Regionale Unterschiede beim Babyboom Kinderfeindliche Stadt = weniger Geburten

In Deutschland kommen immer mehr Babys zur Welt - doch es könnten weitaus mehr sein. Wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung meldet, fallen vor allem teure Städte bei den Zahlen stark zurück.

Neugeborene in Halle, Sachsen-Anhalt
DPA

Neugeborene in Halle, Sachsen-Anhalt


Deutschland erlebte zuletzt einen Babyboom, der Geburtenanstieg setzte sich 2016 fort - doch eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt erhebliche regionale Unterschiede.

So haben Frauen der Jahrgänge 1969 bis 1972 in Passau, Kiel, Gera, Würzburg sowie in München, Düsseldorf und Köln bundesweit die wenigsten Kinder geboren - und zwar im Schnitt nur 1,0 bis 1,2 Kinder.

Forschungsdirektor Martin Bujard sagte dazu, Ursachen für niedrige Kinderzahlen in vielen Kommunen seien unter anderem zu wenig bezahlbare Wohnungen, dürftige Betreuungsangebote und kinderfeindliche Wohnquartiere.

Politiker forderten, der Staat müsse gegensteuern. Die familienpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Katrin Werner, sagte: "Ein Kinderwunsch darf nicht am Geldbeutel scheitern." Notwendig seien jetzt eine wirksame Mietpreisbremse und Investitionen in den Wohnungsbau. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katja Dörner, warnt, Kinder dürften "kein Armutsrisiko" sein. Ach sie plädiert für eine "funktionierende Mietpreisbremse" und fordert "eine Kindergrundsicherung".

Geburtenziffer bei 1,59 Kindern je Frau

Am Mittwoch hatte das Statistische Bundesamt von einem Geburtenanstieg 2016 berichtet, der vor allem damit zu erklären sei, dass Frauen im Alter zwischen 30 und 37 Jahren häufiger Kinder bekommen. Außerdem gibt es derzeit mehr potenzielle Mütter in diesem Alter. Zudem beruht der Babyboom noch auf den überdurchschnittlichen Geburtenzahlen von Migranten in Deutschland. Hierzu sagte Forschungsdirektor Bujard, ohne Migranten wäre die Geburtenrate in den Städten noch deutlich niedriger.

Insgesamt lag die Geburtenziffer im vorvergangenen Jahr bei 1,59 Kindern je Frau, dem höchsten Wert seit 1973. 2016 wurden 792.131 Kinder geboren und damit 54.556 Babys oder sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl stieg im fünften Jahr in Folge und erreichte wieder das Niveau von 1996. In den westdeutschen Flächenländern und in den Stadtstaaten stieg die Zahl der Babys durchschnittlich um acht Prozent, in den ostdeutschen Ländern nur um vier Prozent.

Geburten in Deutschland

Jahr geborene Kinder
2011 662.685
2012 673.544
2013 682.069
2014 714.927
2015 737.575
2016 792.131

Quelle: Statistisches Bundesamt

Zu den regionalen Unterschieden sagte BiB-Forscher Bujard, zentral sei die Differenz zwischen Geburten in Stadt und Land. Spitzenreiter bei der Kinderzahl je Gebärender der Jahrgänge 1969 bis 1972 seien die Landkreise Cloppenburg, Günzburg, Mühldorf am Inn, Vechta, Freudenstadt und Eichstätt.

Europaweit liegt Deutschland im Mittelfeld. Im EU-Durchschnitt betrug 2016 die zusammengefasste Geburtenziffer nach Angaben des Europäischen Statistikamts 1,6 Kinder je Frau. Die höchste Geburtenziffer hat Frankreich mit 1,92, die niedrigste Italien und Spanien mit 1,34 Kindern je Frau.

Die Geburtenziffer gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Lauf ihres Lebens bekommen würde, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im jeweiligen Jahr. Die Frage nach der Zahl der Kinder, die Frauen im Laufe ihres Lebens tatsächlich bekommen haben, kann für Jahrgänge erst beantwortet werden, wenn sie das Ende des gebärfähigen Alters erreicht haben. Das wird bei Frauen statistisch mit 49 Jahren angesetzt.

cht/dpa

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Outdated 02.04.2018
1. Das Problem ist schlicht die Konkurrenz:
Kinder haben ist enorm teuer, ein junges Paar in den zwanzigern oder frühen 30ern kann da auf dem Markt nur selten mit den älteren besser verdienenden mithalten, die dann folgerichtig die großen Wohnungen belegen. Also hat man eben weniger Kinder.
Nordstadtbewohner 02.04.2018
2. Für eigene Wünsche auch selbst zahlen
""Ein Kinderwunsch darf nicht am Geldbeutel scheitern." Notwendig seien jetzt eine wirksame Mietpreisbremse und Investitionen in den Wohnungsbau." Ich habe selbst Kinder, denke allerdings, dass jemand, der Kinder haben will, auch selbst dafür zahlen sollte. Kinder werden Deutschland bereits stark subventioniert, wie zum Beispiel über Kindergeld und die kostenfreie Krankenversicherung. Das kostet bereits Milliarden. Die Investitionen in den Wohnungsbau, wie sie im Artikel von einer Linksparteiangehörigen gefordert werden, gehen zu Lasten der Steuer-zahlenden Leistungsträger in Deutschland, die bereits hohe Steuern und Abgaben zahlen. Wer eine gute Wohnung haben will, sollte hier also selbst Hand anlegen und zahlen, statt Steuersubventionen zu fordern. Diese Umsonstmentalität muss endlich aufhören
patkim 02.04.2018
3. Elterngeld....
Probleme gibt es auch an anderer Stelle, meine Frau und ich haben uns sehr spät kennengelernt. Wir haben nun unser erstes Kind mit 37 bekommen. Da meine Frau gut Verdient hat, bekommt sie einen Basis-Kindergeld Anteil von 1200€, auf Elterngeld Plus gerechnet sind das 600€ für ca. 2 Jahre... Nun wollten wir nach einem Jahr noch ein Kind... Doch Elterngeld zählt nicht als Einkommen und es können nur 12 Monate ausgeklammert werden... Ende der Geschichte, statt 1200€ bekommen wir fürs zweite Kind nur 300€ für ein Jahr oder 150€ für zwei Jahre....Weil ja zwei Kinder günstiger sind als eins.... Da ich als Heilerziehungspfleger arbeite und Menschen mit Behinderungen Pflege, verdiene ich nur knapp 2000€ im Monat...trotz insgesamt 5 Jahre Ausbildungen mit Weiterbildungen..... Ergo muss meine Frau erst wieder mindestens ein Jahr arbeiten um ein zweites Kind zu bekommen, dann wären wir beide aber schon 40....
BluemanHH 02.04.2018
4. Es liegt an viel mehr
Ich habe selber zwei Kinder und bin der Auffassung, dass es an noch viel mehr liegt, als nur an der bezahlbaren Wohnung. Es ist schon eklatant, wie in diesem Staat Singles und Paare ohne Kinder bevorzugt, bzw. Famillien benachteiligt werden. Ehegattensplitting statt Splitting bei gemeinsamen Kindern. Die Sicherheit eines Kita-Platzes (Der Rechtsanspruch ist das Papier nicht wert, auf dem es steht). Ferner gibt es noch immer viel zu wenig Hort- und Ganztagsbetreuungsplätze. Weiterhin ist das Thema Rente für Eltern deutlich schwerer zu gestalten. Zum einen ist die staatliche Rente deutlich reduziert, da meist ein Elternteil maximal Teilzeit arbeiten kann und für private Vorsorge sind dann die finanziellen Mittel einfach nicht mehr da. So ist die Frage nach Kindern heute nicht nur eine Frage, ob ich Kinder möchte, nein es wird zur Gesamtexistenzfrage. Und das darf meines Erachtens nicht sein. Eltern tragen mit Abstand am meisten zur Zukunftssicherung des Staates in vielerlei Hinsicht bei, werden aber vielfach nicht berücksichtigt. Und dann sind da noch die ganz profanen Alltagsdinge, die viele ohne Kinder vergessen: Z.B. Urlaub: Familien können nicht wie Kinderlose außerhalb der Hochsaison in den Urlaub fahren, da ist immer die teuerste Feriensaison und dann auch nicht nur für eine oder zwei Personen... Anderes Alltagsthema: Das kranke Kind, da gibt es von der Krankenkasse 10 bezahlte Pflegetage (aber auch kein voller Lohnausgleich, sondern lediglich etwa 90%). Nach Aufbrauch dieser 10 Tage - und das geht sehr schnell - ist es unbezahlter Urlaub! Eine schreiende Ungerechtigkeit. Wieso gibt es so wenig Kita-Plätze, warum ist das Steuerrecht nicht familienfreundlicher, warum wird man bei der Rente bestraft, wenn man aufgrund der Kinder weniger arbeiten konnte? Warum gibt es so wenig bezahlbaren Wohnraum. Warum gibt es kein Wahkrecht, in denen die Eltern eine zusätzliche Stimme für ihre minderjährigen Kinder haben? Warum gibt es nur 10 Pflegetage für ein krankes Kind? Warum fallen unsere Schulen auseinander? Warum gibt es einen Anspruch auf Teilzeit aber keinen auf Rückkehr in Vollzeit. Vestehen sie mich nicht falsch, ich möchte meine Kinder nicht missen. Aber die Benachteiligung durch den Staat macht es uns Familien nicht wirklich einfacher...
mirage122 02.04.2018
5. Renten-Zahler von morgen
Kinder sind diejenigen, die später auch die Rente zahlen von Bürgern, die sich aus finanziellen Gründen gegen Nachwuchs entschieden haben. Darum sollten allerbeste Voraussetzungen geschaffen werden, um hinsichtlich guter Ausbildung und optimalem Lebensumfeld die entsprechenden Strukturen zu schaffen.
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