Von Hauke Janssen
Die frohe Botschaft zur Weihnachtszeit 2007 lautete für Ursula von der Leyen: Die Zahl der Geburten war erstmals seit zehn Jahren gestiegen, außerdem nahm laut Umfragen der Kinderwunsch bei Männern und Frauen wieder zu. Die damalige CDU-Familienministerin führte dies sogleich auf die Einführung des Elterngeldes - mithin auf die eigene Politik - zurück.
Von der Leyen damals: "Das Elterngeld hat vor allem eine Bresche für junge Väter geschlagen." Mehr als 40 Prozent der betroffenen Väter hätten die Möglichkeit der Verlängerung des Elterngeldes um zwei Monate genutzt und damit den Etat für das Jahr 2007 gesprengt. Das sei "das Beste, was diesem Land passieren kann".
Wir erinnern uns: Das Elterngeld (Definition bei Wikipedia) hatte mit Beginn des Jahres 2007 das Erziehungsgeld abgelöst. Berufstätige Mütter oder Väter konnten nun 67 Prozent ihres bisherigen Nettoeinkommens - maximal 1800 Euro - erhalten, wenn sie für ein Jahr ihr Baby zu Hause betreuten. Oder sogar für 14 Monate, wenn der Vater sich beteiligte.
Doch schon der Fakt, dass es das erste Quartal im Jahr 2007 gewesen war, welches die meisten Geburten verzeichnet hatte, stimmte skeptisch gegen die These, dass für den verzeichneten Geburtenaufschwung das im Januar eingeführte Elterngeld auslösend gewesen sei. Vergehen doch bekanntlich 40 Schwangerschaftswochen bis zur Geburt und nicht 14.
Das Leben ist eine Achterbahn
2008 stagnierte die Zahl der Geburten, und für 2009 meldete das Statistische Bundesamt ein neues absolutes Tief. Die Medien stimmten gerade in Thilo Sarrazins Abgesang auf die Deutschen ein, da meldete das Familienministerium, nun in Händen von Kristina Schröder (ebenfalls CDU), für 2010 wiederum einen leichten Anstieg.
Schröder gab sich noch im Juni 2011 "vorsichtig optimistisch" und betonte wie knapp vier Jahre zuvor von der Leyen: "Die Menschen haben wieder Lust auf Kinder und Familie."
Doch das Leben ist eine Achterbahn, und nur ein Jahr später sanken die Geburtenzahlen wieder. Die Menschen hatten plötzlich keine Lust mehr auf Kinder und Familie. Die Medien änderten schnell den Tenor ihrer Berichterstattung von vorsichtigem Optimismus (2011) auf radikale Skepsis (2012). SPIEGEL ONLINE berichtete: "Kinderkriegen so unattraktiv wie nie".
Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung war im Auftrag der Bundesregierung zu ernüchternden Ergebnisse gelangt: Berufstätige Frauen entschieden sich im Zweifel gegen ein Kind. Grund für die sinkende Geburtenrate sei vor allem die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft.
Hat also das Elterngeld nichts genützt?
Wahr ist, dass die Anzahl der Geburten in Deutschland seit der Wiedervereinigung, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kontinuierlich gesunken ist. 1990 gab es noch 905.675 lebendgeborene Kinder in Deutschland, 2011 erreichte die Statistik mit 662.685 Babys einen neuen absoluten Tiefstand.
Dieser Befund spricht gegen die These von der Leyens und Schröders, die Deutschen hätten wieder mehr "Lust auf Kinder und Familie", selbst wenn seit 2007 etwas Bewegung in die tendenziell weiter fallende Kurve gekommen ist.
Allerdings hat die Zahl der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 aufgrund der zurückliegenden demografischen Entwicklung ebenfalls stark abgenommen. Sinkende absolute Geburtenzahlen allein sagen noch nichts darüber aus, ob die Zahl der Kinder pro Frau gestiegen oder gesunken ist. Von der Leyen und Schröder sind mit dem obigen Befund also noch nicht widerlegt.
Und tatsächlich ergibt die Betrachtung der Fruchtbarkeitsrate, oder statistisch-amtlich richtig der "zusammengefassten Geburtenziffer der Kalenderjahre", ein differenzierteres Bild.
Dieser wichtige Indikator nahm deutschlandweit seit der Wiedervereinigung zunächst ebenfalls stark ab, von 1,454 im Jahr 1990 bis auf 1,243 im Jahr 1994. Seitdem aber hat sich die Geburtenziffer wieder leicht erholt und zwar auf 1,393 im Jahr 2010. 2011 waren es immerhin noch 1,364 Geburten pro Frau.
Dabei kam es in den neuen Bundesländern seit 1994 fast zu einer Verdoppelung (von 0,772 auf 1,433), während die Geburtenziffern West im neuen Jahrtausend mit Schwankungen zwischen 1,34 und 1,40 fast konstant blieben.
Es ist also eine Verkürzung im gesellschaftspolitischen Diskurs, pauschal von sinkenden Geburtenzahlen zu sprechen. Denn eine der wichtigsten Kennziffern der Geburtenstatistik sinkt nicht, sondern ist seit ihrem Tiefpunkt 1994 im Osten stark und gesamtdeutsch gesehen leicht gestiegen, auch seit 2006.
Aber auch diese Analyse führt noch nicht tief genug, wie eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock in Zusammenarbeit mit dem Vienna Institute of Demography zeigt.
Demnach haben die Deutschen mehr Lust auf Kinder als bisher angenommen. Doch die amtliche Statistik zeigt dies noch nicht - weil viele Frauen das Kinderkriegen in ein deutlich höheres Alter verschieben. Die konventionelle Geburtenziffer, so die Forscher, sei keineswegs falsch, aber sie basiere auf der Annahme, dass das Alter, in dem die Frauen ihre Kinder bekommen, unverändert bleibe. Sobald die Frauen die Geburten in einem höheren Alter nachholten, steige auch die konventionelle Ziffer an.
"Tempo-Effekt" macht sich bemerkbar
Rechnete man den "Tempo- Effekt" mit ein, dann käme man für die Jahre 2001 bis 2008 auf einen Wert von etwa 1,6 Kindern pro Frau statt 1,4 wie bisher.
Die Rostocker Bevölkerungsstatistiker erklären damit auch einen Teil des extremen Rückgangs der Geburtenrate im Osten nach der Wiedervereinigung. Gesamtdeutsch gesehen glauben sie, dass sich für Frauen, die 1970 und später geboren sind, ein Wendepunkt abzeichnet: Die endgültige Kinderzahl steige wieder an.
Wenn also die Geburtenziffern in den kommenden Jahren steigen sollten, dann kann dies auch daran liegen, dass sich nunmehr der "Tempo-Effekt" auswächst und sich die Altersverschiebung beim Kinderkriegen in der konventionellen Geburtenziffer niederschlägt. Steigende Geburtenziffern wären so gesehen der statistische Ausdruck einer veränderten Lebensplanung.
Aber selbst eine Geburtenziffer von 1,6 wäre immer noch viel zu gering, um den Gesamttrend einer sinkenden Bevölkerung aufhalten zu können. Die für ein stabiles Bevölkerungsniveau notwendige sogenannte natürliche Reproduktionsrate liegt bei mindestens 2,1.
Fazit: Die absoluten Geburtenzahlen haben in der Tendenz weiter abgenommen. Bei der zusammengefassten Geburtenziffer - also dem Indikator, der uns Aufschluss darüber gibt, ob Frauen im Durchschnitt wieder mehr Kinder bekommen - zeigt sich eine ansteigende Kurve, im Osten mehr, im Westen weniger. Doch dieser Anstieg begann nach dem Tiefpunkt der Jahre 1994/95 und nicht erst mit der Einführung des Elterngeldes zum Januar 2007.
Urteil: ziemlich daneben (4)
Mitarbeit: Ursula Wamser
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