Von Florian Gathmann
Berlin/Kos - Die Kanzlerin hat diesen Sommer auch Urlaub gemacht. Man darf allerdings davon ausgehen, dass sich Angela Merkel beim Wandern in Südtirol kaum erholen konnte vom Stress der vergangenen Monate.
Wie schön ist es dagegen, Altkanzler zu sein! Gerhard Schröder macht das gerade vor. Auch der SPD-Politiker war im Sommerurlaub - aber anders als Merkel scheint er seine Ferien in vollen Zügen genossen zu haben. Schröder verbrachte die vergangenen Wochen in einem Ferienclub, traumhaft auf einer Klippe der griechischen Insel Kos gelegen. Und wenn nicht alles täuscht, hat er so richtig Kraft getankt.
Soll das Euro-Sorgenkind Griechenland die Kanzlerin doch bis in den Urlaub verfolgen, ihr Vorgänger fährt einfach in die Ägäis und entspannt. Ganz bewusst, wegen der Finanzkrise und aus Solidarität mit den Griechen, sagt Schröder.
Gaby Löhr aus Hessen hat den tiefenentspannten Altkanzler in dem Club erlebt. "Ich war in den Sommerferien auch vier Wochen hier und hab auch ein wenig mitgearbeitet, Musik aufgelegt und Licht bedient", erzählte sie dem Stadtmagazin "Sensor" aus Wiesbaden. In Ferienclubs geht es entspannt zu, Freundschaften werden schnell geschlossen, meistens duzt man sich, ganz wie in der SPD. Genau richtig für Gerhard Schröder. Sie seien ins Gespräch gekommen, nachdem "der Clubchef ihm erzählt hat, ich sei Berufsschullehrerin und würde in den Ferien hier mithelfen." So beschreibt die Wiesbadenerin ihre Bekanntschaft mit Schröder.
"Er ist ein ganz lockerer Mensch ohne Allüren"
"Ich saß dann an seinem Tisch (zusammen mit seinen drei Bodyguards) und hab ihm gesagt, dass ich sehr stolz bin, dass er auch hier im Club ist", erzählt die Frau aus der hessischen Landeshauptstadt. "Wir haben über die Situation an meiner Schule und an den Schulen allgemein geredet." Der urlaubende Altkanzler scheint mächtig Eindruck auf sie gemacht zu haben: "Er ist ein ganz lockerer Mensch ohne Allüren."
Davon zeugt auch das gemeinsame Foto der beiden Urlauber aus Deutschland, der tief gebräunte Schröder im grauen Polohemd, die einen Kopf größere Blondine aus Wiesbaden im Tanktop. Gerd und Gaby. "Und am Schluss hab ich ihn gefragt, ob ich ein Bild mit ihm zusammen haben könne", berichtet Frau Löhr. Natürlich hatte der bestens gelaunte Schröder nichts dagegen.
Gerhard Schröder war so gut drauf an der traumhaften Ägäis, dass er sogar dem staatlichen griechischen Fernsehsender NET ein Interview in seinem Urlaubsdomizil gewährte. Im Hintergrund hört man Vögel zwitschern, allerlei Grünzeug wiegt sich im Wind, diesmal trägt Schröder ein blaues Polohemd. Allerdings ist selbst ein relaxter Altkanzler immer gut für eine politische Attacke, die es in sich hat.
Schröders geharnischter Vorwurf: FDP-Chef Rösler instrumentalisiere die Nöte Griechenlands zum persönlichen und parteipolitischen Vorteil. "Bundeswirtschaftsminister Rösler versucht, seinen Job als Vorsitzender der liberalen Partei mit dem Griechenland-Bashing zu retten", sagte er in dem Interview. "So geht das nicht." Röslers Haltung gefährde den Zusammenhalt Europas, und die Griechen hätten sie nicht verdient. Der Griechenland-Urlauber Schröder plädiert stattdessen dafür, Athen mehr Zeit bei der Euro-Rettung zu geben. "Ich hoffe und erwarte, dass Griechenland dabei bleibt." Das bescherte ihm prompt Titelbilder in den meisten Zeitungen des Landes.
Dass der FDP-Chef am Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin" prompt auf die Schröder-Äußerungen reagierte, dürfte dem Altkanzler ebenso gefallen haben. Er mag außer Dienst und raus aus dem politischen Tagesgeschäft sein - aber sein Wort hat eben immer noch Gewicht. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass die "Bild"-Zeitung am gleichen Tag fast die ganze Seite 2 für ein großes Schröder-Interview freiräumte. Darin darf sich der Altkanzler zehn Jahre nach Vorstellung der sogenannten Hartz-Gesetze ausgiebig selbst loben und die Agenda 2010 "einen Gewinn für die Gesellschaft" nennen.
Und dann hat Schröder auch noch einen Tipp für die Sozialdemokraten parat, frei nach dem Motto Johannes Raus, wonach Ratschläge auch Schläge sein können. In Sachen Kanzlerkandidatur gibt Schröder der SPD, deren Führung sich genau für das Gegenteil ausgesprochen hat, folgendes auf den Weg: "Wartet nicht zu lange mit der Entscheidung."
Wenn ein erholter Altkanzler einmal in Fahrt kommt, ist er eben schwer zu stoppen. Deshalb dürften sich Altbischof Wolfgang Huber und seine Gäste am Freitag auf einen sehr amüsanten Vortrag gefasst machen: Schröder wird bei der Berliner Geburtstagsfeier zum 70. des früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Rede halten.
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