Schäuble zum 70. Geburtstag: Ewig Nummer zwei

Von Gerd Langguth

Kohl-Vertrauter, Beinah-Kanzler, Attentatsopfer: Nur wenige deutsche Politiker blicken auf einen so dramatischen Lebens- und Karriereweg zurück wie Wolfgang Schäuble. Am 18. September wird der Finanzminister 70 Jahre alt. Kritische Würdigung eines Ausnahmepolitikers.

Wolfgang Schäuble: Kohl-Vertrauter, Attentatsopfer, Fast-Kanzler Fotos
DPA

Die beiden größten politischen Ziele in seinem Leben waren für Wolfgang Schäuble zum Greifen nah - und blieben ihm doch verwehrt. Er wurde nicht Kanzler, nicht Bundespräsident. Ob er damit noch hadert?

Es ist Schäubles Lebensdilemma, dass er sein Schicksal aufs Engste mit Helmut Kohl verbunden hatte. Denn Kohl dachte keine Sekunde daran, seinem langjährigen Weggefährten den Weg an die Spitze des Kanzleramts zu ebnen. Als Kohl stürzte, riss er Schäuble mit sich. Schuld daran tragen, wenn man so will, beide - eben durch die enge Verbindung in guten wie auch in schwierigen Zeiten.

Eine Zäsur in Schäubles politischer Biografie war die CDU-Spendenaffäre. Er hatte im Dezember 1999 im Bundestag zunächst abgestritten, von dem "Kaufmann" Karlheinz Schreiber Geld erhalten zu haben, musste dann aber einräumen, 100.000 Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. Er hat sich später öffentlich dafür entschuldigt, dass er seine Beziehungen zu Schreiber verschwiegen hatte.

Nach dem Zerwürfnis mit Kohl weigerte sich Schäuble, überhaupt noch ein Wort mit ihm zu sprechen. Auch Kohl geht seinem einstigen Vertrauten aus dem Weg - die Einladung zur offiziellen Geburtstagsfeier der CDU für Schäuble sagte er ohne Angabe von Gründen ab.

Kohl also hat Schäuble die Kanzlerschaft verbaut. Zu den erstaunlichen Wendungen seines Lebens gehört allerdings, dass Schäuble auch diese Krise überstand und danach sogar zum Bundesfinanzminister aufstieg.

Unvergessen bleibt das Drama um den psychisch Verwirrten, der ihn 1990 in einer Wahlveranstaltung mit einem Schuss niederstreckte. Damals rangen die Ärzte viele Stunden um sein Leben. Sie schafften es; aber es blieb ein Leben im Rollstuhl, Schäuble wurde und wird davon stark gezeichnet.

Das Bundespräsidentenamt verweigerte ihm Angela Merkel, die stattdessen den blassen Horst Köhler zum Staatsoberhaupt machte. Dass sich Schäuble später trotzdem in das Kabinett Merkel berufen ließ, darf man als Ausdruck seiner enormen Selbstdisziplin verstehen - sie ist wohl seine bedeutendste Eigenschaft. Denn er hegte damals, schreibt sein Biograf Hans Peter Schütz, einen tiefen Groll gegen die Kanzlerin. Man hat es ihm oft geradezu angesehen, dass er selbst gerne die Führung des Landes übernommen hätte. Wobei Schütz in seinem lesenswerten Buch die durchaus richtige Frage aufwirft, ob Schäuble bei allen Fähigkeiten möglicherweise doch kein Mann für die erste Reihe ist.

Ein gewiefter Taktiker ist er auf jeden Fall und ein begnadeter Politiker, das hat er in vielen Ämtern gezeigt. Zur Hochform lief Schäuble als Chef des Bundeskanzleramts unter Helmut Kohl auf, wobei er davon profitierte, dass Kohl jegliches politische Detail hasste und froh war, wenn in seinem Namen Politik gemacht wurde. Schäuble hatte hier ein freies Feld - und man kann ihm durchaus bestätigen, dass er seine Möglichkeiten genutzt und die Dinge gut gemacht hat.

Schatzkanzler Europas

Sein Meisterstück war ohne Frage der Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Es ist auch sein historisches Verdienst, dass diese Einigung so geräuschlos gelang und dass es zu einem friedlichen Zusammenführen dieser beiden Teile Deutschlands kam. Das ist und bleibt seine große Lebensleistung.

Später hat er eine gewisse Befriedigung darin gefunden, dass er als deutscher Finanzminister so etwas wie der Schatzkanzler Europas wurde - ohne sein Ja läuft bei den europäischen Finanzen nur wenig. Allerdings bleibt sein Bild auch hier nicht ohne Brüche. In zahlreichen Interviews hat er immer wieder die europäische Philosophie vertreten, dass die Geldwertstabilität absoluten Vorrang hat. Gleichzeitig hat er aber auch mehrmals signalisiert, dass seine Sympathien eher EZB-Präsident Mario Draghi gehören als dem stabilitätsbewussten Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Gegen den Willen von Schäuble wäre es jedenfalls kaum zur Staatsfinanzierung durch unbegrenzte EZB-Anleihekäufe in den Krisenländern Südeuropas gekommen.

Charmeur und Zyniker

So bleibt das Bild von Wolfgang Schäuble schillernd. Die Festigkeit, mit der er Dinge behaupten kann, ist bemerkenswert. Was dieser Mann wirklich denkt und fühlt, weiß niemand. Nicht einmal die Kanzlerin. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen übt er auf die Bürger eine anhaltende Faszination aus.

So erklärt es sich auch, dass er in Umfragen stets hoch bewertet wird. Da kommen zwei Dinge zusammen: Das eine ist das tragische Schicksal, das ihn in den Rollstuhl zwingt - und das bewegt die Menschen. Und auf der anderen Seite gefällt den Bürgern seine kurze, klare und ruhige Art, die Dinge zu erklären. Auch das macht seinen politischen Erfolg aus: Er kann, wenn er will, unendlichen Charme entwickeln. Er kann Leute für sich einnehmen, er kann Gesprächsrunden überzeugen und gewinnt so eine natürliche, durchaus auch auf Sympathie gestützte Autorität.

Doch Schäuble hat auch auf dieser zwischenmenschlichen Ebene eine andere Seite. Die wurde deutlich im geradezu zynischen Umgang mit seinem früheren Pressesprecher Michael Offer, als dieser einmal die Unterlagen zu einer Pressekonferenz nicht rechtzeitig verteilt hatte. Er hat ihn vor der versammelten Pressekonferenz öffentlich gedemütigt. Ein unangenehme Demonstration seiner Macht.

Der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel hat einmal gesagt, Schäuble sei durch das Attentat ein verbitterter Mensch geworden. Schäuble hat sich über diese Aussage immer sehr geärgert, aber dem kritischen Beobachter wird auffallen, dass dieser Befund nicht ganz falsch ist.

Zu seinem 70. Geburtstag zeigt sich also ein janusköpfiger Schäuble; zum einen das freundlich lächelnde, kompetente Gesicht des Euro-Retters, auf der anderen Seite das des kalten Machtmenschen, der mit Kohl groß geworden ist. So oder so: Er bleibt ein Ausnahmepolitiker.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ist da eben in Asien ein Sack Reis umgefallen ??
herr_kowalski 17.09.2012
Zitat von sysopKohl-Vertrauter, Beinah-Kanzler, Attentats-Opfer: Nur wenige deutsche Politiker blicken auf einen so dramatischen Lebens- und Karriereweg zurück wie Wolfgang Schäuble. Am 18. September wird der Finanzminister 70 Jahre alt. Kritische Würdigung eines Ausnahmepolitikers. Gerd Langguth über Finanzminister Wolfgang Schäuble zum 70. Geburtstag - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,855021,00.html)
Der vergessliche Kriminelle wird auch noch gefeiert ?? Er gehört umgehend zwecks politischer Hygiene gefeuert. Aber ein Staat, der einem anderen Kriminellen names Birne auch noch ne Briefmarke widmet, merkt wohl kaum noch wie lächerlich er sicht macht.
2. optional
Sgt.Moses 17.09.2012
na ja, hoffentlich bleibt er es nicht! 70 jahre, der mann sollte endlich an die rente denken! trotzdem alles gute! ich hätte ihn merkel immer vorgezogen, obwohl ich keinen von beiden wählen würde!
3. Zweitrangig
W. Robert 17.09.2012
Na ja, der Mann hat quasi schon bei Kohl die Fäden in der Hand gehabt, bei Merkel erst recht. Die Frage ist nur, wer bei Schäuble die Fäden zieht. Ich glaube eigentlich nicht, dass Deutschland noch ein souveräner Staat ist. Ob es dazu „keine Alternativen“ gibt, ist zu bezweifeln. Deutschland ist „unter Schäuble“ zum Industriegebiet mit integrierter Schlafgelegenheit mutiert, die Zukunftsaussichten sind sowohl für uns als auch für Schäuble eher trist. Bald kommt der Zahltag der verfehlten Euro-Politik, dann kann es ganz schnell sehr ungemütlich werden. Insgesamt sieht es eher so aus, als ob wir das Lebensgefühl der DDR übernommen haben, statt umgekehrt. Konzernpolitik ist eben letztlich kulturzerstörend und menschenverachtend. Welches Label da am Fabriktor hängt, ist zweitrangig. So wie die gesamte derzeitige Politszene.
4.
rechtschreibung! 17.09.2012
Ich wünsche ganz einfach alles Gute zum Geburtstag !!!
5.
okokberlin 17.09.2012
schäuble schillernd??? der mann ist der schlimmste finanzminster aller zeiten. in den geschichtsbüchern wird er mit merkel als der totengräber D und er EU eingehen,weil er den deutschen sparer und steuerzahler ausgeplündert hat
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Wolfgang Schäuble
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 82 Kommentare
  • Zur Startseite
Zum Autor
DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestags und des CDU-Parteivorstands. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.