Gemeinsames Buch: Genschers Ritterschlag für Lindner

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Der Alte und der Junge: Hans-Dietrich Genscher und Christian Lindner arbeiten an einem gemeinsamen Buch. Es erscheint vor dem nächsten Bundesparteitag, auf dem eine neue Spitze gewählt wird. Seit längerem macht der FDP-Ehrenvorsitzende klar, dass er den Jungpolitiker dabei ganz weit vorne sieht.

FDP-Politiker Lindner und Genscher (Mai 2012): Hoffen auf den Wiederaufstieg Zur Großansicht
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FDP-Politiker Lindner und Genscher (Mai 2012): Hoffen auf den Wiederaufstieg

Berlin - Der Titel des Buches ist bereits im Internet zu finden: "Zwei Generationen. Eine Leidenschaft." Das Werk hat noch keinen Umschlag, und es trägt die Namen von Hans-Dietrich Genscher und Christian Lindner.

Es wirkt auf den ersten Blick wie eines unter vielen Sachbüchern, die im Jahr des Bundestagswahlkampfes auf den Markt kommen. Doch genau das ist es nicht. Vor dem Hintergrund der FDP-Krise ist es eine politische Ansage. Ein symbolischer Ritterschlag des 85-jährigen FDP-Ehrenvorsitzenden für den bald 34-jährigen Lindner.

Mitte März wird das Werk bei Hoffmann und Campe herauskommen. Die Themenpalette wird breit sein, von persönlichen Lebenserfahrungen berichten, sich um Welt- und Innenpolitik drehen. Die eigentliche Botschaft aber ist das Ereignis der gemeinsamen Autorenschaft. Das Buch drückt aus, was Genscher sich seit längerem wünscht: dass Lindner, der im vergangenen Dezember überraschend vom Posten des Generalsekretärs zurücktrat, in der Bundespolitik zur engsten Führungsreserve gehört. Und zwar, wie er jüngst in einem Interview bekannte, "sehr weit vorn".

Mehr Werbung geht eigentlich nicht. Seine Partei dürfte das längst verstanden haben.

Denn Genschers Wort hat Gewicht, und das weiß er zu nutzen. Wenn er Interviews gibt, geht es immer auch um den Kurs seiner Partei. Hin und wieder tadelt er, meist verklausuliert. Wer gemeint ist, weiß die Botschaften zu lesen. Schon bald könnte der Ehrenvorsitzende eine wichtige Rolle spielen. Nämlich dann, wenn es im kommenden Jahr einmal mehr um die Frage geht, wer die Partei in den Bundestagswahlkampf führt.

Zwei Namen werden dabei seit langem genannt: Rainer Brüderle, Fraktionschef im Bundestag. Und eben Christian Lindner, NRW-Landes- und Fraktionsvorsitzender. Über ihn hat sich Genscher zuletzt lobend ausgelassen, ihn eine "große politische Begabung" genannt. Über FDP-Chef Philipp Rösler hat Genscher solche Worte nicht fallen gelassen. Wenn, dann sagt er über ihn nur das Allernotwendigste.

Die Präferenzen des Altliberalen sind damit klar.

Entscheidung in Niedersachsen

Scheitert FDP-Chef Rösler am 20. Januar in seiner Heimat Niedersachsen, dann dürfte Genscher mit seiner moralischen Autorität mehr denn je gefragt sein - als einer, der einen personellen Ausweg aus der Krise benennt. Überlegungen für diesen Fall kursieren bei den Liberalen längst. Eine lautet: Brüderle soll die Partei führen, Lindner sein Vize werden.

Im Augenblick halten sie sich beide bedeckt. Lindner hat jüngst erklärt, "abstrakte Personaldebatten" beschäftigten ihn nicht. Doch geredet wird darüber intern. Lindner als Bundesvorsitzender ohne Bundestagsmandat (er trat jüngst nicht bei der Nominierung der Landesliste für die Bundestagswahl an) - das scheint manchen Liberalen kaum vorstellbar. Vize hingegen schon. Brüderle wiederum weist alle Spekulationen auf einen Parteivorsitz mit ebensolcher Regelmäßigkeit zurück.

Die FDP nebelt sich ein: Bloß keine Unruhe vor Niedersachsen, das ist die Devise. Genscher, das ist ein offenes Geheimnis in seiner Partei, hadert seit längerem mit FDP-Chef Rösler. Vor allem, als dieser im Sommer erklärte, ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone habe seinen Schrecken verloren. Genscher glaubte, seine Partei verlasse den Europa-Kurs, den er über Jahrzehnte mit geprägt hatte. Im August trafen sich beide am Rande der Beerdigung der FDP-Politikerin Liselotte Funcke, sprachen auch über Europa und den Kurs der FDP. Jüngst sagte Genscher dem "Stern": "Jeder darf mal was sagen, was nicht ganz in die Ziellinie passt." Es klang schulmeisterlich.

Für die FDP geht es im nächsten Jahr um alles oder nichts. In dieser Woche ist die Partei, nach einer langen Durststrecke, in einer Forsa-Umfrage erstmals wieder auf fünf Prozent gekommen. Manche fragen sich: Ist das schon die Trendwende? Kommt die FDP in Niedersachsen, wo sie zuletzt bei nur drei Prozent gehandelt wurde, am Ende doch wieder in den Landtag? Und wenn ja, was heißt das für Röslers Zukunft als Parteichef? Spätestens am Wahlabend in Hannover dürfte klar sein, mit wem die FDP ins Schicksalsjahr zieht.

Anfang Mai wird eine neue Bundesspitze auf dem Parteitag in Nürnberg gewählt. Das Buch von Genscher und Lindner erscheint rund sechs Wochen davor, am 14. März. An einen Zufall mag da kaum einer glauben. "Genscher hat eine klare Präferenz, wer die Partei führen soll", sagt ein FDP-Bundestagsabgeordneter.

Intern wird das Buch behandelt wie eine geheime Verschlusssache. Eine erste Fassung des Gesprächs liegt beiden bereits vor. Lindner, so heißt es, werde in den kommenden ruhigen Tagen daran arbeiten.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Nachgemacht
rainer_daeschler 20.12.2012
Helmut Schmidt und Peer Steinbrück halt nachgemacht. Sollte ein Schachbrett auf der Titelseite erscheinen, bitte darauf achten, dass es richtig herum steht!
2. Na ja !
bosemil 20.12.2012
Zitat von sysopDPADer Alte und der Junge: Hans-Dietrich Genscher und Christian Lindner arbeiten an einem gemeinsamen Buch. Es erscheint vor dem nächsten Bundesparteitag, auf dem eine neue Spitze gewählt wird. Seit längerem macht der FDP-Ehrenvorsitzende klar, dass er den Jungpolitiker dabei ganz weit vorne sieht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/genscher-und-lindner-arbeiten-an-einem-gemeinsamen-buch-a-873858.html
So lange die FDP noch im Gespräch ist, kann es ja nicht schaden wieder mal ein Buch zu schreiben. Wen interessiert das schon. Genscher kanns ja nicht schaden und Lindner wird es kaum was nützen. Eine Revolution ist ja von der Seite nicht zu erwarten.
3. wofür steht Lindner?
jochen1978 20.12.2012
Ich kann mit Lindner politisch nichts verbinden. Er ist jung und kann frei reden, aber sonst?
4. Strippenzieher am Werk !
daslästermaul 20.12.2012
Zitat von sysopDPADer Alte und der Junge: Hans-Dietrich Genscher und Christian Lindner arbeiten an einem gemeinsamen Buch. Es erscheint vor dem nächsten Bundesparteitag, auf dem eine neue Spitze gewählt wird. Seit längerem macht der FDP-Ehrenvorsitzende klar, dass er den Jungpolitiker dabei ganz weit vorne sieht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/genscher-und-lindner-arbeiten-an-einem-gemeinsamen-buch-a-873858.html
Damit dürfte das Ende von Philip Rösler beschlossene Sache sein !.
5. Altlast...
KäptnBlaubär 20.12.2012
...wie lange muß man diesen Wendehals noch ertragen ? Seine Zeit ist doch schon lange überholt. Bewälltigung von aktuellen Themen ist angesagt. Schade um die Bäume die gefällt werden müssen für das Buchpapier und das benötigte Druckergift. Soll doch dieser Mensch mit 85 Jahren (Altersstarrsinn und Demenz noch nicht unterstellt )seinen Ruhestand genießen, aber nicht mehr zu politischen Gegebenheiten tätig werden. Auch nicht mehr die alten Seilschaften bemühen.Es sei denn, er schmeißt weiterhin Nebelkerzen.
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