Geplanter Parteiausschluss Altkanzler Schmidt kritisiert Umgang mit Sarrazin

Thilo Sarrazin hat einen prominenten Fürsprecher: Altbundeskanzler Schmidt hält einen Ausschluss des Ex-Bundesbankers aus der SPD für den falschen Weg - und dessen Thesen teilweise für korrekt. Schmidt kritisierte zudem, dass Deutschland zu lange wahllos Ausländer aufgenommen habe.

Kritik am Parteiausschlussverfahren: Altkanzler Helmut Schmidt (SPD)
dpa

Kritik am Parteiausschlussverfahren: Altkanzler Helmut Schmidt (SPD)


Hamburg - Sein Landesverband will ihn rauswerfen, die Bundespartei hat eine Anklageschrift gegen ihn zusammengetragen, doch jetzt bekommt Thilo Sarrazin Unterstützung von einem prominenten Sozialdemokraten. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat den Umgang seiner Partei mit dem umstrittenen Ex-Bundesbanker Sarrazin kritisiert. "Der Parteiausschluss Sarrazins ist der falsche Weg", sagte Schmidt in einem Interview mit der "Bild-Zeitung".

Schmidt gab Sarrazin in der Sache sogar teilweise Recht, insbesondere "was die Integrationsbereitschaft- und fähigkeit vieler Moslems betrifft".

"Wer von Säuglingsalter an in einer völlig europafremden Umgebung groß geworden ist - mit völlig anderem Verhalten gegenüber dem Vater, gegenüber Frauen, mit einem anderer Ehrbegriff -, der lebt sich sehr viel schwerer in die deutsche Gesellschaft ein", führte der Altkanzler weiter aus.

Doch in einem widersprach Schmidt den Thesen des Ex-Bundesbank-Vorstands und früheren Berliner Finanzsenators: "Falsch finde ich, dass Sarrazin zivilisatorische Traditionen anderer Völker vermischt mit der Vererbung von Genen."

Die SPD hatte gegen den Sarrazin ein Parteiausschlussverfahren angestrengt, nachdem er mangelnde Integrationsbereitschaft von Muslimen genetisch begründet hatte. Auch Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte vergangene Woche den Umgang mit Sarrazin kritisiert.

Altkanzler Schmidt ging im "Bild"-Interview ebenfalls mit der Zuwanderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte hart ins Gericht. Deutschland ist "heute de facto ein Einwanderungsland, aber uns fehlen die Regeln dafür". Zu lange habe die Bundesrepublik Menschen aufgenommen ohne darauf zu achten, "was sie können oder leisten".

Schmidt warnte zudem vor einem EU-Beitritt der Türkei. "Denn dann würden zig Millionen Moslems freien Zugang zu ganz Europa haben und unsere Arbeitsmärkte und Sozialsysteme überschwemmen," so Schmidt.

far/dapd

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