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Gefängnisstrafe: Strauß' Sturzflug

Von und Dominik Baur

Der Steilflug nach oben wurde zum Sturzflug. Max Strauß ist ganz unten angelangt. Seine Anwaltslizenz hat er verloren, die Parteiämter ruhen, eine Geldstrafe von 300.000 Euro konnte er nur mit Hilfe von Freunden aufbringen. Jetzt soll der Sprössling des früheren Landesfürsten ins Gefängnis. Die Opposition in Bayern jubelt.

Max Strauß bei der Urteilsverkündung
DDP

Max Strauß bei der Urteilsverkündung

Augsburg - Donnerstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, ein trister Sommertag in Augsburg, immer wieder Nieselregen. Max Strauß, dunkelblaues Sakko, rote Krawatte, versucht das Gerichtsgebäude zu stürmen. Er läuft weit vor seinem Verteidiger Wolfgang Dingfelder, bleibt schon wieder in der gemächlichen Drehtür stecken, weil ihn Kameraleute umzingeln. Dann rennt der Beschuldigte im Laufschritt in den Flur, eine Hand noch lässig in der Hosentasche, versucht in der nächsten Tür zu entwischen. "Stopp", ruft ein Reporter, "da ist das Damenklo!" Strauß schreckt nach hinten, nimmt die nächste Tür, das Zeugenzimmer, und bringt sich in Sicherheit.

Wenig erinnert an dem Tag der Urteilsverkündung an den behäbigen Angeklagten, der vor einem halben Jahr wie ein sedierter Riese mit ausdrucklosen Augen von seinem Anwalt zum Prozess gelotst wurde, immer am Ellbogen gehalten, wie ein Blinder, der droht gegen die Wand zu taumeln.

Strauß ist munter, fast schon wieder forsch. Doch sagen will er noch immer nichts, als er kurz vor 10 Uhr um das letzte Wort gebeten wird, nuschelt er irgendetwas von "Verteidiger" und schweigt. Ein Schweigen, das nicht neu ist bei ihm und ihm letzten Endes zum Verhängnis wird.

Der Vorwurf ist schwerwiegend: Rund 2,65 Millionen Euro hat Strauß nach Überzeugung des Gerichts von dem Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber erhalten - auf ein Schweizer Nummernkonto mit dem wenig originellen Namen "Maxwell". Provisionen waren es für Panzer- und Airbusgeschäfte. Schreiber, ein guter Freund der Familie Strauß, benutzte den Namen gern als Türöffner bei seinen Geschäften.

"Frech, dreist, kriminell"

In die Schweiz sei das Geld überwiesen worden, "weil die Herren raffgierig Steuern hinterziehen wollten", schimpft heute der sonst so gut gelaunte und um Strauß immer sehr bemühte Vorsitzende Richter Maximilian Hofmeister. "Das war frech, das war dreist und beharrlich kriminell."

Hofmeister kommt in Fahrt. Immer wieder schlägt er während der Urteilsbegründung mit der flachen Hand auf den Tisch. Der Richtet lastet es dem Beschuldigten außerdem an, dass er nicht gestanden, ja eine einmalige Chance ausgeschlagen habe. Er habe, sagt der Richter, den Verteidigern eine Bewährungsstrafe angeboten, wenn Strauß auspacke. Doch der "Point of no Return" sei mit der Aussage des Steuerfahnders Winfried Kindler erreicht gewesen und das hätten auch die Anwälte gewusst, nur deshalb nämlich habe man die Vernehmung Kindlers so weit an das Ende des Prozesses gelegt.

Das Urteil ist entsprechend hart. Es bleibt nur knapp unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die dreieinhalb Jahre Haft gefordert hat. Für drei Jahre und drei Monate muss Strauß jetzt ins Gefängnis. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert - mangels Beweise. In der Tat blieb das Verfahren ein Indizienprozess, aber Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft hätten in den 28 Verhandlungstagen "wenige, aber klar überzeugende Indizien und Zeugen" aufgeboten.

"Geteert, gefedert, abgeschlachtet"

Strauß hört das Urteil regungslos an, er steht den Rücken leicht nach hinten gebogen, die Hände links und rechts an sein Sakko-Revier geheftet, als müsse er sich daran klammern, um nicht umzufallen. Sein Gesicht ist blass, erst später wird es rot und fleckig, als Hofmeister persönliche Worte an den Verurteilten richtet. "Dieses Verfahren", sagt Hofmeister, "hätte Ihnen Gelegenheit gegeben, Ordnung in Ihr Leben zu bringen. Sie hätten die Schatten der Vergangenheit abstreifen können." Dass Max Strauß Sohn eines berühmten Vaters ist, sei nicht strafmildernd zu werten. "Jeder ist selbst für sein Tun verantwortlich." Für das Gericht stehe fest: "Max Strauß ist Maxwell."

Die Verteidiger überzeugt das Urteil freilich nicht. Strauß habe kein Geld bekommen. Sie sind empört, Anwalt Dingfelder holt zu drastischen Metaphern aus: "Herr Strauß ist acht Jahre lang geteert und gefedert worden - jetzt wurde er abgeschlachtet."

Auch die bayerische Kultusministerin und Strauß-Tochter Monika Hohlmeier stellt sich vor ihren Bruder. Max sei unschuldig. Konto-Unterlagen hätten gezeigt, dass ihr Bruder keinen Cent erhalten habe. "Deshalb", führt die Politikerin nach dem Schuldspruch aus, "halte ich das Urteil, das selbst unter Juristen höchst umstritten sein wird, für rechtlich und menschlich nicht akzeptabel."

300.000 Euro in einer Jutetasche

Es sei kein politischer Prozess gewesen, betont Hofmeister in der Urteilsbegründung. Doch während Edmund Stoiber jeglichen Kommentar ablehnt - als Ministerpräsident sage er nichts zu Gerichtsurteilen - herrscht bei der bayerischen Opposition Jubelstimmung. Fast so, als gelte es, mit dem verhassten Franz Josef Gott-hab-ihn-selig persönlich abzurechnen. Oppositionsführer Franz Maget, bei der Landtagswahl im vergangenen Herbst kläglich gescheitert, fordert umgehend, jetzt "das gesamte mafiöse Netzwerk" um den ehemaligen Ministerpräsidenten und Schreiber aufzuklären. Und Theresa Schoper, Landeschefin der Grünen, sieht in Strauß' Gang ins Gefängnis sogar einen "Gewinn für die politische Kultur in Deutschland".

Für den dürfte es zunächst einmal der letzte in einer Serie von Tiefschlägen sein. Seine Zulassung als Anwalt musste Strauß längst zurückgeben, aus der Münchner CSU hat er sich zurückgezogen. Seit einem Jahr ist er in psychiatrischer Behandlung.

Vor wenigen Monaten verlor er auch noch einen anderen Prozess. Wegen Beihilfe zum millionenschweren Anlagebetrug der Wabag-Gruppe wurde er zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt. Die zahlbaren 300.000 Euro brachte Verteidiger Dingfelder gestern eigenhändig zur Justizkasse. In bar - aber nicht, wie er auf Nachfrage des Richters heute sagt, in einem schwarzen Koffer, sondern in einer Jutetasche. Das Geld konnte der angeschlagene Strauß-Sohn selbst schon nicht mehr aufbringen, es stammt laut Dingfelder aus einer Sammlung unter Freunden.

Heute muss Strauß froh sein, dass er nicht gleich in Handschellen aus dem Gerichtssaal geführt wird. Nachdem der penible Hofmeister zwei Stunden lang seinen Urteilsspruch begründet hat, verkündet er einen Haftbefehl gegen Strauß. Einen Haftbefehl, der wegen Fluchtgefahr erlassen wird (Strauß hat erhebliches Vermögen vor allem in Kanada, wo auch Schreiber bislang einer Strafverfolgung entgangen ist). Gegen strenge Auflagen wird der Haftbefehl dann aber außer Vollzug gesetzt, nachdem die Verteidigung bereits vorher Revision beim BGH angekündigt hat. So muss Strauß alle seine Pässe abliefern, jede Auslandsreise vom Gericht genehmigen lassen und sich jeden Montag bei der Polizeiwache 23 in München-Giesing melden. Bis der BGH über das Urteil entscheidet, werden mindestens eineinhalb Jahre vergehen.

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