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Prozess gegen jugoslawische Geheimdienstler: Mordopfer spionierte für den BND

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Angeklagter Perkovic (M.) im Prozesssaal: Was wusste die Bundesregierung? Zur Großansicht
REUTERS

Angeklagter Perkovic (M.) im Prozesssaal: Was wusste die Bundesregierung?

Ein heikles Kapitel westdeutscher Geschichte: Zwei jugoslawische Ex-Agenten stehen vor Gericht, weil sie hinter dem Mord an einem kroatischen Dissidenten 1983 stecken sollen. Jetzt wird bekannt: Das Opfer war BND-Spion.

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Die Beerdigung von Stjepan Djurekovic auf dem Münchner Waldfriedhof im August 1983 war kein stilles Gedenken, sondern eine machtvolle politische Demonstration. Den Trauerzug säumten Fahnen jener kroatisch-faschistischen Republik, die von 1941 bis 1944 unter dem Schutz Nazi-Deutschlands auf dem Balkan existierte. Am offenen Grab agitierte Ivan Jelic, einer der führenden Köpfe der anti-kommunistischen Exilkroaten gegen den verhassten Vielvölkerstaat Jugoslawien.

Djurekovic war wenige Tage zuvor Opfer eines Attentats geworden. Der langjährige Manager des jugoslawischen Staatskonzerns INA und prominente Regimekritiker starb in einer Druckerei in Wolfratshausen, nachdem Unbekannte auf ihn mehrere Schüsse abgefeuert und seinen Schädel mit einer Axt zertrümmert hatten. Trauerredner Jelic hatte schon damals keinen Zweifel daran, dass hinter dem Mord nur der jugoslawische Geheimdienst stecken konnte.

Djurekovic, der zuletzt eine ganze Reihe von regimekritischen Büchern und Pamphleten veröffentlichte, wurde unter den Exilkroaten zum Märtyrer, seine Ermordung zum unwiderlegbaren Beweis für die Ruchlosigkeit des kommunistischen Regimes in Belgrad. Allein zwischen 1977 und 1982 registrierten die Behörden sechs Morde und zwei Mordversuche an jugoslawischen Regime-Gegnern in Westdeutschland. Bei den Fällen bestehe der "konkrete Verdacht", dass "offizielle jugoslawische Stellen an den Straftaten beteiligt sind", heißt es in einem vertraulichen Bericht des Bundesjustizministeriums aus jener Zeit.

So geht auch die Bundesanwaltschaft davon aus, dass Djurekovic als engagierter Propagandist der Exilkroaten zum Opfer des jugoslawischen Geheimdienstes wurde. Als mutmaßliche Drahtzieher identifizierten die Karlsruher Ermittler zwei hochrangige Geheimdienstoffiziere aus Zagreb, die für die Bekämpfung der "feindlichen Emigration" zuständig waren. Sie stehen derzeit in München wegen des Verdachts der Anstiftung zum Mord vor Gericht, bestreiten aber jegliche Verwicklung in die Bluttat.

Das politische Umfeld der jugoslawischen Geheimdienstmorde in der Bundesrepublik sollen an diesem Donnerstag zwei prominente Zeugen erhellen: Von den Aussagen des ehemaligen Bundesinnenministers Gerhart Baum (FDP), 82, und des früheren Staatsministers im Auswärtigen Amt, Klaus von Dohnanyi (SPD), 87, verspricht sich das Gericht Erkenntnisse darüber, was frühere Bundesregierungen über die Killerkommandos wussten und ob sie womöglich bewusst bei den Verbrechen wegsahen, um die guten Beziehungen zu Belgrad nicht zu belasten.

Djurekovic als "Quelle des BND"

Doch womöglich ging es im konkreten Fall gar nicht vorrangig um die Liquidierung eines für die Belgrader Führung lästigen Dissidenten. Djurekovic war nämlich keineswegs in erster Linie ein ehemaliger Staatsfunktionär, der sich zum Regimekritiker wandelte, sondern Spion im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland. Von 1975 bis zu seinem Tod war Djurekovic "Quelle des BND". So steht es zumindest in einem vertraulichen Schreiben des Bundesnachrichtendienstes an das Münchner Oberlandesgericht vom März dieses Jahres.

Und aus Berichten seines Pullacher Führungsoffiziers geht hervor, dass der INA-Manager dem BND geheime Details "über Volksverteidigung und gesellschaftlichen Selbstschutz" verraten hat: "Das Vertrauen" zu Djurekovic, in dem Bericht als NDV (Nachrichtendienstliche Verbindung) bezeichnet, "ist ungeschmälert (sie hat das Material fotografiert; es wurde als Meldung abgesetzt)".

Die verlässliche BND-Quelle hatte seit Ende der Sechzigerjahre unterschiedliche Positionen bei der INA, dem staatlichen Energieunternehmen, inne und verfügte über eine ganze Reihe von sicherheitsrelevanten Informationen etwa zur Versorgungssicherheit des kommunistischen Jugoslawiens. Und offenbar ließ sich Djurekovic diese Informationen auch entsprechend honorieren.

Denn für einen Staatsfunktionär verfügte er - laut den Berichten seines BND-Führungsoffiziers - über ein beträchtliches Vermögen, größtenteils in Valuta, auf anonymen Konten im westlichen Ausland und der Schweiz. Allein auf Nummernkonten in Österreich lagerten 1,2 Millionen Schilling.

Djurekovic besaß zudem mehrere Häuser in Jugoslawien, dort hatte er auch kleine Gelddepots angelegt, gestückelt in 100-D-Mark-Scheinen oder kleineren Banknoten in österreichischen Schilling, insgesamt mehr als 10.000 Mark. Wie viel von diesem Geld vom BND stammt, ist bisher nicht bekannt. Den größten Teil der Akte Djurekovic hält der BND auch heute noch unter Verschluss - 32 Jahre nach dessen Ermordung.

Weniger glücklich war der BND über die schriftstellerischen Ambitionen ihrer Quelle. "Allerdings missachtete Herr Djurekovic", so steht es in dem Schreiben des Dienstes ans Münchner Oberlandesgericht, "die Warnungen des BND, auf seine regimekritischen Veröffentlichungen zu verzichten".


Zusammengefasst: Seit einem Jahr stehen in München zwei ehemalige Offiziere des jugoslawischen Geheimdienstes vor Gericht - als mutmaßliche Drahtzieher des Mordes an dem kroatischen Dissidenten Stjepan Djurekovic im Jahr 1983. Die Richter versuchen in dem Prozess auch herauszufinden, ob frühere Bundesregierungen etwas über jugoslawische Killerkommandos in Deutschland wussten und womöglich bewusst wegsahen, um die guten Beziehungen zu Belgrad nicht zu belasten. Nun kommt heraus: Das Mordopfer war acht Jahre lang Spion des BND.

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1. Die Achse Pullach-Damaskus und Pullach-Belgrad
laotao 08.10.2015
In beiden Fällen galt, dass es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, die über den von den etablierten Regierungskadern und den Geheimdiensten für die obersten Staatsinterssen erklärten Rechtsverletzungen, egal ob es sich dabei um Mord, Persönlichkeitszersetzung oder sonstige Handlungen handelt, die dem von diesen Macht- und Funktionskadern gesetzten "Staatsinteresse" dienlich sein konnten. FAZit: „Die Wenigen, die das System verstehen, werden dermaßen an seinen Profiten interessiert oder so abhängig von seinen Vorzügen sein, daß aus ihren Reihen niemals eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, geistig unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne je Verdacht zu schöpfen, dass das System ihnen feindlich ist.”
2. Ein Spion der Bundesrepublik?
axcoatl 08.10.2015
Kann es sein, dass dann später die unkoordinierte, verfrühte Anerkennung Sloweniens als eigenständigen Staat durch Herrn Gentscher ebenfalls beleuchtet werden sollte? Welche nachrichtendienstlichen Verbindungen in das kriselnde Yugoslawien gab es, welche Erkenntnisse gab es, und war der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vielleicht vorab informiert? Man möge sich daran erinnern, dass Herrn Gentschers verfrühte Anerkennung Sloweniens der Startschuss für den Zerfall Yugoslawiens war, an dessen Ende mehrere Kriege und hunderttausende von Opfern - durch Mord und Vertreibung - standen. Und warum wundert es mich nicht, dass der BND Kontakte zu faschistischen Gruppierungen innerhalb Yugoslawiens und der Exil kroatischen Ex-Yugoslawen unterhalten hat?
3. so so
raro 08.10.2015
Zitat von laotaoIn beiden Fällen galt, dass es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, die über den von den etablierten Regierungskadern und den Geheimdiensten für die obersten Staatsinterssen erklärten Rechtsverletzungen, egal ob es sich dabei um Mord, Persönlichkeitszersetzung oder sonstige Handlungen handelt, die dem von diesen Macht- und Funktionskadern gesetzten "Staatsinteresse" dienlich sein konnten. FAZit: „Die Wenigen, die das System verstehen, werden dermaßen an seinen Profiten interessiert oder so abhängig von seinen Vorzügen sein, daß aus ihren Reihen niemals eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, geistig unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne je Verdacht zu schöpfen, dass das System ihnen feindlich ist.”
früher wahrscheinlich als VT abgetan, kommt wenigstens ein bisschen ans Licht, was die West-STasi so alles auf dem Kerbholz hatte. Vielleicht öffnet das so manchem unkritischen Menschen die Augen, auch der Westen ist nicht nur gut, sondern braucht strenge Kontrolle.
4. 2015-1983 + 2011 = ..
schumbitrus 08.10.2015
2043 Ob wir dann wohl erfahren, wer oder was tatsächlich hinter dem NSU stand? Das ist tatsächlich nicht ganz unplausibel - denn nach 30 Jahren sind die Taten verjährt und die "Verantwortlichen" entweder pensioniert, debil oder schon unter der Erde. Obwohl - vielleicht sorgt die steigende Lebenserwartung dafür, dass den staatlich geschützten Tätern in den Ämtern und Behörden dann doch noch mal so Feuer unterm Hintern gemacht wird, dass auch die politische Ebene des Fehlverhaltens sichtbar wird - Geheimdienste sind ja kein Selbstzweck ..
5.
ruhig bleiben 08.10.2015
Das ist Geschichte...Punkt aus
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