Geheime Stasi-Mission Nachts kam der Agenten-Schmuggler

Im Stasi-Jargon hießen die Schleusen "Katze", "Baum" oder "Loch": Versteckte Lücken im Grenzzaun dienten dazu, Ostspione im Westeinsatz zurück in die DDR zu schmuggeln - unbemerkt von Polizei, Anwohnern und Soldaten. Die Operationen waren akribisch geplant, streng geheim und hochriskant.

SPIEGEL ONLINE

Von Leila Knüppel und


Hans Korn hat mehrere Persönlichkeiten. Er existiert in einer sorgfältig abgehefteten Akte. Als echter Mensch lebt er irgendwo in Thüringen. Ein gefälschter BRD-Ausweis ist auch in seinem Besitz. Keine Kamera darf ihn filmen, kein Satz darf direkt zitiert, sein Haus nicht beschrieben werden. Hans Korn ist ein Deckname, es ist der Name, der immer dann in Stasi-Dokumenten auftaucht, wenn es um das Netz der geheimen DDR-Grenzschleusen geht.

Zu Mauerzeiten war Hans Korn ein Waldarbeiter mit einem konspirativen Nebenjob. Er war einer von wenigen Dutzend Grenzschleusern, die für die Stasi arbeiteten. Es ist sehr mühsam, einen Schleuser ausfindig zu machen. Geschweige denn einen, der sprechen will.

Das Schleuser-Business der DDR war ein fester Bestandteil des Spionagesystems: Der Auslandsnachrichtendienst der DDR wollte möglichst unbemerkt von westlichen Geheimdiensten seine Quellen treffen, daheim im Osten. Für Spione und Stasi-Mitarbeiter war es aber sehr kompliziert, die Grenze unauffällig zu überwinden. Damit dies möglich war, gab es um die 60 Grenzschleusen an der innerdeutschen Grenze, die von Männern wie Hans Korn betreut wurden.

Grenzer-Uniform, darunter Westkleidung

Grenzschleuse, das klingt nach unterirdischem Geheimgang oder einem rostigen Tor, das gut getarnt zwischen zwei Maschendrahtsegmente geklinkt wird. In Wirklichkeit waren die Lücken so gut wie unsichtbar. In der Regel wurde die Führungsstelle des jeweiligen Grenzabschnitts im Vorfeld einer Operation darüber informiert, dass sie ihren Bereich zu einer bestimmten Zeit räumen soll. Tretminen waren an jenen speziellen Grenzabschnitten ohnehin schon entfernt worden.

Wenn ein Einsatz anstand, erhielt Hans Korn einen Anruf. Wenige Stunden später holte ihn der regionale Leiter der Abteilung XVII der Hauptverwaltung A - die Einheit der Stasi, die für Grenzschleusungen zuständig war - mit dem Auto ab. Im Kofferraum: eine Uniform der Grenzpolizei. Hans Korn zog sie über. Darunter trug er unauffällige Hosen und ein Hemd, beides konnte als Westkleidung durchgehen. Zur Sicherheit hatte seine Frau alle Etiketten rausgetrennt.

Bis zur Waldkante fuhren sein Chef und er mit dem Auto vor. An den Grenzzaun ran gingen sie zu Fuß, durch Dickicht und Unterholz, in tiefer Nacht.

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Nachts im Wald: Die geheime Mission der Grenzschleuser
Stöbert man in den Akten, wird der Weg zu den Schleusen sehr genau beschrieben, teilweise mit Koordinaten und Kartenzeichnungen. Steigungen sind eingetragen, Abhänge, ein kleiner Bach. Deshalb kann man Orte, an denen früher geschleust wurde, noch heute wiederfinden. SPIEGEL ONLINE hat sie gemeinsam mit einem Stasi-Forscher aufgesucht. Sie tragen Namen wie "Katze", "Hecht", "Loch" oder "Baum". Zwei davon waren Hans Korns Revier.

Schlüssel oder Schloss

Trotz der Dunkelheit war die Uniform notwendig: Für den Fall, dass sich ein ziviler Anwohner im Wald verirrte, hätte ein anderer Zivilist mehr Aufsehen erregt als ein vermeintlicher Grenzpolizist. Angekommen am Zaun versteckte Korn die Uniform aber im Wald - denn in wenigen Momenten sollte er im Westen sein.

Korns Vorgesetzter löste die Muttern der Mattenzäune mit Werkzeug, beide bogen den Draht auseinander. Hans Korn kletterte allein durch das Loch in der Grenze. Dann verkroch er sich an einem verabredeten Punkt im Gebüsch und wartete.

Auf der Westseite war die Grenze kaum gesichert, die bayerische Grenzpolizei streifte nachts nur sporadisch durchs Unterholz. Westkleidung und Westausweis dienten der Tarnung, wäre Hans Korn aufgeflogen, hätten ihm mehrere Jahre Haft gedroht. Er wurde nie erwischt.

Um die Zielperson zu erkennen, gab es ein Ritual: Der Ostagent aus dem Westen hatte immer einen Schlüssel dabei, Hans Korn ein passendes Schloss, oder umgekehrt. Es ist schwer vorstellbar, wie sich zwei Personen in der Dunkelheit mitten im Wald finden, aber Hans Korn brauchte nie lange dafür. Er kann das Knacken von Menschen im Unterholz von den Geräuschen des Wildes unterscheiden.

Anschließend gingen beide Männer zurück an die Stelle, wo der Vorgesetzte bereits mit dem Werkzeug wartete. Und die Lücke verschloss. Die Schleuse war wieder zu, die Grenze dicht.

Robust, verschwiegen, systemtreu

Hans Korn hat nicht nur Agenten zurück in den Osten eskortiert, er hat Dutzende Male Probeschleusungen durchgeführt, um die Strategien zu verbessern. Er nahm Aufträge für Kurierdienste an, schaffte mit Hilfe seines Westausweises kistenweise konspirative Korrespondenz über die Grenze. Er reiste nach Franken oder West-Berlin, um potentielle Agenten-Wohnungen auszukundschaften. Drei- bis viermal im Jahr war er im Dienst der Stasi, behauptet er. Mindestens sechsmal im Jahr, schreiben die Akten.

Die Schleuser, sie symbolisieren das Paradoxon der DDR: Sie sollten, im Dienste des Staats, ein Sicherheitssystem austricksen, das der Staat selbst errichtet hatte. Und Hans Korn war der ideale Schleuser. Er kannte sich, wie viele seiner Kollegen, perfekt im waldreichen Grenzterrain aus. Er war groß, robust und verschwiegen. Er hatte Spaß an dem Agentenspiel. Und er war systemtreu genug, um nicht bei einer der unzähligen Gelegenheiten abzuhauen.

Als ihn die Stasi anwarb, war Hans Korn jung und riesig, jetzt ist er alt und friedlich. Er mag seine Frau, Autos und Skat. Sein Wohnort ist winzig, Kinder, Nachbarn und Verwandte wissen nichts von seinem früheren Doppelleben. Nach dem Mauerfall ist er an jede einzelne Schleuse noch einmal zurückgekehrt, seine Frau hat er mitgenommen. Es seien gute Plätze zum Pilzesammeln, sagt er.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
benuron 11.08.2011
1. Kein so geheimes Geheimnis...
... für die an der innerdeutschen Grenze stationierten US-Soldaten. Sie unternahmen regelmäßig "Ausflüge" in den Osten. Sie waren inoffiziell und meistens nur zur Übung oder Abwechslung von der grenzenlosen Langeweile gedacht. Die GIs gingen so weit bis in grenznahe Ortschaften zu spazieren und dort in einer Gastwirtschaft einzukehren. Es war nicht so furchtbar schwierig als Ortskenner die Grenze zu überschreiten.
Naschfreudiger 11.08.2011
2. Komisch, komisch!
Komisch dass so wichtige Details um diese bestialische Grenze erst nach 22 Jahren Mauerfall und das auch noch unvollständig sowie eher zufällig an die Öffentlichkeit dringen. Macht den Eindruck als würde man am liebsten alle diese Informationen, tief in Archiven verbuddelt, bis in die Ewigkeit vergammeln lassen!
motormouth 11.08.2011
3. ...
Zitat von benuron... für die an der innerdeutschen Grenze stationierten US-Soldaten. Sie unternahmen regelmäßig "Ausflüge" in den Osten. Sie waren inoffiziell und meistens nur zur Übung oder Abwechslung von der grenzenlosen Langeweile gedacht. Die GIs gingen so weit bis in grenznahe Ortschaften zu spazieren und dort in einer Gastwirtschaft einzukehren. Es war nicht so furchtbar schwierig als Ortskenner die Grenze zu überschreiten.
Das interessiert mich. Gibt es Material zum weiterlesen?
eng 11.08.2011
4. ...
Zitat von benuron... für die an der innerdeutschen Grenze stationierten US-Soldaten. Sie unternahmen regelmäßig "Ausflüge" in den Osten. Sie waren inoffiziell und meistens nur zur Übung oder Abwechslung von der grenzenlosen Langeweile gedacht. Die GIs gingen so weit bis in grenznahe Ortschaften zu spazieren und dort in einer Gastwirtschaft einzukehren. Es war nicht so furchtbar schwierig als Ortskenner die Grenze zu überschreiten.
Da dies kaum glaubhaft ist, haben Sie da eine seriöse Quelle ?
drnice1983 11.08.2011
5. stimmt
Zitat von motormouthDas interessiert mich. Gibt es Material zum weiterlesen?
Genrell sind solch "side storys" viel interessanter als die "haupt story" die man eh schon 1.000 mal gehört hat... Würde auch gern mehr lesen :)
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