Geburtenrückgang Flaute an der Wickelfront

Es war zu schön, um wahr zu sein: Kaum gab es das von Familienministerin von der Leyen forcierte Elterngeld, stieg 2007 prompt die Geburtenzahl. Nun setzt Ernüchterung ein. Für 2008 ist die Entwicklung wieder rückläufig. Bevölkerungsforscher überrascht das nicht.

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Hamburg - Es hatte so gut angefangen. Das Elterngeld, eine Erfolgsgeschichte. Zum 1. Januar 2007 eingeführt, verzeichneten die Statistiker bereits nach zwölf Monaten ein Plus: Rund 12.000 Babys wurden in dem Jahr mehr geboren als im Jahr davor. Endlich wieder eine schwarze Zahl nach zehn Jahren im roten Bereich. Und für 2008 schien der Trend anzuhalten. Noch im Februar verkündete Familienministerin Ursula von der Leyen im "Familienreport 2009" einen Anstieg der Geburten im ersten Dreivierteljahr 2008 - und stellte die Entwicklung in Zusammenhang mit ihrer Familienpolitik. Das war wohl etwas voreilig.

Neugeborene: Für 2008 ist ein Defizit zu erwarten
DPA

Neugeborene: Für 2008 ist ein Defizit zu erwarten

Jetzt liegen die ersten Zahlen für die Monate Oktober und November 2008 vor: mehr als elf Prozent im Minus gegenüber dem Vorjahr. Die Angaben des Statistischen Bundesamtes sind zwar noch vorläufig, aber sie lassen dennoch den Schluss zu, dass 2008 in Sachen Geburtenzahlen mit einem Defizit endet. Die Experten für Bevölkerungsentwicklung beim Rostocker Zentrum für Demografischen Wandel drücken das akademisch zurückhaltend aus: "Das ist ein Hinweis darauf, dass wir es nicht mit einer Fortsetzung des positiven Trends zu tun haben", sagt eine Sprecherin.

Aus dem Familienministerium selbst gibt es noch keinen Kommentar. Dort will man abwarten, bis die Jahreszahlen vorliegen.

Ministerin von der Leyen hatte sich mit dem Elterngeld eine Trendwende in der Familienpolitik vorgenommen. Ein Großprojekt. Durchgepaukt im Eiltempo. Nur ein gutes Jahr nach der Regierungsübernahme durch die Große Koalition schon gültig. Seit dem 1.1.2007 erhalten nun Mütter oder Väter maximal 14 Monate lang bis zu 67 Prozent ihres bisherigen Gehaltes. Der Grundgedanke: Ein Kinderwunsch sollte nicht an materiellen Problemen scheitern.

Völlig richtig finden auch Familienpolitiker aus der Opposition das Elterngeld. Aber nur als ersten Schritt. "Elterngeld ist die Brücke dahin, dass anschließend auch die Betreuung gewährleistet ist", sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Krista Sager. Zwar hat die Große Koalition einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem ersten Geburtstag von 2013 an beschlossen. Aber den Grünen geht das nicht weit genug. Denn - so Sager - eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei nach wie vor nicht gegeben. "Wir müssen vor allem in Richtung Ganztagesbetreuung in den Schulen gehen - und das wird nicht billig." Nur dann hätten Mütter eine echte Chance auf mehr als die häufig karrierehemmende Teilzeitarbeit.

Aber selbst wenn eines Tages die Kinderbetreuung perfekt geregelt sein sollte, sieht Sager keine Chance mehr auf einen reichen Kindersegen in Deutschland. "Der Anteil der jungen Frauen in der Bevölkerung nimmt ab und deshalb werden wir keinen Babyboom mehr erleben."

Das sehen auch die Rostocker Demografie-Experten so. Auch die jüngsten Frauen der geburtenstarken Jahrgänge bis Mitte der sechziger Jahre bekommen nun langsam aber sicher keine Kinder mehr. Und bei den sehr jungen Müttern unter 20 erhält schon der "Wendeknick" eine Bedeutung - der Einbruch der Geburtenzahlen im Osten nach dem Zusammenbruch der DDR.

Wie groß der Einfluss des Elterngeldes tatsächlich auf die Geburtenrate ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Die Rostocker Wissenschaftler gehen immerhin davon aus, dass es Spuren in der Statistik hinterlässt. Aber mindestens genauso wichtig sind demnach gesellschaftliche oder wirtschaftliche Veränderungen - wie jetzt die Rezession.

Die positiven Geburtenzahlen aus 2007 könnten also ein Einmaleffekt gewesen sein. Beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hält man es für wahrscheinlich, dass manches junge Paar seinen Kinderwunsch bis zum Inkrafttreten des Elterngeldes aufgeschoben hat. Zudem war der Umschwung nicht exorbitant. Der Effekt auf die durchschnittliche Geburtenzahl pro Frau ließ sich nur in der zweiten Stelle hinterm Komma feststellen: Sie stieg von 1,33 auf 1,37.

Mit AP



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