Geheimdienste Gestatten, Dietl - Spionierender Reporter

Zehn Jahre arbeitete Wilhelm Dietl für den BND. Nachdem er 2006 enttarnt wurde, hat er nun ein Buch über seine Spionage-Zeit geschrieben. Das Verstörende: Er findet es völlig in Ordnung, dass er die ganze Zeit als Journalist auftrat.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die meisten Journalisten finden, dass es Teil ihrer Aufgabe ist, staatlichen Behörden auf die Finger zu schauen. Einige haben ein abweichendes Verständnis. Wilhelm Dietl zum Beispiel arbeitete zehn Jahre lang für den Bundesnachrichtendienst (BND) in fast allen Krisenherden der islamischen Welt - und tarnte sich dabei nicht nur die gesamte Zeit über als Journalist, sondern verfasste tatsächlich parallel Reportagen, unter anderem für "Stern" und "Quick".

Dietl, Tarnname Dali: Zwischen Spionage und Reportage
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Dietl, Tarnname Dali: Zwischen Spionage und Reportage

Diese Vermengung wirft Fragen auf: Was war Dietl eigentlich in jenen Jahren zwischen 1982 und 1992 - ein schreibender Agent, ein spionierender Reporter? Oder am Ende nichts von beidem so richtig?

Gestern lud Dietl im Berliner Hotel "Albrechtshof" am Rande des Regierungsviertels zur Pressekonferenz. Er stellte dort sein neuestes Buch vor, das von seiner Zeit beim BND handelt: "Deckname Dali. Ein BND-Agent packt aus", hat er es genannt.

Das Buch ist Dietls Vergeltung an den Schlapphüten. Er fühle sich durch den BND "rechtswidrig enttarnt", erklärte er. Denn im Zuge der Affäre um die Bespitzelung von Journalisten durch den Nachrichtendienst tauchte in einem Bericht an das Parlamentarische Kontrollgremium, für den der BND zugeliefert hatte, auch sein Name auf. Dietl sagt, er habe niemals Journalisten ausgeforscht. Er wirft dem BND vor, er habe ihn "geopfert" und seinen Namen gezielt an seinen Ex-Arbeitgeber "Focus" durchgestochen.

Rache an den Schlapphüten

Dass er BND-Agent gewesen war, stritt er aber nicht ab. Und weil er sich nun seinerseits nicht mehr an die vereinbarte Vertraulichkeit gebunden fühlte, liefert er jetzt mit dem 229-Seiten-Werk seinen Arbeitsnachweis nach: Das habe ich wirklich für den BND gemacht, heißt die Botschaft, und nicht so einen Kleinkram wie Journalisten aushorchen.

Dietl beschreibt, wie er die ganz großen Räder für den Bundesnachrichtendienst drehte: Wie er heiße Informationen arabischer Dienste über das Terrornetzwerk des Abu Nidal besorgte, wie er die Aufenthaltsorte deutscher Geiseln im Libanon ausspionierte oder wie er dem deutschen Terroristen Johannes Weinrich hinterhersteigt, einem Kumpanen des legendären "Carlos". Zeitweise neun Monate im Jahr sei er zwischen Libyen, Iran, Libanon und Afghanistan unterwegs gewesen.

All das ist natürlich sehr aufregend: Ein Agent an den Hacken der gefährlichsten Männer der Welt, und das mitten in den Pulverfässern des Nahen Ostens, dazu Sexorgien mit Informanten, Einschusslöcher im Kofferraum, Diskussionen mit Arafat im Granatenhagel, und natürlich immer wieder dicke Briefumschläge mit Geld...

Artikel mit dem BKA abgestimmt

Trotzdem irritiert das Buch nachhaltig - weil Dietl es einfach nicht merkwürdig und schon gar nicht falsch finden kann, dass er seine Kontakte die ganze Zeit als Journalist getarnt anbahnte. "Ich habe damals keine Widersprüche gesehen. Das eine hat das andere nicht beschädigt", sagte er gestern.

Nicht beschädigt? In mindestens einem Fall, es ging um einen libanesischen Terroristen, der sich in Deutschland aufhielt, nutzte Dietl seine journalistische Tätigkeit für seine Geheimdienst-Mission. In Absprache mit dem Bundeskriminalamt und wohl auch dem BND ("wir"), sei beschlossen worden, "eine Öffentlichkeit zu schaffen". Dietl schreibt weiter: "Ich bot die Geschichte der Illustrierten 'Quick' an, wo sie am 10. August 1989 ... erschien. Es reichte aber immer noch nicht." Keine Frage, dass es hier nicht um journalistische Interessen ging.

Mag sein, dass seine Journalistentarnung dem BND nicht schadete, dem Ruf des Journalismus hingegen ganz gewiss. Wäre er je in einer Journalistengewerkschaft gewesen, müsste man spätestens jetzt ein Ausschlussverfahren anstrengen. Aber Dietl nimmt für sich sowieso ein höheres Gut in Anspruch: Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland. Drunter macht er es nicht.

Noch andere BND-Agenten mit Presseausweisen?

Auch, dass er durch seine Praxis die Arbeit und das Leben von sauberen Journalisten im Nahen Osten gefährden könnte, kann Dietl sich nicht vorstellen: In dieser Region seien die Menschen ja sowieso misstrauisch und hielten Reporter ohnehin oft für Agenten. Ja, warum bloß, möchte man fragen.

Noch heute hält Dietl die Vermischung zwischen Spionage und Reportage für unproblematisch: Im Ausland würde man sich über die Empörung hierzulande nur wundern. Das mag sein. Aber es gibt noch andere Länder, und in denen werden westliche Journalisten gelegentlich hingerichtet, weil man ihnen nicht glaubt, dass sie keine Spione sind.

Dietl, der von Eitelkeit nicht frei ist, stilisiert sich in seinem Buch als Einzel-, Sonder- und Glücksfall für die deutsche Auslandsaufklärung. Von anderen Journalisten mit einem ähnlich umfassenden Agentenauftrag wisse er nicht, sagte er gestern. Allerdings habe er durchaus BND-Agenten getroffen, die Presseausweise nutzten, um an Personen und Informationen zu gelangen. Auch das hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Immerhin hat der BND im Zuge der ganzen Affäre mittlerweile beschlossen, Agenten nicht mehr als Journalisten zu tarnen.


Wilhelm Dietl: "Deckname Dali. Ein BND-Agent packt aus", Eichborn Verlag, 19,90 Euro. Das Buch erscheint am heutigen Freitag.



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