Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gegnerbeobachtung: Kalter Krieg um Wahlkampfspots

Von

Einen Tag vor der Präsentation des CDU-TV-Spots wartete bereits die SPD mit einem Kurzfilm über Angela Merkel auf. Darin wird ein Motiv des CDU-Werbefilms aufgegriffen und parodiert - nun rätselt die Union, wer die Information weiter gab.

" Kandidatin stoppt die Kugel: Einen Wink bekommen

" Kandidatin stoppt die Kugel: Einen Wink bekommen

Berlin - Überraschung im Berliner Sony Center: Als die CDU heute ihren offiziellen TV-Wahlkampf-Spot vorstellte, rollte als Hauptmotiv eine Kugel über die Leinwand - und die kam den geladenen Journalisten sehr bekannt vor.

Am Donnerstag hatte ihnen nämlich die SPD einen ganz ähnlichen Spot vorgeführt. Und als der CDU-Film im Saal 5 des Kinos "Cinestar" am Potsdamer Platz heute zu Ende ging, stand endgültig fest: die Kanzlerpartei war offenbar genau im Bilde gewesen, was die CDU im Schilde führte.

Seitdem sucht man in der CDU das Leck. Gibt es einen Doppelagenten in der Union oder bei den Werbern, der die SPD mit wichtigen Insider-Informationen im Wahlkampf versorgt?

Bereits am Donnerstag hatte SPD-Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel ausgeplaudert, dass man Kenntnis vom Inhalt des offiziellen CDU-Werbespots erhalten hatte. Die CDU-Präsentation bewies heute: Der Sozialdemokrat hatte nicht zu viel versprochen.

Unter dem Titel "Die Kugel" ist im CDU-TV-Spot zunächst eine männliche Hand zu sehen - ganz offensichtlich die des Kanzlers. In einem düsteren Raum, einem Bunker ähnelnd, mit dem Rücken zum Kabinettstisch stehend, rollt er die Kugel ab. Auf ihrem Weg wirbelt sie Papiere auf, stößt einen Becher mit Stiften um, prallt gegen ein Aufnahmegerät, räumt ein Wasserglas aus dem Weg und wird schließlich, bevor sie zu Boden fällt, von einer weiblichen Hand aufgehalten. Schnitt: Dann taucht Angela Merkel auf.

Der Lauf der Kugel ist untermalt mit einer tiefen Männerstimme, die eine "erschreckende Bilanz" der sieben Jahre unter Rot-Grün zieht: Geringstes Wachstum in Europa, Arbeitslosigkeit, Tausend vernichtete Arbeitsplätze pro Tag, jede Stunde sechs Millionen Euro neue Schulden. "Die Menschen sehnen sich nach Perspektive", heißt es. Dann taucht Merkel auf und wirbt für Vertrauen. Und: "Das ist keine Wahl wie jede andere - es steht viel auf dem Spiel."

Im 30-Sekunden-Film der SPD - ebenfalls unter dem Titel "Die Kugel" - ist von der Schulter abwärts bis zur Taille eine Frau zu sehen - im aprikotfarbenen Kostüm. Auch ohne Gesicht ist klar: das soll die Kandidatin sein. In den Händen spielt die Film-Merkel mit einer Kugel, die ihr von einem Tisch zugerollt kam. Aus dem Off heißt es dazu: "Frau Merkel will eigentlich keine deutschen Soldaten im Irak, aber vor zwei Jahren wollte sie noch militärische Mittel einsetzen". So geht es dann weiter, über die Mehrwertsteuer, Pendlerpauschale hin zum Höhepunkt, dem Brutto-Netto-Patzer. Die SPD präsentiert die Christdemokratin als Flip-Flop-Kandidatin - mit diesem Konzept schlug US-Präsident Bush übrigens seinen Herausforderer Kerry. Am Ende fällt der immer heftiger jonglierenden Kandidatin die Kugel aus den Händen und plumpst auf den Boden. Schlussspruch: "Frau Merkel kann sich nicht entscheiden, aber Sie können es".

 SPD-Film: Merkel-Parodie

SPD-Film: Merkel-Parodie

Der Coup löste bei der SPD Genugtuung aus. Während die Union in den Umfragen weiter vorne liegt, im Kampf der Werber ist die SPD immerhin mit ihrem Wahlkampfspot in Führung gegangen. SPD-Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel will die Info-Quelle natürlich nicht nennen. "Wir haben einen Wink bekommen, von wem, sage ich nicht", erklärt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Information sei aber so "rechtzeitig" gekommen, dass "wir schnell reagieren konnten". Wasserhövel: "Auf die fortgesetzte Negativ-Kampagne der Union musste jetzt einfach reagiert werden".

Bei der CDU hingegen wird nun gerätselt: Gab es intern ein Leck? Oder wurde in der Medienbranche geplaudert? Der CDU-Film wurde von der Hamburger Firma "Markenfilm" produziert, der SPD-Spot von der Agentur "Butter".

Der Vertreter der Agentur McCann Erickson, die für Merkels Partei die Wahlwerbekampagne betreuen, erklärte im Berliner Sony-Center: "Keine Ahnung, wie das zur SPD gekommen ist".

CDU-Generalsekretär Volker Kauder nahm es nach der Präsentation gelassen und ging, ganz der Wahlkämpfer, gleich zum Angriff über: "Wer wie die SPD die ganze Kraft zum Abkupfern aufwendet, der vergeudet seine eigene Kraft". Ihm sei das "ganz recht so".

Und den Wählern empfahl der Merkel-Vertraute: "Ja nicht auf die Fälschungen setzen, immer beim Original bleiben".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: