Gerhard Schröder Der Spaßkanzler mit der ruhigen Hand

"Ich will da rein!" Das wusste Gerhard Schröder schon zu seinen Juso-Zeiten, als er nach einer Kneipentour am Zaun des Kanzleramtes rüttelte. Er hat es geschafft, sich "seinen Traum", wie er ihn mal in einem Interview nannte, zu erfüllen: Er ist Bundeskanzler geworden. Ob Schröder es jedoch über seine erste Regierungsperiode hinaus schafft, daran zweifeln derzeit die Wahlforscher.

Von Meike Werkmeister


Gerhard Schröder: Turbulente vier Regierungsjahre
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Gerhard Schröder: Turbulente vier Regierungsjahre

Sympathien verloren hat Schröder Umfragen zufolge in den vergangenen vier Jahren nicht. Noch immer will die Mehrzahl der Deutschen den 58-Jährigen am liebsten als Kanzler sehen. Hinter seiner Partei, der SPD, jedoch stehen immer weniger Wähler. Dass Schröder als Person so beliebt ist, ist wohl kein Zufall. Selten hat ein Kanzler das Volk mehr spüren lassen, dass er "einer von ihnen" ist. "Gerd" hat sich immer bemüht, Politik greifbar zu machen. Durch seine lockere Art schaffte Schröder es auch, mehr jüngere Menschen für die Politik zu interessieren. Während Kollegen sich in Polemik verloren, gelang es ihm, selbst komplizierte Zusammenhänge auf eine unterhaltsame und verständliche Art darzustellen.

Dass der Kanzler "einer aus dem Volk" ist, machte auch seine Herkunft glaubhaft. 1944 wurde er als Sohn eines Hilfsarbeiters im lippischen Mossenberg geboren und wuchs nach eigenen Angaben in ärmlichen Verhältnissen auf. "Ich habe am eigenen Leibe erfahren müssen, was es bedeutet, sich Chancen erkämpfen zu müssen", betont Schröder immer wieder. Aus einem einfachen Auszubildenden in einer Eisenwarenhandlung wurde ein erfolgreicher Jurist. 1963 wurde Schröder Mitglied der SPD, wohl auch beeinflusst durch seine Mutter, die eine "geborene Sozialdemokratin" gewesen sei. 1990 hatte er es bis zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen geschafft, 1998 zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Schröder mit Holzmann-Betriebsratschef Jürgen Mahneke (1999): Wähler wollten den Kanzler als "Macher" sehen
DPA

Schröder mit Holzmann-Betriebsratschef Jürgen Mahneke (1999): Wähler wollten den Kanzler als "Macher" sehen

Doch der härteste Kampf sollte erst beginnen, als Gerhard Schröder sein größtes Ziel bereits erreicht hatte. Turbulente vier Jahre liegen hinter ihm und seiner Regierung. Schon in den ersten Wochen nach der Machtübernahme wurde das Image der rot-grünen Koalition durch handwerkliche Fehler und Fehlstarts ramponiert. Einerseits umstrittene Gesetze - beispielsweise zur Neuregelung der 630-Mark-Jobs und Scheinselbständigkeit - andererseits personelle Unruhen warfen kein gutes Licht auf die neue Regierung. Oskar Lafontaine, Schröders Partner im Wahlkampf, legte nach wenigen Monaten sein Amt als Finanzminister wegen "schlechten Mannschaftsspiels" nieder. Und er war erst der Erste von insgesamt acht Ministern, die das Kabinett Schröder vorzeitig verlassen sollten. Solche Unruhen haben das Vertrauen des Wahlvolks angekratzt. Obwohl selbst Kritiker zugeben mussten, dass Schröders Regierung viele der längst überfälligen Reformen anpackte, hatten sich die Menschen noch mehr von einem Machtwechsel erhofft. Nur wenn sie Schröder als "Macher" sahen - wie beispielsweise bei der Rettung des Holzmann-Konzerns - waren sie zufrieden. Für seine "ruhige Hand" hatten sie bei über vier Millionen Arbeitslosen wenig Verständnis.

Privat gibt Schröder sich modern: Mit seiner vierten Ehefrau Doris Schröder-Köpf und ihrer Tochter Klara präsentiert er die perfekte Patchwork-Familie. Auch wenn die Journalistin sich in der Öffentlichkeit eher zurückhält, betont Schröder immer wieder den großen Einfluss seiner Frau ("Doris sagt.."). Selten hat es ein Kanzler geschafft, die Medien so für sich zu interessieren: Wenn er herzhaft nach einem Bier fragt, wird daraus schließlich ein Hit ("Hol mir mal 'ne Flasche Bier"), schießt er irgendwo in Deutschland gegen einen Fußball, läuft es in der "Tagesschau".

In einem Punkt in seiner bisherigen Amtszeit hat Schröder deutlich mehr bewegt, als die Wähler von ihm erwartet hatten: In der Außen- und Sicherheitspolitik leitete Schröder eine "Zeitenwende" ein, die noch wenige Jahre zuvor in der deutschen Öffentlichkeit undenkbar gewesen wäre. Ausgerechnet unter einer rot-grünen Regierung wurden zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg wieder Bundeswehrsoldaten zu internationalen Militäreinsätzen geschickt. Obwohl SPD und Grüne als Opposition heftig gegen solche "Out of Area"-Missionen gekämpft hatten, mussten sie in der Regierung ihre Vorstellungen an die Realität anpassen. Und so nahmen deutsche Soldaten an Nato-Einsätzen im Kosovo, Mazedonien und Afghanistan teil. Deutschland sei eine erwachsene Nation, die sich niemandem über-, aber auch niemandem unterlegen fühlen muss, erklärte Schröder vorm Bundestag.

Schröder in Aktion: "Zeitenwende" in der Außenpolitik
DPA

Schröder in Aktion: "Zeitenwende" in der Außenpolitik

Vor allem mit den Grünen geriet Schröder wegen der militärischen Einsätze immer wieder aneinander. Hier half ihm sein grüner Außenminister Joschka Fischer, der in seiner neuen Position auch zu neuen Einsichten gelangt war. Doch auch in den eigenen Reihen musste Schröder seine Politik immer wieder verteidigen. Es waren wohl auch diese Kämpfe der Koalition über außenpolitische Fragen, die ihr viel Kraft für innenpolitische Souveränität raubten. Der Person Schröder hat das Wahlvolk jedoch immer all das verziehen, was sie der Partei übel nahm. Ob Schröder schon drei Wochen nach der Scheidung von Hillu Doris heiratete, als "Spaßkanzler" in der Sendung "Wetten, dass..?" auftrat oder sich in Designerklamotten für Lifestyle-Magazine ablichten ließ - es scheint ihm nicht geschadet zu haben. Ob die Wähler ihm jedoch auch politisch eine zweite Chance geben, wird der 22. September entschieden.



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