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Geburtenrate: Borken hat mehr Babys als Bochum

Von , Borken

Die Geburtenrate in Deutschland liegt seit Jahrzehnten ziemlich konstant bei 1,4 Kindern pro Frau. Doch es gibt Gegenden, wo die Rate genauso konstant höher ist - und das hat nicht nur mit Geld zu tun.

Familien in Borken: Zum Kinderkriegen aufs Land Fotos
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An diesem Freitag, am Ende des Sommers, präsentiert sich Borken wenig charmant: Es gießt in Strömen. Die Einkaufsmeile fast menschenleer. Aber umso voller ist es drumherum: Horden von Schülern jeden Alters drängeln sich an den Bushaltestellen oder radeln - den Kopf tief gesenkt - gegen den Regen an. Wir sind hier sozusagen im Kinderparadies von Nordrhein-Westfalen.

Der Kreis Borken liegt nördlich vom Ruhrgebiet, reicht von Gronau an der holländischen Grenze über Ahaus und Borken bis nach Bocholt - und ist der Verwaltungsbezirk mit der höchsten Geburtenziffer. Im Jahr 2011 waren das 1,55 pro Frau im Alter von 15 bis 49 Jahren, das liegt über dem Bundesdurchschnitt von zuletzt 1,36. Am Ende der Skala im größten Bundesland stand Bochum mit 1,16 Kindern. Das sieht auf den ersten Blick nicht nach einem dramatischen Unterschied aus - macht aber bei einer ungefähr gleichgroßen Einwohnerzahl von fast 370.000 immerhin 600 Babys pro Jahr - das entspricht später mal rund 20 Schulklassen. In Bochum gab es im vergangenen Jahr 2644 Geburten, im Kreis Borken 3227.

Ausbildung in der Großstadt, Familie auf dem Land

Daniel Kämper spielt mit seinen Kindern auf dem Küchenfußboden Lego. Sein Haus steht in einem Neubaugebiet am Rand der Stadt Borken. Durch die breite Fensterfront am Wohnzimmer blickt man in den großen Garten, in dem noch Liegestühle und ein vollgeregnetes Windlicht stehen. Das Glasdach lässt selbst an diesem trüben Tag viel Licht auf das Parkhaus herein, das Levi, 5, für seine Autos gebaut hat, Filipa, 8, gibt mit ihrer Polizeikelle die Chefin und Luana, neun Monate, sitzt staunend dazwischen.

Kämper und seine Frau Ellen haben vor fünf Jahren gebaut. Er arbeitet als Angestellter im rund 60 Kilometer entfernten Münster, wo das Paar zuvor auch studiert hat. Aber: "Ein Haus wie dieses hätten wir uns in Münster niemals leisten können", sagt der 40-Jährige.

Und damit haben sich die Kämpers im Prinzip exemplarisch verhalten: zur Ausbildung in die Großstadt, zur Familiengründung wieder weg. "In Westdeutschland kriegen die meisten Menschen während der Ausbildung keine Kinder", sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung. So haben vor allem Uni-Städte traditionell eine geringe Geburtenrate. Das trifft auf Münster und Bochum genauso zu wie auf Heidelberg oder Göttingen.

Bei der Geburt des ersten Kindes sind Frauen inzwischen im Schnitt 29 Jahre alt. "Beim zweiten oder dritten Kind ziehen viele Familien raus aus den Städten," sagt Klüsener. Ländliche Regionen profitieren davon - so sind etwa in Baden-Württemberg die Landkreise Biberach und Rottweil die mit der höchsten Geburtenrate.

Die Tendenz zum traditionellen "Stadt-Land-Gefälle" ist also noch da. Eine sichere Bank ist das jedoch nicht. Die regionalen Unterschiede schwächen sich immer deutlicher ab. So hatte etwa Bochum auch schon 2004 eine Geburtenrate von 1,16. Der Kreis Borken stand aber mit 1,66 besser da als heute.

Nun versucht die Politik gegenzusteuern - wie im Bund so auch auf dem Land. Im Fokus ist besonders die Kinderbetreuung. Beim Ausbau der Plätze für unter Dreijährige sieht der parteilose Bürgermeister von Borken, Rolf Lührmann, seine Stadt gut aufgestellt. "Wir haben keine Platzprobleme hier, die gesetzliche Quote schaffen wir." Jetzt geht es um den nächsten Punkt auf der Agenda. "Wir müssen an den Öffnungszeiten arbeiten", erklärt Landrat Kai Zwicker. "Die 45-Stunden-Betreuung, also ganztags, ist stärker gefragt als wir das erwartet haben."

Auch bei den älteren Kindern muss sich was tun. "Vor fünf Jahren gab es zum Beispiel Null Interesse für eine Ganztagsschule - heute sieht das ganz anders aus", so Zwicker. Ursache dafür sei vor allem die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen, auch in ländlich geprägten Gebieten. "Das hat sich fundamental geändert."

Tradition und Kirche

Wirtschaftlich läuft es heute ganz gut im Kreis. Die Arbeitslosigkeit liegt bei nur sechs Prozent. Bochum hat zehn. Es gibt viele erfolgreiche mittelständische Betriebe - "hidden champions", wie der Landrat betont. Früher war die Region für ihre Textilfabriken berühmt. Doch die Branche brach in den siebziger Jahren zusammen und hinterließ zeitweise bis zu 25 Prozent Arbeitslose. Erst nach und nach siedelten sich neue Unternehmen aus vielen Bereichen an.

Heute ist die Stadt Borken sogar schuldenfrei. "Wir können uns neue Spielplätze leisten. Andere Kommunen können kaum die alten instandhalten", freut sich Bürgermeister Lührmann. Und während Bochum seit 20 Jahren stetig Einwohner verliert, konnte der Kreis Borken kräftig zulegen und seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts die 370.000 halten. 1992 lagen beide noch 70.000 Einwohner auseinander.

Es sind aber auch andere Faktoren als Spielplätze, Jugendzentren und Kitas, die dafür sorgen, dass im Kreis Borken bislang mehr Kinder geboren werden als anderswo im Land. "Durch die Kirche haben wir hier einen bestimmten Wertekanon, der womöglich ausgeprägter ist als in anderen Regionen", spekuliert der Bürgermeister. Er nennt den familiären Zusammenhalt und ehrenamtliches Engagement. 43 Prozent der Bürger seien etwa in Sportvereinen aktiv.

Auch Familie Kämper ist nach Borken gezogen, weil Eltern und Geschwister hier leben - nicht nur wegen der vergleichsweise günstigen Grundstücke. "Die ganze Stadt ist viel familiärer als eine Großstadt", sagt Vater Daniel. "Alte Traditionen werden hier gelebt. Die Kirchen sind am Sonntag voll und beim Schützenfest ist die ganze Stadt unterwegs." Er selbst und seine Familie sind da zwar nicht ganz vorn dabei, räumt er ein. Aber ihm gefällt, dass die Stadt von dieser Atmosphäre geprägt ist: Es ist ein bisschen überschaubarer und heiler als anderswo.

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