Gedenkfeier: Die Mauer lässt die Berliner nicht los

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Die große Show blieb aus. Bei der Gedenkfeier zum Mauerbau gedachten Politiker nüchtern der Opfer der Teilung. Die Berliner zeigten mehr Gefühle: "Wer hier nicht gelebt hat, kann sich's nicht vorstellen."

Berlin: Erinnerung an die Opfer des Mauerbaus Fotos
dapd

Gerade ist der Wagen des Bundespräsidenten an ihm vorbeigerollt, doch Hans-Günter Birlehm hat andere Sorgen. Er zieht seinen Terrier vom Radweg an der Bernauer Straße. "Lebensjefährlich, wie die Radfahrer hier rasen", sagt er. Birlehm, 64 Jahre alt, ist Ur-Berliner. Er wohnt in der Bernauer Straße, früher in den Siebzigern in der Nummer 97 mit direktem Blick auf die Mauer. Jeden Tag: Grenztürme, Stacheldraht, Soldaten. "Och", sagt er heute und zuckt mit den Schultern, "man jewöhnt sich an die Mauer".

Und auch der Trubel vor seiner Haustür scheint ihn zunächst nicht sonderlich zu interessieren. Dann schaut er rüber auf den ehemaligen Todesstreifen. "Na ja, ist schon ein Datum, so fuffzig Jahre." Birlehm blickt auf die Reste der Mauer und sagt: "War ja irjendwie schon dramatisch."

An der Bernauer Straße in Berlin findet am Samstag die zentrale Gedenkveranstaltung zum Mauerbau statt. Die Kanzlerin ist gekommen, Außenminister Westerwelle und natürlich Hans-Dietrich Genscher, einer seiner Vorgänger. Bundespräsident Wulff und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit sprechen. Und viele der Tausenden Berliner, die gekommen sind, überraschen sich selbst ein bisschen, indem sie so offen wie selten über ihr Leben mit der Mauer reden. Es soll ihre Feier sein, nicht die der Politiker oder der Touristen.

Nach der Schweigeminute singen sie leise die Nationalhymne

Wulff spricht in seiner Ansprache vor allem von den Opfern und erinnert an einzelne Schicksale. Doch als sich die Rede zieht, verschwinden nach und nach die Leute von den Balkonen im Wohnhaus gegenüber der Gedenkstätte. Nur im fünften Stock harrt ein Mann aus, die Arme auf ein Kissen gestützt. Eine Frau steht hinter dem Mauerzaun und klatscht bei Wulffs Rede immer wieder heftig, beim Schlussapplaus wendet sie sich zur Seite und fragt ihren Nachbarn: "Wissen Sie, wer der Redner war?"

Die Politiker sind nicht so wichtig an diesem Samstag auf dem ehemaligen Todesstreifen. Die Touristen knipsen, die Angehörigen der Opfer gedenken der Toten. Um zwölf gibt es eine Schweigeminute: Tausende an der Bernauer Straße verstummen, Busse und U-Bahnen unterbrechen ihre Fahrt. Berlin hält still. Danach singen manche leise die Nationalhymne. Es ist ein würdiges, ruhiges Erinnern an das Leid der Teilung.

Es schlendern auch junge Paare und ausländische Touristen über die Bernauer Straße - das typische Publikum hier nahe dem Mauerpark - doch in der Mehrzahl sind heute die alten Berliner: Sie sind gekommen, um der Opfern zu gedenken, aber vor allem geht es darum, die eigene Erinnerung an das Leben mit der Mauer zu erhalten. Wenn Hans-Günter Birlehm über den August 1961 spricht, sagt er: "Auf einmal fehlten in der Schule die Kinder aus dem Osten." Und über seine Jahre im Schatten der Mauer: "Eigentlich waren nicht die Ost-Berliner eingesperrt, sondern West-Berlin."

Thomas Heintz, 46 Jahre alt, wohnt nur 300 Meter von hier, im Brunnenviertel im zum Westen gehörenden Wedding. Das mit der Mauer, sagt Heintz, lässt ihn nicht los. Er trägt seinen Sohn auf den Schultern, ("Guck mal, die Merkel!") und erzählt, dass er alle paar Tage den ehemaligen Todesstreifen überquert. Als die Mauer fiel, "war das der schönste Tag in meinem Leben". Sein älterer Bruder schaut ungläubig. "Doch, war so", sagt Heintz. "Und wer hier nicht mit der Mauer gelebt hat, der kann sich's nicht vorstellen."

Berlins Mauer-Touristen strömen an den Checkpoint Charlie, wo Laiendarsteller US-Soldaten spielen, oder ans Brandenburger Tor, wo Studenten in Sowjetuniform für Fotos posieren. Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, wo lange Mauerstücke erhalten sind und der Todesstreifen erfahrbar ist, ist der Gedenkort, mit dem sich die meisten Berliner identifizieren. "Es ist ein Ort, der einen nicht kalt lässt", sagt Thomas Heintz.

Wowereits Rede fand Heintz "gut, wie immer bei Wowi", Wulffs Ansprache war "viel zu lang". Dass niemand die Grenzen von heute erwähnt hat, ärgert ihn. Hier der arme Wedding, dort das reiche Mitte. An der Bernauer Straße macht heute niemand mehr von Ost nach West rüber. Keine guten Kneipen im Wedding, sagt Heintz.

Ein paar hundert Meter weiter sitzen Barbara und Egbert Steinke. Von den Reden haben sie nichts gehört, aber wichtiger ist ihnen ohnehin, sich selbst zu erinnern. Barbara Steinke sagt: "In Berlin, da zählen solche Daten wie der 13. August." Oder der 17. Juni. Am Tag des Volksaufstandes in der DDR ist sie als kleines Mädchen mit der Großmutter auf dem Rad von Ost nach West geflüchtet. Nichts Besonderes sei das, "jeder in Berlin hat solche Geschichten zu erzählen." Ihr Mann Egbert erzählt, dass es ihm noch heute manchmal eiskalt den Rücken runterlaufe, wenn er mit dem Auto einen ehemaligen Grenzübergang mitten in der Stadt passiere.

Barbara Steinke hat sich am meisten über die Schweigeminute am Mittag gefreut und über den Chor, der gleich danach auf dem ehemaligen Todesstreifen "Die Gedanken sind frei" gesungen hat. "Ziemlich kitschig", sagt sie, "aber wenn es um die Mauer geht, bin ich emotionaler als sonst."

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1. Die Mauer war gut!
wolffm 13.08.2011
Zugegeben, ziemlich provokative Behauptung. Sie soll auch keinesfalls respektlos sein gegenüber den sehr bedauernswerten Opfern. Aber, was wäre ohne Mauer und Grenzzaun passiert? Ich behaupte: Die DDR wäre binnen 10-15 Jahren evaporiert. Das hätte Ihre Existenz in Frage gestellt, und damit die Widervereinigung obsolet gemacht, denn da hätten nur noch Polen und Russen gelebt.
2. Der Mauerfall war gut
caecilia_metella 13.08.2011
Und ich glaube, es ist auch ziemlich selten in der Geschichte, dass eine Regierung nicht mit Gewalt gegen ihr Volk vorging. Was danach kam, war nicht alles gut. Die richtigen Bonzen wechselten einfach ihr Parteibuch.
3. ..auch Hundedreck
eikfier 13.08.2011
Zitat von wolffmZugegeben, ziemlich provokative Behauptung. Sie soll auch keinesfalls respektlos sein gegenüber den sehr bedauernswerten Opfern. Aber, was wäre ohne Mauer und Grenzzaun passiert? Ich behaupte: Die DDR wäre binnen 10-15 Jahren evaporiert. Das hätte Ihre Existenz in Frage gestellt, und damit die Widervereinigung obsolet gemacht, denn da hätten nur noch Polen und Russen gelebt.
...auch Ihre Provokation dient für mich letztlich doch nur dem Zweck, diese widernatürliche Mauer moralisch aufzuwerten, auch ein Haufen Hundedreck hat schließlich irgendwie sein Gutes... Außerdem sachlich unglaubwürdig wie die andere Klo-Parole: "die Mauer hat den Frieden bewahrt", weil a) West-Berlin den Allierten eben keinen scharfen Schuß Pulver mehr wert war, da gab es für Kennedy nach seinem Schweinebucht-Desaster und bei der Kuba-Raketen-Krise in gleicher Einschätzung mit Chrustschew eben Wichtigeres und b)der Osten hat doch später durch den Verkauf des West-S-Bahn-Teiles für Milliarden DM an den Westen gezeigt wie eine leergelaufene DDR zu haben gewesen wäre: für ein paar Milliarden frei konvertierbare harte Valuta mehr an das ebenfalls pleitene Sowjet-Regime, dem ruhmreichen, aber sonst eben sehr armen Vaterlande aller Werktätigen und siegreichen Klassenkämpfer. Der Sozialismus gebärdete sich nämlich geldhungriger als der schlimmste Kapitalismus, heute vielfach verdrängt, fürchte ich...
4. Gab es überhaupt die Mauer?
berliner_wespen 13.08.2011
Zitat von wolffmZugegeben, ziemlich provokative Behauptung. Sie soll auch keinesfalls respektlos sein gegenüber den sehr bedauernswerten Opfern. Aber, was wäre ohne Mauer und Grenzzaun passiert? Ich behaupte: Die DDR wäre binnen 10-15 Jahren evaporiert. Das hätte Ihre Existenz in Frage gestellt, und damit die Widervereinigung obsolet gemacht, denn da hätten nur noch Polen und Russen gelebt.
Wenn Sie richtig provozieren wollen und es nicht um die Wahrheit geht, dann leugnen Sie doch einfach gleich, daß es eine Mauer gab. Vgl. "Der Mauerschwindel" unter http://www.spassverderber.de/Artikel/August%202011/20110807%20Mauerschwindel.html
5. Man kann diese blöde Heuchelei nicht länger ertragen
Roßtäuscher 13.08.2011
Zitat von sysopDie große Show blieb aus. Bei der Gedenkfeier zum Mauerbau gedachten*Politiker nüchtern der Opfer der Teilung. Die Berliner*zeigten mehr Gefühle: "Wer hier nicht gelebt hat, kann sich's nicht vorstellen". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780104,00.html
Wo sind die Verurteilungen der Verbrecher aus dem SED-Regime allein für die angeblich 31 Toten an der Mauer. Vielleicht waren es noch mehr. Wo sind die Verurteilungen der Verbrecher, die Tausende ihrer Freiheit beraubten und in Bautzen und sonstwo festsetzten. Was ist mit dem Kindesraub, etc. etc. etc.... Der Endeffekt ist, sobald man diesen sozialistischen Dialekt der Ostzone hört, assoziiert man es mit dem Verbrecher-Staat. Jeder kann ein Täter sein, genau so gut auch ein Betroffener.
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