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Genitalverstümmelung in Deutschland: Tausenden Mädchen droht die Beschneidung

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Die Bremer Polizei hat zwei kleine Mädchen vor der Genitalverstümmelung im Heimatland der Mutter bewahrt. Beschneidungen werden selten bekannt - aber Tausende Mädchen sind in Deutschland von dem gefährlichen Ritus bedroht.

Berlin - Es war ein lauter Ehestreit zwischen ihren Eltern, der gestern zwei kleine Mädchen, ein und vier Jahre alt, vor einer vermutlich kurz bevorstehenden Genitalverstümmelung rettete. Eine aus Gambia stammende Frau rief die Polizei in Bremen nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann.

Genitalbeschneidung eines Mädchens in Somalia: Fünf bis zehn Prozent sterben bei der Operation
DPA

Genitalbeschneidung eines Mädchens in Somalia: Fünf bis zehn Prozent sterben bei der Operation

Die Beamten kamen - und erfuhren den Grund des Streits. Die Mutter wollte ihre Töchter in Gambia beschneiden lassen, der Vater war dagegen. Kurz bevor der Flug in das westafrikanische Land gehen sollte, hatte die Mutter ihre beiden Töchter bei Bekannten versteckt, damit ihr Mann die Ausreise nicht verhindern konnte. Die Pässe der Kinder trug sie in ihrer Unterwäsche, berichtet der "Weser Kurier". Vor der Polizei bestätigte die Mutter ihre Pläne. "Wir haben dann beide Mädchen aus dem Versteck geholt. Sie sind jetzt in einem Kinderheim untergebracht", erklärt ein Sprecher der Bremer Polizei SPIEGEL ONLINE. Das Jugendamt werde sich nun um die beiden Mädchen kümmern.

Dass eine geplante Beschneidung wie in Bremen öffentlich wird und die Polizei eingreift, ist nach Kenntnis der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes eine Premiere - die drohende Genitalverstümmelung indes ein Massenphänomen. Zehntausende Mädchen und junge Frauen in Deutschland sind bereits Opfer von Beschneidungen geworden, schätzen Frauenrechtsorganisationen. 4000 bis 5000 kleinen Mädchen droht die Beschneidung, oft - wie in dem Fall in Bremen - bei einer Reise ins Heimatland der Eltern.

Das Entfernen oder die Beschneidung der Klitoris - oft mit Rasierklingen oder Glasscherben - wird besonders in afrikanischen Ländern, aber auch in manchen asiatischen Staaten praktiziert. Meistens sind Mädchen im Alter von vier bis zwölf Jahren betroffen, manchmal auch Babys. Die gesundheitlichen und psychischen Folgen einer Beschneidung sind dramatisch: ständige Entzündungen im Genitalbereich, Inkontinenz, starke Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Nierenbeckenentzündungen. Bei der Menstruation kann das Blut nicht abfließen. Bei einer Geburt ist das Leben von Mutter und Kind in Gefahr.

"Großteil kommt uns nicht zu Gehör"

In Deutschland fällt die Genitalbeschneidung von Mädchen unter den Straftatbestand der schweren Körperverletzung. Laut eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts kann bei einer drohenden Beschneidung das Sorgerecht der Eltern eingeschränkt werden.

Eine Regelung, die bedrohte Mädchen theoretisch schützen kann - in der Praxis aber nur selten zur Anwendung kommt. Oft können Jugendämter, Gerichte und Vereine nur helfen, weil sich ein Elternteil an sie wendet und berichtet, der Partner wolle die Tochter beschneiden lassen.

"Meistens ist es sehr schwer für die Behörden, den Nachweis dafür zu erbringen, dass die Mädchen beschnitten werden sollen", sagt Christa Müller, Vorsitzende des Vereins gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen "Intact", zu SPIEGEL ONLINE. Man müsse zum Beispiel belegen können, dass eine Beschneiderin nach Deutschland eingeflogen sei. Wenn etwa ein Elternteil die begründete Vermutung hatte, dass sein Partner eine Beschneidung des Kindes im Ausland vornehmen lassen will, habe es in der Vergangenheit bereits Fälle gegeben, in denen deutsche Gerichte die Ausreise der Familie in afrikanische Länder verboten hätten. "Der Großteil der Fälle kommt uns jedoch wohl nicht zu Gehör", sagt Christa Müller.

"Opfer werden immer jünger"

Nicht nur auf der Reise in die afrikanische Heimat, auch in deutschen Städten werden Mädchen und junge Frauen beschnitten. Bei einer gemeinsamen Umfrage von Terre des Femmes, Unicef und des Berufsverbands der Frauenärzte im Jahr 2005 gaben zehn Prozent der befragten Gynäkologen an, bereits von in Deutschland durchgeführten Beschneidungen gehört zu haben. Fast die Hälfte haben schon Mädchen und Frauen behandelt, die selbst beschnitten waren.

Christa Müller fordert deshalb mehr Aufklärung. Gynäkologen in Deutschland müssten speziell geschult werden. Wenn eine beschnittene Frau eine Tochter zur Welt bringt, wäre es zum Beispiel wichtig, dass der Arzt der Frau sagt: "Sie sind beschnitten, aber Sie dürfen Ihre Tochter nicht beschneiden. Sie leben in einem Land, in dem das verboten ist", so Müller zu SPIEGEL ONLINE. Eltern müssten lernen, dass sie ihren Töchtern irreparable Schäden zufügen.

Zehntausende sind es in Deutschland - drei Millionen Mädchen werden schätzungsweise jährlich weltweit beschnitten. Und die Opfer werden immer jünger: "Weil zahlreiche afrikanische Länder gegen die traditionelle Praxis vorgehen, sagten sich viele: Bevor es gar nicht mehr geht, müssten wir unser Baby schnell beschneiden lassen", erklärt Christa Müller.

Fünf bis zehn Prozent aller betroffenen Mädchen sterben in Afrika bereits bei der Operation - meistens verbluten sie. "Das sind hunderttausende Mädchen, die hier kaum jemanden interessieren", so die Vorsitzende von "Intact".

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