Rosneft-Job für den Altkanzler Karacho Schröder!

Die große Aufregung um den möglichen neuen Russen-Job von Gerhard Schröder ist Unsinn. Warum sollte ein Sozi kein Geld verdienen? Und was spricht eigentlich gegen gute Beziehungen zu Russland?

Gerhard Schröder
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Gerhard Schröder versteht etwas vom Kapitalismus. Das hat er schon als Kanzler bewiesen. Als Altkanzler lässt er seither die Gesetze von Profit und Akkumulation für sich privat arbeiten. Nun sorgt ein neuer Job für Ärger: Schröder soll beim russischen Ölkonzern Rosneft Aufsichtsratsmitglied werden. Die Aufregung ist natürlich besonders groß, weil Wahlkampf ist. Aber wer jetzt auf Schröder schießt und in Wahrheit die SPD treffen will, könnte sich verrechnen: Was sollten die Deutschen gegen einen Selfmademan haben - und gegen gute Beziehungen zu Russland?

Es gibt einiges, was man diesem Altbundeskanzler vorwerfen kann. Seine Arbeit für die Russen gehört nicht dazu.

Dass in Deutschland die Reichen reicher, die Armen ärmer und die Mitte schwächer werden konnte, das ist auch die Schuld dieses Kanzlers und seiner berüchtigten Agenda 2010. Diese Agenda hat die deutsche Sozialdemokratie gespalten und geschwächt und beides ist lange nicht überwunden. Aber dafür wird Schröder von vielen Beobachtern nicht nur nicht kritisiert, sondern im Gegenteil gelobt. Die "Bild"-Zeitung schrieb gerade: "Mit der Agenda 2010 legte er das Fundament für den heutigen wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands und bezahlte mit seiner Kanzlerschaft. Er stellte das Land über sich selbst."

Gerhard Schröder ist so eine Art kapitalistischer Märtyrer.

Zu Schröders neuem Job aber hat SPD-Chef Martin Schulz gesagt: "Ich würde das nicht tun" und sicherheitshalber noch hinzugefügt: "Auch nach meiner Zeit als Bundeskanzler werde ich keine Jobs in der Privatwirtschaft annehmen." Das war in zweifacher Hinsicht sympathisch: Erstens glaubt Schulz, dass er Kanzler wird. Zweitens will er sich nachher in der Wirtschaft keine goldene Nase machen. Das spricht für ihn. Aber Schröder will ja nicht Kanzler werden. Er war es schon.

Die Aufregung um Schröder hat etwas seltsam Verlogenes. Der SPIEGEL schreibt von einem 500.000-Dollar Honorar. Das stimmt zwar, weil das offenbar die vereinbarte Summe ist. Andererseits wird hier ein falscher Eindruck erweckt, weil Schröder nach Abzug der russischen Steuern, nach seiner Aussage 30 Prozent, davon 350.000 Dollar bleiben werden. Zudem fallen wahrscheinlich noch deutsche Steuern an.

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Übrigens ist das für Schröders Arbeitgeber vermutlich gut angelegtes Geld. Denn anders als so manche Politpfeife, die nach dem Ausscheiden aus dem Amt von irgendwelchen Konzernen oder Verbänden als Lobbyist durchgefüttert wird, ist Schröder sein Geld allemal wert - das hat er schon beim Pipelineprojekt in der Ostsee bewiesen.

Also, warum soll Schröder, der aus einfachen Verhältnissen kommt, der sich nach oben gearbeitet hat, der einen sozialdemokratischen Traum verwirklicht hat, kein Geld verdienen? Wenn die SPD eine antikapitalistische Partei wäre, könnte man die ganzen Skrupel ja verstehen. Aber die deutsche Sozialdemokratie hat schon vor sehr langer Zeit ihren Frieden mit dem System gemacht hat - das ist ja gerade das Sozialdemokratische an ihr. Kein Sozi muss sich schämen, wenn er Geld verdienen will. Hauptsache, er zahlt seine Steuern.

Dann ist da noch die Sache mit den Russen. Für Wladimir Putin zu arbeiten, das gehört sich offenbar nicht: "Unpatriotisch", sagt "Bild", "Unverfroren", die "Süddeutsche", und der laute Herr Scheuer von der CSU nennt Schröder einen "russischen Söldner". Es sollte ihm jemand ein Geschichtsbuch in die Hand geben, damit er Otto Schedl nachschlagen kann. Das war der bayerische Wirtschaftsminister, der Ende der Sechzigerjahre Gespräche mit Moskau aufnahm, um über die Tschechoslowakei Gas für Bayern zu bekommen.

Mit solcher Prinzipientreue, wie sie unsere Rechthaber und Eiferer im Fall Schröder an den Tag legen, wäre seinerzeit das Erdgas-Röhren-Geschäft nie zustande gekommen. Und gerade weil Gazprom und Rosneft nicht irgendwelche Unternehmen sind, sondern zum wirtschaftspolitischen Arm des Kreml gehören, schadet es nicht, wenn ein Deutscher dort mitmischt. Außerdem geht es hier nicht um Kabeljau aus der Barentssee oder Kaviar aus Ossetien - sondern um Gas und Öl, um Energie.

Es hat sich als segensreich erwiesen, dass die Energie-Diplomatie zwischen Russland und (West)-Deutschland parallel zur politischen Diplomatie verläuft. Selbst im Umgang mit den Sowjets galt: Auch wenn sonst nichts ging zwischen Ost und West - Gas und Geld gingen immer.

Wer Schröder kritisiert, sollte bedenken: Die Amerikaner versuchen, den Deutschen über ihre Sanktionspolitik das russische Gas abzudrehen und durch eigene Lieferungen zu ersetzen. Das ist genau die Vermengung von wirtschafts- und machtpolitischen Mitteln, die man den Russen vorwirft. Aber im Vergleich zum amerikanischen Präsidenten ist Putin ein Muster an Vernunft und Berechenbarkeit.

Deutschland tut gut daran, sich von keiner Seite abhängig zu machen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Schröder blieben nach Abzug der russischen und deutschen Steuern 170.000 Euro von seinem 500.000-Dollar-Honorar. Nach dem Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Russland werden die Steuern, die ein kontrollierender Aufsichtsrat in Russland zahlt, aber auf seine deutsche Steuerschuld angerechnet. Wir haben die Passage korrigiert.

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insgesamt 283 Beiträge
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Seite 1
nadennmallos 21.08.2017
1. Naja, als Ex-Kanzler dürfte sein Salär nicht schlecht sein, richtig?
Und es ist schon ein wenig sonderbar, wenn gut bezahlte Politiker Jobs in der Industrie annehmen, egal ob im In- oder Ausland, egal ob Rote, Grüne, Gelbe oder Schwarze. Gute Beziehungen zu Russland sind wichtig, keine Frage, nur: Hier geht's nicht um Beziehungen sondern um persönliche "Kohle".
Daedalus 21.08.2017
2.
Moment mal Herr Augstein: Wenn konservative Politiker oder gar Manager (pfui!) viel Geld verdienen, sind das bekämpfenswerte Auswüchse des Kapitalismus, wenn aber ein Sozi für fragwürdige Arbeitsleistungen und nur aufgrund seiner Politikkontakte in einem Jahr mehr Geld bekommt als viele Menschen in 5-10 Jahren nicht verdienen, ist das total in Ordnung? Merkwürdige Weltanschauung.
unky 21.08.2017
3. So isses!
Danke, Herr Augstein, für die wahren Worte. Die Russophobie in Teilen der Gesellschaft ist schier unerträglich. Da ist kein Argument zu dämlich, um dem Bürger "klar zu machen", dass die Russen - und an ihrer Spitze Putin - der Deutschen Erzfeinde sind. Erfreulich, dass sich noch jemand öffentlich traut, dem etwas entgegen zu halten.
jws1 21.08.2017
4. Erst einmal versprechen, dann sehen wir weiter
Schröder ist hereingelegt worden, so wie damals Gorbatschov. Die Wirtschaft hat Schröder durch "gewonnene Flexibilität" einen enormen Arbeitsplatzschub versprochen, sodaß es eben kaum noch Arbeitslose geben sollte. Und wenn, dann sollten diese Leute wieder schnell in Arbeit kommen, eben wegen dieser "Flexibilität". So wie man Gorbatschov damals das Blaue vom Himmel versprochen hatte. Was kann man daraus lernen? Eben keinen Versprechungen trauen.
lachina 21.08.2017
5. Herr Augstein, Sie haben Recht...
es hat immer ein "Geschmäckle", wenn ein hochrangiger Politiker nach seiner Amtszeit in die Wirtschaft einsteigt. Tatsächlich ist das in einem kapitalistischen System gang und gäbbe. Aber hier geht es um Russland und Putin - was immer mehr Züge eines neuen kalten Krieges annimmt. Als ob irgendwas besser wäre, wenn Herr Schröder für BP arbeiten würde!
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