Gedenkveranstaltung für NSU-Opfer: Die drei Wünsche des Ismail Yozgat

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In Berlin gedachte die Republik der Opfer der rechtsextremen NSU. Der bewegendste Moment war der Auftritt von Ismail Yozgat, der seinen Sohn durch die Neonazi-Killer verlor. Er fand eindringliche Worte für ein Land, das lernen muss, mit den Folgen des rechten Terrors umzugehen.

DPA

Berlin - Ismail Yozgat sitzt ganz vorne, neben der Bundeskanzlerin. Als die Angehörigen der Opfer zu Wort kommen, geht er als erster die Treppen hinauf zum Rednerpult, begleitet von einer Dolmetscherin. Yozgats Sohn Halit wurde am 6. April 2006 in Kassel getötet, mutmaßlich von einem der Täter der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle. "Mein Sohn starb in meinen Armen. In dem Internetcafé, in dem er erschossen wurde", sagt der Mann mit dem grauen Schnurrbart.

Es ist der bewegendste Moment einer bewegenden Veranstaltung, mit der Deutschland - vertreten durch Bundesregierung, Bundesrat, Bundestag und Bundesverfassungsgericht - jener Menschen gedenkt, die Opfer neonazistischer Angriffe wurden. Und dieser einfache Mann findet die passenden Worte.

Yozgat trägt drei Wünsche vor: Er hoffe, dass die Mörder, ihre Hintermänner und ihre Helfershelfer gefasst und verurteilt würden. "Unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß", sagt er. Statt der materiellen Hilfe, die den Angehörigen angeboten wird, bittet er darum, die Holländische Straße in Kassel nach seinem Sohn zu benennen. Dort sei er geboren, dort sei er gestorben. Und drittens regt er im Gedenken an die zehn Getöteten die Gründung einer Stiftung an, die krebskranken Menschen hilft.

Yozgat dankt außerdem einem Politiker, der an diesem nasskalten Donnerstag in Berlin fehlt: Christian Wulff. Eigentlich hätte der Bundespräsident reden sollen, nach seinem Rücktritt vergangene Woche hat die Kanzlerin diese Aufgabe übernommen. Wulff hatte in einer Rede vergangenes Jahr den Satz geprägt, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre. Und Wulff hatte diese Feier, in Absprache mit den Angehörigen, organisieren lassen.

Ismail Yozgat sagt: "Wir sind seine Gäste, wir bewundern ihn."

Als er vom Rednerpult zurücktritt, gibt es zum ersten Mal an diesem Vormittag Applaus im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Yozgat verneigt sich kurz und setzt sich wieder neben Angela Merkel.

Die Kanzlerin bittet um Verzeihung

Merkel, im schwarzen Hosenanzug, hält eine eindringliche Rede. Sie beginnt mit dem Verlesen der Namen der Opfer, spricht von ihren Familien, ihren Hoffnungen. Und Merkel erinnert auch an die Pannen der Ermittler, an die Versuche, die Taten im Drogen- und Mafiamilieu zu verorten. "Diese Jahre müssen für Sie, liebe Angehörige, ein nicht enden wollender Alptraum gewesen sein."

Niemand könne den Zorn und die Zweifel ungeschehen machen, aber: "Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer, wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen." Die Morde seien auch ein Anschlag auf das ganze Land gewesen: "Sie sind eine Schande für unser Land." Es ist eine Rede, in der Merkel an rasch dahingesagte Sätze erinnert, die den Beginn der Ausgrenzung markieren können. "Gleichgültigkeit hat eine schleichende verheerende Wirkung", so Merkel, "sie treibt Risse in unsere Gesellschaft." Und sie bittet um Verzeihung für die Leiden, die die Angehörigen erdulden mussten, und sie fragt sich, woher der Hass der Täter kommt.

Zu Beginn der Veranstaltung stellen zwölf Schülerinnen und Schüler zwölf brennende Kerzen auf einem Tisch ab, zu den Klängen des Orchesters der Universität der Künste, das ein Stück von Johann Sebastian Bach spielt. Zehn Kerzen stehen für jene neun Männer und eine Polizistin, die die Neonazi-Zelle zwischen 2000 und 2007 getötet haben soll. Eine weitere Kerze symbolisch für alle Opfer, die von Rechtsextremisten in der Republik angegriffen und getötet wurden, die zwölfte soll Zuversicht und gemeinsame Zukunft symbolisieren.

Die Schauspieler Iris Berben und Erol Sander sprechen vier Gedichte, das Orchester spielt ein Stück des modernen türkischen Komponisten Cemal Resit Rey, schließlich begleiten der deutsch-türkische Musiker Mousse T. am Piano und eine schwarze Sängerin das Orchester, das ein von Mousse T. zusammengestelltes Medley aus "Fragile" von Sting und "Imagine" von John Lennon vorträgt.

Es sind die Angehörigen der Opfer, die an diesem Tag im Zentrum stehen und den Abschluss des offiziellen Teils bilden. Nach Ismail Yozgat tritt Semiya Simsek auf, die 14 Jahre alt war, als ihr Vater am 9. September 2000 niedergeschossen wurde und zwei Tage später im Krankenhaus starb. Wie die Polizei sie und ihre Familie verdächtigte, das schildert sie in Umrissen; die Angehörigen im Saal wüssten, was das bedeute. "Mein Vater wurde von Neonazis ermordet - soll mich das nun beruhigen?" Das Gegenteil sei der Fall. "Ich trauere um meinen Vater und frage mich gleichzeitig, ob ich hier noch zu Hause bin."

Doch weichen wolle sie nicht. "Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert. Gemeinsam, zusammen, nur das kann die Lösung sein", ruft sie in den Saal hinein. Schließlich trägt Gamze Kubasik, deren Vater ebenfalls erschossen wurde, das berühmte Gedicht des Schriftstellers Nazim Hikmet vor: "Leben wie ein Baum, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht".

Gauck wird von türkischen Frauen umringt

Wulffs designierter Nachfolger im Amt, Joachim Gauck, ist ebenfalls ins Konzerthaus gekommen. Als er den Saal betritt, bedrängen ihn die Fotografen. Er sitzt ebenfalls in der ersten Reihe, gleich neben dem Angehörigen eines der Opfer. Als er Iris Berben und Erol Sander begrüßt hat, geht er die Reihe entlang und gibt jedem die Hand. Draußen, nach dem Ende der Gedenkveranstaltung, begrüßt ihn Horst Seehofer, der als amtierender Präsident des Bundesrats die Befugnisse des Bundespräsidenten kommissarisch übernommenen hat. Gauck wirkt etwas unsicher, sagt dann zu Seehofer: "Herr Bundespräsident." Seehofer lädt ihn ein, Gauck zeigt auf seinen Vertrauten David Gill, der sein Staatssekretär im Bundespräsidialamt werden soll und antwortet: "Wir kommen gerne vorbei."

Gauck ist von Migrantenverbänden kritisiert worden, weil er einst Thilo Sarazzin "Mut" bescheinigt hat, obwohl er sich von dessen umstrittenen Thesen zur Integration klar distanzierte. An diesem Tag aber scheint das vergessen. Drei selbstbewusste türkische Frauen nehmen ihn in die Mitte und lassen ein gemeinsames Foto machen. "Mit schönen Menschen lasse ich mich gerne fotografieren", schmeichelt Gauck den drei Frauen, die ihn umarmen.

Gauck ist auf gewisse Weise schon Bundespräsident, obwohl seine Wahl doch erst am 18. März ansteht. Als draußen die Glocken Punkt zwölf Uhr zum stillen Gedenken an die Opfer mahnen, ist er gerade im Gespräch mit einem türkischen Journalisten. Gauck fasst ihn an den Arm, bittet um Ruhe, dann schweigen sie für eine Minute. Oben, auf dem französischen Dom, erklingt ein Glockenspiel.

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