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Gedenken an Pogromnacht: "Wir dürfen nicht schweigen"

Ein Appell für Zivilcourage: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei der zentralen Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9. November 1938 dazu aufgerufen, gegen Rassismus und Antisemitismus vorzugehen. Zugleich wurden in mehreren Städten Synagogen wieder- oder neueröffnet.

Berlin - Überall in Deutschland wurde zum 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 der verfolgten und ermordeten Juden gedacht. Damals hatten Nazis überall im Land Geschäfte und jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt und zerstört, Wohnungen demoliert und Bewohner misshandelt. Rund 30.000 jüdische Männer und Jungen wurden festgenommen und in Konzentrationslager geschickt.

Bundeskanzlerin Merkel in der Synagoge Rykestraße: "Klima der Zivilcourage"
REUTERS

Bundeskanzlerin Merkel in der Synagoge Rykestraße: "Klima der Zivilcourage"

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor Gleichgültigkeit gegenüber Rassismus und Antisemitismus. "Gleichgültigkeit ist der erste Schritt, unverzichtbare Werte aufs Spiel zu setzen", sagte Merkel in der Synagoge Rykestraße: "Wir dürfen nicht schweigen."

Die Kanzlerin wies darauf hin, dass allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 800 antisemitische Straftaten in Deutschland verübt worden seien. Deutschland brauche ein Klima, das Zivilcourage fördere, sagte die Kanzlerin.

Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus dürften in Europa "nie wieder einer Chance haben". Dies gelte auch für den arabischen Raum und andere Teile der Welt, sagte Merkel.

Niemand dürfe schweigen, wenn etwa ein Rabbiner auf offener Straße angegriffen oder ein jüdischer Friedhof geschändet werde. Zur NS-Zeit habe die Mehrheit der Deutschen nicht den Mut zum Protest gegen die Nazi-Barbarei gehabt. Es sei aber ein Irrglaube, sich nicht betroffen zu fühlen, wenn es um das Schicksal des Nachbarn gehe. "Dieser Irrglaube führt uns immer weiter ins Unheil", sagte die Kanzlerin.

Künast: Kritik an Merkel-Rede

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, kritisierte Merkels Auftritt. Die Kanzlerin habe beim Gedenken in der Synagoge Rykestraße eine Rede gehalten, "wie sie liebloser und weniger engagiert" je kaum gehalten worden sei, sagte Künast. Merkel habe "die Chupze gehabt", auf die Programme der Bundesregierung zur Bekämpfung des Rechtsextremismus zu verwiesen, kritisierte Künast.

Dabei habe diese große Koalition seit drei Jahren zahlreiche dieser Programme gestrichen. So sei auch das Aussteigerprogramm Exit für Aussteiger aus der Neonazi-Szene ausgelaufen, sagte Künast. Deshalb werde die nächste Bundestagswahl 2009 auch eine Abstimmung über "die unehrliche Politik dieser Bundesregierung" sein. Die Grünen-Politikerin forderte, die Programme zur Bekämpfung des Rechtsextremismus weiter zu finanzieren.

"Wir waren jedes geliebten Ortes beraubt worden"

Bei der Gedenkveranstaltung in Berlin hatte die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Verwendung von Begriffen wie "Pogromstimmung" im Umgang mit der Finanzkrise scharf kritisiert."Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen." Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hatte in einer Fernsehsendung massive Kritik an hohen Managergehältern mit einer "Pogromstimmung" verglichen.

Knobloch forderte erneut ein Verbot der rechtsextremen NPD. Deren Erstarken bei den brandenburgischen Kommunalwahlen unlängst mache ihr Angst. "Wir müssen den braunen Rattenfängern entgegenarbeiten", sagte Knobloch und warnte vor den "leisen und nicht so leisen Signalen" antidemokratischer Bewegungen in Deutschland.

Die 76-Jährige betonte, der "Wirklichkeit gewordene Alptraum" der Reichspogromnacht sei kein "spontanes Pogrom" gewesen, sondern der vorläufige Höhepunkt einer deutschen Politik der "Diskriminierung und Vertreibung der Juden".

Sie selbst sei damals sechs Jahre alt gewesen, als sie an der Hand ihres Vaters durch ihre Heimatstadt München auf der Flucht vor den Ausschreitungen gehastet sei. "Wir waren jedes bekannten und geliebten Ortes beraubt worden", schilderte Knobloch ihre Erlebnisse.

Die damalige "Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein" seien auch heute noch in ihrem Leben präsent, "als ob es erst gestern geschehen wäre". Die sechs Millionen ermordeten Juden dürften nicht "zu einer Fußnote der Geschichte" werden, mahnte Knobloch.

Die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, sagte im Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, eine Gesellschaft der Bürger mit Zivilcourage könne ein Bollwerk gegen Machtmissbrauch und Willkür errichten.

Erinnern an Pogromnacht in Jad Vaschem

Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich warf Kirchen eine Mitverantwortung für den Terror am 9. November 1938 vor. Nur wenige Pfarrer hätten damals den Mut gehabt, sich gegen das auszusprechen, was geschehen war, sagte Friedrich laut Mitteilung in einer Predigt.

In München wurden seit dem Morgen die Namen aller 4587 in der Nazi-Zeit ermordeten Münchner Juden nicht nur am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge gelesen, sondern an 25 Orten in der ganzen Stadt.

Auch in der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem erinnerten Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen an die Pogromnacht. An der Zeremonie nahmen auch die Botschafter Deutschlands und Israels teil.

In einer Messe in Rom verurteilte Papst Benedikt XVI. die systematische Judenverfolgung im "Dritten Reich" und erklärte, ein solches Grauen dürfe niemals wieder geschehen. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sei der Anstoß der deutschen Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten gewesen, die in der Shoah endete. Bürger müssten sich überall gegen Antisemitismus und Diskriminierung engagieren.

Grundsteinlegung für neue Synagoge in Speyer

In Speyer wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Das Gotteshaus, zu dem auch ein Gemeindezentrum gehören soll, entsteht in der ehemaligen katholischen Kirche St. Guido. Das Gebäude soll nach den Plänen des Frankfurter Architekten Alfred Jacoby zu einer Synagoge umgestaltet und 2010 eingeweiht werden. "Das ist eine Aufforderung an die jüdischen Gemeinden, ihren kulturellen Schatz wiederzuentdecken", der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, Peter Waldmann.

Auch die Jüdische Gemeinde Göttingens hat wieder ein eigenes Gotteshaus. Die Synagoge, ein Neubau, wurde am Sonntag mit einem Gottesdienst vor mehr als 150 Gästen eingeweiht.

Die sanierte Synagoge im sächsischen Görlitz ist am Sonntag als Kultur- und Begegnungszentrum feierlich wiedereröffnet worden. Zu der Gedenkveranstaltung am 70. Jahrestag der Pogromnacht waren alle 230 Plätze besetzt. Die Synagoge hatte als einzige in Sachsen die Pogromnacht am 9. November 1938 mit nur leichten Schäden überstanden, weil die Brandstiftung der Nazis misslungen war.

dpa/AP/ddp

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