland ist eine der gefestigsten Demokratien der westlichen Welt. Aber mit der Migration aus islamischen Ländern verbreitet sich in Deutschland leider auch eine neue Form des Antisemitismus. Es sind die alten Parolen, die von einigen dieser Radikalen gerufen werden. Heute richten sie sich gegen Israel und Juden - und morgen?

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen werfen Israel vor, unverhältnismäßig gegen den Gazastreifen vorzugehen. Können Sie das nachvollziehen?

Hadas-Handelsman: Wenn täglich Raketen auf Berlin geschossen würden, was würde wohl die Kanzlerin machen? Oder wenn an der Grenze zu Deutschland, mitten auf dem Land, aus angelegten Tunneln plötzlich Terroristen auftauchten, um in den Dörfern Deutsche umzubringen, was würden da die Behörden wohl machen? Was erwartet man von Israel? Sollen wir die Angriffe wochenlang, monatelang, jahrelang dulden? Nein, wir müssen reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Hunderte sind bei den Luftangriffen bereits gestorben, Hunderte wurden verletzt. Und es geht jeden Tag weiter.

Hadas-Handelsman: Wir bedauern jeden Unschuldigen, der getötet wird. Das Problem aber ist, dass die Hamas die Zivilisten als Geiseln hält. Sie verstecken sogar Raketen in Schulen, die unter Kontrolle der Uno stehen, wie es jetzt der Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bekannt gegeben hat. Wir versuchen, bei Angriffen vorher Warnungen auszusprechen, damit die Menschen die Häuser verlassen können, unter denen die Hamas Raketen versteckt hat oder von denen sie sie abschießt. Das ist beispiellos. Sagen Sie mir - welcher andere Staat tut das? Wir versuchen alles, um Unschuldige nicht zu töten.

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