Gedenkstunde im Bundestag Reich-Ranicki erinnert an Gräueltaten der Nazis

Es war eine Rede gegen das Vergessen: Am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor dem Bundestag gesprochen. Als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der 91-Jährige von seinen eigenen Erfahrungen mit den Untaten des NS-Regimes.


Berlin - Auf dem Weg in den Saal musste Marcel Reich-Ranicki von Bundestagspräsident Norbert Lammert gestützt werden - doch am Rednerpult zeigte der 91-Jährige, dass er kaum etwas von seiner Wortgewalt verloren hat. In einer Rede im Bundestag hat der Literaturkritiker zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz an die Untaten des Nazi-Regimes und das Leid der Gefangenen erinnert.

Nicht als Historiker, sondern als Zeitzeuge trete er vor den Bundestag, so Reich-Ranicki in seiner Eröffnung. Er habe in Warschau Erschießungen und Verhaftungen mitansehen müssen. Detailliert berichtete er in der Folge aus seinen Erinnerungen an Umsiedlung, Vertreibung und Verfolgung der Warschauer Juden - und vom Todesurteil der Nazis über die größte jüdische Stadt Europas. Reich-Ranicki schloss seine Rede mit den Worten: "Die Aussiedlung aus Warschau hatte nur einen Zweck - nur ein Ziel: den Tod."

Der Publizist hat in seiner Jugend direkte Erfahrungen mit den Gräuel des "Dritten Reichs" gemacht. Reich-Ranicki wuchs in einer jüdischen Familie auf und überlebte die Gefangenschaft im Warschauer Ghetto. Viele seiner Angehörigen kamen jedoch im Nazi-Terror ums Leben.

Lammert nannte Reich-Ranickis Schicksal in seinen Begrüßungsworten "symbolisch für die Erfahrungen von Millionen von Menschen". Die Erinnerung an die Opfer nannte er einen "immerwährenden Auftrag". Die Deutschen müssten sich mutig und engagiert gegen jegliche Form von Rechtsextremismus zu stellen. Der Holocaust ermahne dazu, dass alle Menschen frei und ohne Angst leben müssten.

An der Gedenkstunde nehmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der amtierende Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) teil.

Weltweit wird am Holocaust-Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit worden. Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord und die Millionen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Seit 1996 erinnert auch der Bundestag jährlich in einer Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers.

Graumann sieht positives Signal in Gedenken

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat das Gedenken der Deutschen an die Opfer der NS-Zeit gewürdigt. Mit Blick auf die Feierstunde zur Auschwitz-Befreiung sprach Graumann von einem wichtigen Signal, das im Ausland und gerade in Israel positiv aufgenommen werde. Der selbst in der NS-Zeit verfolgte Reich-Ranicki sei genau der richtige Redner für die Veranstaltung im Parlament.

Graumann nannte es wichtig, dass es ein solch regelmäßiges Gedenken an die Nazi-Opfer gibt. Es sei ein Anlass zurückzublicken und darüber nachzudenken, welche Lehren gezogen werden müssten. Nicht zuletzt die Mordserie der rechtsextremistischen Zwickauer Zelle zeige, dass das Thema Rassismus noch immer aktuell sei.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, sagte vor der Veranstaltung im Bundestag, der Gedenktag sei vor allem für die Nachkommen gedacht. Nicht die Opfer des Holocaust brauchten einen solchen Tag, sondern diejenigen, die dieses Leid nicht durchmachen mussten, so Kramer im Radiosender NDR Info. "Dabei müssen wir sicherstellen, dass dieses Gedenken nicht zu einem kalten Ritual verkümmert, sondern die Herzen der Menschen und der zukünftigen Generationen erreicht."

Umfrage entlarvt Unwissen über Auschwitz

Welche Wissenslücken sich bei vielen Deutschen mit Blick auf die eigene Vergangenheit auftun, zeigt eine Umfrage, die der "Stern" am Mittwoch veröffentlicht hat. Demnach wussten 21 Prozent der unter 30-Jährigen nicht, dass der Name Auschwitz für ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten steht.

Fast die Hälfte (43 Prozent) der Deutschen hat der Umfrage zufolge noch nie eine KZ-Gedenkstätte besucht. 56 Prozent der Befragten sind allerdings dagegen, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. 1994 war die Mehrheit noch dafür.

jok/dpa



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Seite 1
jan50 27.01.2012
1. Was war das für ein NS-Regime ?
Zitat von sysopEs war eine Rede gegen das Vergessen: Am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor dem Bundestag gesprochen. Als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der 91-Jährige von seinen eigenen Erfahrungen mit den Untaten des NS-Regimes. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811722,00.html
----------------------------------- Was war das für ein NS-Regime – die Polen haben kein NS-Regime errichtet. Die Deutschen haben ein gewähltes NS-Regime gehabt, Polen überfallen und eine Schreckensherrschaft und Besatzung mit Massenmord eingerichtet.
slider 27.01.2012
2. Die "Deutschen" sind eine undankbare Bande
Die "Deutschen" wissen garnicht was sie für ein Glück hatten, dass die Opfer - wie Reich-Ranicki - der NS-Zeit ihnen wieder die Hand gereicht haben. Freund wurden und soweit es ging "vergeben" haben. Die "Deutschen" vergessen einfach die KZs. Die "Deutschen" "vergessen" ihren Kindern von der Zeit zu erzählen und davor zu warnen. Die "Deutschen" erfinden schreckliche Wörter wie "Dönermorde", obwohl Neonazis die Verbrecher waren. Die "Deutschen" sind Meister in Lippenbekenntnissen. Die "Deutschen" schachern bei Entschädigungen wie bei den Zwangsarbeitern. Schämt euch "Deutsche".
heiko1977 27.01.2012
3.
Zitat von sysopEs war eine Rede gegen das Vergessen: Am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor dem Bundestag gesprochen. Als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der 91-Jährige von seinen eigenen Erfahrungen mit den Untaten des NS-Regimes. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811722,00.html
Hoffentlich wäscht er der deutschen Politik und Gesellschaft ordentlich den Kopf. Nötig wäre es.
derandersdenkende 27.01.2012
4. Traurige Angelegenheit
Zitat von sysopEs war eine Rede gegen das Vergessen: Am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor dem Bundestag gesprochen. Als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der 91-Jährige von seinen eigenen Erfahrungen mit den Untaten des NS-Regimes. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811722,00.html
Es ist ausschließlich der langen Zeitspanne zu verdanken, daß ihm bei der Gedenkfeier nicht mehr die Peiniger von damals gegenübersaßen. Wir haben die Nazivergangenheit ausgesessen, aber noch lange nicht bewältigt. Wir versuchen nach außen zu glänzen, aber vermodern innerlich, schrieb einer in einem anderen Forum. Dieser Meinung schließe ich mich an.
harry_buttle 27.01.2012
5.
Aus dem Artikel: ---Zitat--- Die Erinnerung an die Opfer nannte er einen "immerwährenden Auftrag". Die Deutschen müssten sich mutig und engagiert gegen jegliche Form von Rechtsextremismus zu stellen. Der Holocaust ermahne dazu, dass alle Menschen frei und ohne Angst leben müssten. ---Zitatende--- Das ist falsch. Es geht nicht nur gegen jegliche Form des Rechtsextrimismus, es muss gehen gegen jegliche Art von menschenunwürdigen und menschenverachtenden Handlungen. Die Leute sollten mal aus ihrem Elfenbeinturm heraus kommen. Auch wenn die Tötungsmaschinerie der Nazis aufs perfideste perfektioniert war, so gab und gibt es (auch aktuell) weitere Geschehnisse die anzuprangern sind. Nur die Nazis und den Rechtsextremismus im Fokus zu haben ist nicht ausreichend.
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