Holocaust-Gedenkstunde "Unfassbare Menschenverachtung, millionenfacher Mord"

Der Bundestag hat der Opfer des Holocaust gedacht. Der Schauspieler Sebastian Urbanski zitierte in einem bewegenden Vortrag den Brief eines im Jahr 1945 Ermordeten. Diesmal wurde vor allem an die Opfer der NS-Euthanasieprogramms erinnert.

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Der Bundestag hat in einer Gedenkstunde an die Millionen Opfer des Nazi-Regimes erinnert. "Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber Lebensunwerten, die im sogenannten Euthanasie-Programm ermordet wurden", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert. "300.000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält."

An der Gedenkstunde des Parlaments nahm auch Bundespräsident Joachim Gauck teil. Seit 1996 wird auf Anregung des damaligen Staatsoberhaupts Roman Herzog am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, in Deutschland der NS-Opfer gedacht. 2005 riefen die Vereinten Nationen diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus.

"Zwischen Euthanasie und dem Völkermord an den europäischen Juden bestand ein enger Zusammenhang", sagte Lammert. "Als 'Probelauf zum Holocaust' gilt das Töten durch Gas, das zuerst bei den "Euthanasie"-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde."

Der Bundestagspräsident erinnerte auch an die sogenannte Wannsee-Konferenz der Nazis: "Es ist heute fast auf den Tag genau 75 Jahre her, dass 15 hochrangige Vertreter des Nazi-Regimes in einer Berliner Villa im Westen der Hauptstadt zusammenkamen, um mit unfassbarer Menschenverachtung den millionenfachen Mord an den europäischen Juden möglichst effizient zu organisieren, der damals längst beschlossen war und auch seit Langem begonnen hatte."

Die Vorbereitungen begannen schon 1933, als die NS-Diktatur das "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" erließ. Es erlaubte brutale Eingriffe in die Würde von behinderten Menschen. "In Dutzenden sogenannter Heil- und Pflegeanstalten mordete das medizinische Personal", sagte Lammert weiter. Aufbegehren gegen die systematische Tötung vermeintlich "lebensunwerten" Lebens habe es wenig gegeben.

Auch "eine Aufarbeitung fand lange Zeit nicht statt", so der Bundestagspräsident. Erst 2007 habe der Bundestag das Zwangssterilisationsgesetz des NS-Regimes geächtet und erst vor kurzem sei dem Gedenken an die NS-Krankenmorde ein angemessener Rahmen verliehen worden: mit dem 2014 eröffneten "Gedenk- und Informationsort" am Schauplatz der früheren "Zentraldienststelle" - der Planungszentrale für die sogenannten Euthanasie-Morde - in Berlin-Tiergarten.

Nach Lammerts Rede las der Schauspieler Sebastian Urbanski vom Berliner Rambazamba-Theater den Brief eines Opfers der Nationalsozialisten vor. In seinem Brief aus dem Jahr 1943 beschreibt Ernst Putzki die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster: "Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist." Putzki wurde 1945 von den Nazis ermordet.

Urbanski, der das Down-Syndrom hat, spielt beim Berliner Rambazamba-Theater. Auch Menschen mit dieser Genmutation waren von den Nationalsozialisten als "lebensunwert" eingestuft worden. Gedenkreden hielten zudem Verwandte von zwei weiteren "Euthanasie"-Opfern.

Angehörige machten sich auf Suche nach Opfern

Der Neffe des "Euthanasie"-Opfers Benjamin Traub, Hartmut Traub, sagte, Erinnern sei mehr als bloßes Zur-Kenntnis-Nehmen. "Erinnern - so sagt es das Wort - geht uns innerlich an. Es betrifft uns." Manches Erinnern erfordere Mut und Beharrlichkeit. "Manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt."

Mit Sigrid Falkenstein sprach eine weitere Angehörige eines Opfers. 2003 hatte sie per Zufall im Internet den Namen ihrer Tante Anna Lehnkering auf einer Liste von Opfern der NS-Euthanasie gefunden. "Bis 2003 sprach niemand in unserer Familie über Anna. Die Sprachlosigkeit hatte vermutlich viel mit Scham zu tun", schilderte sie die Spurensuche in ihrer Familiengeschichte. 2009 wurde mit Einverständnis ihres fast 90-jährigen Vaters für ihre Tante ein Stolperstein verlegt. Am Tag der Stolpersteinverlegung habe er erstmalig bekannt: "Ich hatte eine Schwester, die geistig behindert war." Er sei wenige Wochen danach verstorben. "Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit für ihn nicht nur belastend, sondern ein Stück weit befreiend war", so Sigrid Falkenstein.

Sie erzähle die Geschichte ihrer Tante, weil sie "uns Orientierung geben kann bei der Gestaltung einer Gesellschaft, die Respekt hat vor dem menschlichen Leben in all seiner Verschiedenheit und Unvollkommenheit". Falkenstein schloss mit den Worten von Max Mannheimer, einem Überlebenden des Holocaust: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Am Ende dankten Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundespräsident Joachim Gauck, die amtierende Präsidentin des Bundesrats, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, den Rednern und Musikern für ihre Beiträge.

cte/sev/dpa/AFP

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