Geißlers Goebbels-Zitat: Eine Entschuldigung - und zwar schnell!

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke

Er wollte die Parteien im S-21-Streit zur Besinnung bringen - und fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Ein Goebbels-Zitat, jeder weiß das. Doch Heiner Geißler rechtfertigt die grauenhaften Worte sogar. Jetzt bleibt dem Schlichter nur eines: eine doppelte Entschuldigung.

S-21-Schlichter Heiner Geißler: Das muss jetzt sein Zur Großansicht
dapd

S-21-Schlichter Heiner Geißler: Das muss jetzt sein

Zunächst das: Jeder sagt oder schreibt einmal Blödsinn, und wer viel öffentlich redet oder schreibt, läuft eine viel höhere Gefahr als andere, dass ihm oder ihr das mal passiert. Es sind diese Momente, in denen man am liebsten auf eine unsichtbare Delete-Taste drücken und das Gesagte löschen möchte.

Diese Delete-Taste gibt es nicht, in unserer Wallungsdemokratie sowieso nicht. Gesagt ist gesagt. Aber es gibt eine, und nur eine Möglichkeit, Unfug wieder einigermaßen einzufangen: indem man sich so schnell wie möglich hinstellt und sagt, dass man da Blödsinn gesagt oder geschrieben hat.

Deswegen hat Heiner Geißler den entscheidenden Fehler nicht am vergangenen Freitag bei der Pressekonferenz zu Stuttgart 21 gemacht, als er die Kontrahenten um den Zank-Bahnhof gefragt hat, ob sie denn "den totalen Krieg" wollten. Noch schlimmer war der Fehler, den Geißler drei Tage später machte, als er er versuchte, diesen blöden Satz zu rechtfertigen, wo es nur eine Möglichkeit gegeben hätte: sich für ihn zu entschuldigen.

Peinliche Ausrede

Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie sich ein Mann von der politischen Erfahrung und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler eine derartige Entgleisung leisten kann. Er behauptet allen Ernstes, nicht zu wissen, dass dieses Zitat von Joseph Goebbels stammt. Jedes einigermaßen geschulte Kind kennt diesen Stakkato-Ruf des Demagogen, auf den eine besinnungslose Masse ein "Ja!" zurückbrüllt. Er ist festgehalten im Audio-Speicher eines jeden halbwegs gebildeten Zeitgenossen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Dafür gibt es auch kein Delete.

Er versucht, sich mit kruden Vergleichen (in Syrien sei derzeit auch ein "totaler Krieg", "den Begriff hat schon Winston Churchill verwendet und der Prinz Heinrich von Preußen an Friedrich den Großen") aus der Affäre zu ziehen, und argumentiert weiter, er habe mit dieser Holzhammermethode die Halsstarrigen quasi per Schocktherapie zur Räson bringen wollen.

Weises Alter genießt hohen Respekt in unserer Gesellschaft. Aber der Fall Geißler zeigt: Alter (und eine umfassende humanistisch-jesuitische Bildung) schützt vor Torheit nicht. Zumal er selbst schon Mitte der achtziger Jahre mit Goebbels-Vergleichen konfrontiert war.

Ein Fehler, um den Fehler zu rechtfertigen

Einmal davon abgesehen, dass sich Argument eins (er weiß nicht, dass das Zitat von Goebbels ist) und Argument drei (er wollte schockieren) wechselseitig ausschließen. Der einzige wirklich Halsstarrige, der hier im Moment zu erleben ist, ist nicht der härteste oder bornierteste Vertreter im Streit um Stuttgart 21, sondern der bislang von Gegner und Befürwortern umjubelte Schlichter Heiner Geißler.

Er sollte jetzt, besser in den kommenden Minuten oder Stunden als erst in den nächsten Tagen, zur Räson kommen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, und dann habe ich einen noch viel größeren Fehler begangen, als ich den ersten Fehler hanebüchen rechtfertigen wollte.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es einmal einen großen Politiker Heiner Geißler.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was ist mit Neusprech?
andresa 02.08.2011
...also mit Begriffen wie "Wachstum" , "Unser Geld" und anderen manipulativen Wörtern http://le-bohemien.net/2011/08/02/neusprech2/ ..wann entschuldigen sich die Pr-Schreiber und Politpressesprecher endlich für die Benutzung dieser Vokabeln?
2. ...
M. Michaelis 02.08.2011
Zitat von sysopEr wollte die Parteien im S21-Streit zur Besinnung bringen - und fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Ein Goebbels-Zitat,*jeder weiß das. Doch Heiner Geißler rechtfertigt die grauenhaften Worte sogar.*Jetzt bleibt dem Schlichter nur eines: eine doppelte Entschuldigung.
Mein Gott, solange man aus einem etwas unglücklichen Zitat so viel aufhebens machen kann, kann man keine echten Probleme haben. Vielleicht war das Zitat auch angebracht um diesen längst allen Realitäten entrückten Streit um einen Bahnhofsneubau auf den Boden zurückzuholen.
3. ...
rufus008 02.08.2011
Zitat von sysopEr wollte die Parteien im S21-Streit zur Besinnung bringen - und fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Ein Goebbels-Zitat,*jeder weiß das. Doch Heiner Geißler rechtfertigt die grauenhaften Worte sogar.*Jetzt bleibt dem Schlichter nur eines: eine doppelte Entschuldigung.
Meine Güte, immer diese Nebenkriegsschauplätze. Haben wir keine dringlicheren Probleme?
4.
shokaku 02.08.2011
Mit dem Kommentar outet sich der Erste, der in der Tat einen totalen Krieg will.
5. Ich kann mir nicht helfen -
ulrich_frank 02.08.2011
ich finde hier wird mächtig aufgebauscht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Stuttgart 21
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 60 Kommentare
Fotostrecke
Stresstest für S21: Der unendliche Bahnhofsstreit

Fotostrecke
Stuttgart 21: Ein Bahnhof wird tiefergelegt